Mit der Möglichkeit zum Ausgleich war die deutsche Handball-Nationalmannschaft in der 55. Minute nah dran, ihr Wintermärchen bis zum glücklichen Ende am Sonntagabend zu erzählen. Dann fehlte wenig, um Norwegen auch bis in die 60. Minute ein ebenbürtiger Gegner zu sein – wie es im Handball so ist; ein Fehlwurf hier, ein Stellungsfehler da: Gegen viel Routine und individuelle Klasse unterlag Trainer Markus Gaugischs Team im Finale 20:23 (11:11) und musste sich bei dieser Weltmeisterschaft in den Niederlanden und Deutschland mit Rang zwei begnügen. Das Motto mit Leben gefüllt Dieses „Silber“ ist 300.000 Euro wert, so hoch ist die vom DHB ausgelobte Teamprämie. Norwegen ist ohne Niederlage ein würdiger Weltmeister – musste gegen die zähen Deutschen am Sonntag auch erstmals richtig kämpfen. Nach acht deutschen Siegen und teils bemerkenswerten Auftritten fehlte es gegen die Dominatorinnen aus dem Norden an wenig. Bei ihm überwiege die „Enttäuschung. Ich hätte den Spielerinnen den Lohn gegönnt, wir haben alles auf der Platte gelassen“, sagte Bundestrainer Gaugisch: „Jetzt ist Zeit traurig zu sein. Dann kommt der Stolz.“ Trotz der Niederlage hat diese feine Mischung aus jung und alt Werbung für den Frauenhandball gemacht: hands up for more. Das Motto der Weltmeisterschaft hat das deutsche Team mit Leben gefüllt und erhebliche Hoffnungen für die Zukunft geweckt. Ein für Norwegen schmeichelhaftes 11:11 zur Pause, wer hätte das gedacht? Nur die acht Paraden der 45 Jahre alten Torhüterin Katrine Lunde in ihrem letzten Länderspiel und fünf technische Fehler der Deutschen verhinderten eine höhere Führung der DHB-Auswahl. Plus drei hätte es Mitte der ersten 30 Minuten einmal heißen können – doch Rechtsaußen Jenny Behrend schleuderte den Ball bei einem Gegenstoß auf die Tribüne. Der Respekt vor Lunde waberte durch Rotterdams Ahoy Arena. 5500 Menschen sorgten für einen schönen Rahmen dieser WM – im Spiel um Platz drei hatte früher am Nachmittag Frankreich die Gastgeberinnen aus den Niederlanden 33:31 nach Verlängerung bezwungen: Lange Gesichter in Oranje. Später reckten die Deutschen häufig Fäuste in die Höhe. Es lief gut in der Rolle als Außenseiter. Bis dahin, es stand 8:6 durch den Treffer der vorn wie hinten starken Emily Vogel, waren die sie voll auf der Höhe. Am eigenen Kreis rührten Vogel und Aimée von Pereira Beton an. Auf die weltbeste Spielerin Henny Reistad ging immer eine deutsche Gegnerin raus; so hielt man sie bei null Treffern im ersten Durchgang. Das war überragende Abwehrarbeit. Vorn wurde es mit zunehmender Spielzeit schwieriger, weil die Norwegerinnen nach 20 Minuten und einer Auszeit viel härter zupackten. Sie waren spürbar beeindruckt vom ersten Kontrahenten dieses Turniers, der ihnen Gegenwehr bot. In den ersten Minuten waren es Viola Leuchters Treffer, die Deutschland dranbleiben ließen. Die 185 Zentimeter lange Linkshänderin ist die Entdeckung des Turniers, sie wurde als seine beste Nachwuchsspielerin ausgezeichnet. Allerdings verlangt ihr der Einsatz auf höchsten Niveau körperlich alles ab: Tempospiel gab es am Sonntag kaum noch. Besonders Norwegen ließ es ruhig angehen. Nach 18 Minuten brachte Gaugisch die sonst später eingetauschten Nina Engel und Annika Lott für die Spielsteuerung. Im neunten WM-Spiel binnen 16 Tagen mussten alle auf die Zähne beißen. Engels 10:9 in der 23. Minute und Annika Lotts 11:10 fünf Umdrehungen später ließen einen guten Ausgang der ersten Finalhälfte erwarten. Doch die bisher so erfreulich und frisch auftretenden Engel und Nieke Kühne merkten gegen norwegische Entschlossenheit, wie groß der Unterschied zwischen Bundesliga und WM-Finale ist: Da war kein Durchkommen. Auch provozierte Norwegens nun offensivere Deckung deutsche Fehler. Durch ihre drei Großtaten tat Katharina Filter im deutschen Tor ihr Möglichstes, um mit der Legende auf der anderen Seite mitzuhalten. Ein dummer Fehler Engels handelte den Deutschen einen Treffer ins leere Tor ein. 11:11, ein zu magerer Ertrag der nächsten starken Halbzeit bei dieser Weltmesse des Handballs. Nach der Pause wirkte es, als hätten die deutschen Frauen nachgedacht, dass da tatsächlich etwas Großes möglich sein würde. Schnell stand es 12:15, 13:16. Nun traf auch Reinstad. Katrine Lunde wehrte den zwölften deutschen Wurf ab. Ingvild Bakkerud deckte wild. Lisa Antl am Kreis verdiente sich zwei Dutzend neue blaue Flecken am ganzen Körper. Die norwegische Bank stand. Genauso haben die Norwegerinnen in den vergangenen Jahre alle Medaillen der Handballwelt mit nach Oslo gebracht. Doch Gaugisch brachte Alina Grijseels für eine ruhigere Lenkung. Nieke Kühne kam für die ausgepumpte Vogel. Als Grijseels zum 15:16 traf (44. Minute), hatte das deutsche Team sich zurückgekämpft. Das Finale wurde zum Krimi. Einmal noch glich Deutschland aus. Doch dann drehte Henny Reistad spät mit Toren und Vorlagen auf – und brachte Norwegen den Titel. Die Skandinavierinnen haben nun zwischen 2024 und jetzt Weltmeisterschaft, Europameisterschaft und olympisches Gold gewonnen. Hintereinander. Gegen dieses Team darf man verlieren. Stolz und Freude überwogen dann später auch in den deutschen Gesichtern.
