Wer von Wahlergebnissen kalt erwischt wird, hat vorher etwas falsch gemacht. Das kennt man aus der jüngsten deutschen Innenpolitik. Das mulmige Gefühl, Stimmungen missgedeutet zu haben, erlebte nun auch Gerd Butzeck. Der 66 Jahre alte Handballfunktionär aus Solingen scheiterte am Sonntag in Kairo in seinem Versuch, die Handballwelt aus den Angeln zu heben. Statt ihm wird Hassan Moustafa den Weltverband IHF vier weitere Jahre anführen. Der 81 Jahre alte Ägypter setzte sich dank der Stimmen aus Afrika und Asien deutlich durch – in vielen dieser Länder gibt es kein geregeltes Handballspiel. Nicht Reform, Transparenz und Verlässlichkeit haben gewonnen, sondern Machtbewahrung, Loyalität und Eigeninteressen. Die drei europäischen Gegenkandidaten hatten handelsüblichen Wahlkampf betrieben, posteten ihre Programme in den sozialen Medien. Acht Monate hatte Butzeck versucht, Verbandsfürsten auf seine Seite zu bringen. Doch am Ende biss er sich an der Mauer des Widerstands die Zähne aus: Fortschritt und moderne Führung konnten nichts bewirken gegen Selbstbehauptung und Kontrolle. Natürlich liegt der Fehler im System der IHF. Der finanziell florierende Verband gewährt jedem Mitglied eine Stimme. Das verzerrt Macht und Einfluss. In Kairo lief das Internet schleppend, die Abstimmung dauerte ewig. Beim Kontinentaltreffen am Tag vor der Wahl waren die Gegenkandidaten ausgeladen, konnten ihre Vorstellungen vom modernen Handball nicht an die Frau oder den Mann bringen. Gerd Butzeck muss sich ausgetrickst vorkommen Butzeck und der Deutsche Handballbund (DHB) hatten sich auf allerlei Störmanöver vorbereitet. Doch das, was an Ort und Stelle passierte, überstieg offenbar ihre Erwartungen. Mit Generalsekretärin Amal Khalifa hat der greise und gesundheitlich angeschlagene Moustafa eine gewiefte Frau im Hintergrund. Auch Butzeck, der vom DHB gestützte Kandidat, ist mit allen Wassern gewaschen. Und doch musste er sich in Kairo ausgetrickst vorkommen. Seine erhofften Mehrheiten, die Früchte seiner Arbeit, wuchsen nicht. Auch „sein“ Vizepräsident fiel durch, der Bahrainer Ali Eshaqi. Butzeck wollte mit Argumenten überzeugen. Der Amtsinhaber konnte den „kleinen Ländern“ finanzielle Aufbauhilfe anbieten, wofür auch immer. Moustafas stärkstes Argument ist die weltweite Abdeckung des Handballs. Mit „Geisterverbänden“, in Ländern, in denen kein Handball gespielt wird, muss man hinzufügen. Es gibt allerdings auch eine andere Sicht auf die Dinge. Der Franzose Philippe Bana wurde neuer Vizepräsident – mit erheblicher Machtfülle. Die Franzosen sind Moustafas Weg der vermeintlichen Kontinuität mitgegangen, statt ihn zu attackieren. Bana hat nun gute Chancen, der nächste Präsident zu werden und kann schon jetzt beginnen, seine Ziele durchzusetzen, als da sind: digitale Transformation, Dialog mit den Verbänden, Handball als olympischer Sport. Das klingt verdächtig nach Butzecks Programm – und wäre eine Revolution von innen, sollte sie gelingen. Für den Moment war der Sonntag von Kairo also auch ein Wahlkampf-Lehrstück: Manchmal ist Raffinesse erfolgversprechender als der gerade Weg.
