FAZ 20.01.2026
14:38 Uhr

Handball-Nationalmannschaft: Willkommen im Wahnsinn


Einmal im Jahr wird Handball fast so überhöht wie Fußball. Das DHB-Team ist gegen Spanien trotz allerlei Dreistigkeiten cool geblieben. So könnte Gislasons Mannschaft es weit bringen.

Handball-Nationalmannschaft: Willkommen im Wahnsinn

Wohl oder übel erleben die deutschen Handballer dieser Tage ihre Fußballmomente: Millionen Fernsehzuschauer verfolgen gebannt, inwieweit die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) ihren hoch gesteckten Ansprüchen gerecht wird. Tausende fühlen sich zu Heimbundestrainern berufen und meinen genau zu wissen, was der Quasi-Kollege Alfred Gislason ziemlich gut oder ganz schlecht macht. Und ein Aufgebot von Handball-Altstars von Stefan Kretzschmar bis Michael Kraus preist oder verreißt je nach Spielausgang öffentlich jeden deutschen Auftritt bei der Europameisterschaft. Willkommen im Wahnsinn. Und Glückwunsch, trotz aller Überhöhungen und Aufgeregtheiten, die man aus dem Fußball und vor allem rund ums DFB-Team kennt, cool geblieben zu sein und die EM-Vorrunde nach einer glänzenden wie geschlossenen Leistung gegen Spanien als Erster abgeschlossen zu haben. Nebengeräusche ignoriert Dass das Handballteam wie erhofft in der Hauptrunde steht und zwei Pluspunkte hat mitnehmen können, zeugt von schneller Auffassungsgabe bei Alt und Jung. Der Bundestrainer, seit fast sechs Jahren auf dem Posten, hat aus seinem verkorksten Coaching, das zur Niederlage gegen Serbien führte, die richtigen Schlüsse gezogen: Er hat die Breite seines spitze besetzten Kaders ausgenutzt. Und Gislasons Getreue gingen vorne wie hinten mit Mut und Entschlossenheit zu Werke, die angesichts der prekären Ausgangslage mitreißend erschien. Das hat man von deutschen Nationalmannschaften in ähnlichen Situationen schon anders gesehen. Nämlich denen aus dem Fußball bei den vergangenen Weltmeisterschaften. Anders als die DHB-Auswahl in Herning hatten es die DFB-Teams 2018 und 2022 nicht geschafft, eine unerwartete Vorrundenniederlage gegen Mexiko und Japan ratzfatz zu verarbeiten und den Nachteil mit breiter Brust wettzumachen. 2018 war der selbstverliebte Joachim Löw – anders als der selbstkritische Gislason dieser Tage – nicht mehr in der Lage, die Mannschaft mitzunehmen. In Qatar schwirrte den deutschen Kickern vor lauter Nebengeräuschen so sehr der Kopf, dass sie Hansi Flicks Gänse- und Gedankenflügen nicht mehr folgen konnten. Die Handballer dagegen ließen sich nicht kirre machen von den Tönen, die sie sich von Landsleuten anhören mussten. Besonders arg trieb es Bob Hanning, der in seiner „Bild“-Kolumne zu einer Art Didi Hamann des Handballs wurde. Mit dem Unterschied, dass der Fußball-Grantler bezahlter Sky-Experte ist und nicht Konkurrent des Bundestrainers. Dass Hanning, Geschäftsführer des deutschen Meisters Füchse Berlin, bei der EM Italien betreute, hielt ihn nicht davon ab, sich frech in fremde Belange einzumischen. Er hielt Gislason allerlei Versäumnisse vor und versuchte sich als Endzeitstimmungsmacher. „Es geht um nicht weniger als die Zukunft unserer Sportart“, schrieb Hanning in boulevardesker Zuspitzung vor dem Spanien-Spiel. Da mussten die Handballer fast froh sein, dass nicht gleich von Deutschlands Leistungsvermögen die Rede war wie gerne mal im Fußball. Oder gar vom drohenden Weltuntergang. Gislasons DHB-Team wurde oft vorgeworfen, allzu leise daherzukommen. Gerade ist es seine Stärke, den Jahrmarkt der Eitelkeiten an sich vorüberziehen zu lassen. Mit der Kunst des Ausblendens und der Besinnung auf sich selbst könnte es der Olympiazweite weit bringen.