FAZ 16.01.2026
17:20 Uhr

Handball-EM: Wie die Ausnahmekönner aus Dänemark ticken


Der eine galt als zu klein, der andere wurde für sein Berufsziel ausgelacht: Nun gehören Mathias Gidsel und Simon Pytlick zu den bekanntesten Personen Dänemarks – und können etwas schaffen, das es noch nie gab.

Handball-EM: Wie die Ausnahmekönner aus Dänemark ticken

Wenn dich bei „Superbrugsen“ oder „Føtex“ ein blonder Typ an der Kasse vorlässt, weil du nur eine Packung Roggenbrot hast, könnte das Mathias Gidsel gewesen sein. Oder Simon Pytlick. So werden die beiden in dem neuen Buch eingeführt, das einfach „Gidsel og Pytlick“ heißt, „das beste Paar der Welt“. Seit gemeinsamen Kindheitstagen in der Nachwuchsschmiede des legendären Klubs GOG sind die beiden ein Handballgespann. Ihre Geschichte ist auch deshalb schon so oft erzählt worden, weil sie eine Metaebene beinhaltet: Gidsel galt als zu klein und dünn für Handball. Pytlick wurde in der Schule ausgelacht, als er das Berufsziel Handballprofi angab. Als Achtzehnjähriger war er die Nummer drei der Spielmacher. Nichts deutete auf eine Weltkarriere hin. Das galt auch für Gidsel, der Rechtsaußen spielte. Nach dem Thema Grönland kommt die Handball-EM Nun gehören sie zu den zehn bekanntesten Personen des kleinen Königreichs. Sicher, auch in diesen Tagen spricht ganz Dänemark über Grönland. Aber gleich danach kam der analytische und von Vorfreude geprägte Blick auf das erste Spiel der Handballherren am Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und bei DYN) in der Jyske Bank Boxen gegen Nordmazedonien. In der Vorrunde trifft die Sieben von Landestrainer Nikolaj Jacobsen außerdem auf Rumänien und Portugal. Alles andere als der Finalsieg am Sonntag, 1. Februar, um 18.00 Uhr wäre eine Enttäuschung. Denn der kontinentale Triumph fehlt noch: Verteidiger der Titel bei Olympia, WM und EM, das gab es nie. Interessant ist immer wieder, wie anders dänische Handballspieler über ihr Leben in Deutschland sprechen, wenn sie zu Hause sind. Das „samling“ genannte Treffen vor großen Turnieren hat legendären Charakter. Alle sind gemeinsam daheim, mit den typischen Gerichten, der vertrauten Sprache, den alten Scherzen und der typischen Ansprache mit dem Nachnamen: „Pytlick!“, „Gidsel!“ Kaum war Simon Pytlick in Dänemark, schimpfte er gegenüber TV 2 über seinen Arbeitgeber SG Flensburg-Handewitt. Sie habe ihn nicht geschützt, als die Fans ihn neulich mit einem Plakat brandmarkten. Ihnen hatte sein avisierter Wechsel zu den Füchsen Berlin missfallen. Im Sommer 2027 wird es so weit sein. Die kleine Affäre war kalkuliert: ausgeschlossen, dass sich Pytlick jemals einem deutschen Medium gegenüber so geöffnet hätte. Vor Jahren hatte Welttorwart Niklas Landin in seinem Podcast „Der Duft von Harz“ die zwar eindrucksvolle, aber auch unmenschliche Leistungsmoral beim THW Kiel und die deutsche Ernsthaftigkeit verspottet. Das wahre Leben findet in Dänemark statt, versüßt von deutschen Euros. Mathias Gidsel hat in diesen Tagen dänischen Medien erzählt, welchen Einfluss er bei den Füchsen hat, wie sehr er gebohrt habe, den Kader zu verstärken – gedankt wurde ihm mit Dika Mem. Bei aller Demut, bei aller Erdung kennen beide ihre Sonderrollen. Der Clou ist ja nun, dass „Gidsel & Pytlick“ bald ihre Teeniejahre nachstellen dürfen, wenn sie spätestens in anderthalb Jahren zusammenspielen. Die Reihe Pytlick, Gidsel, Mem lässt die Träume Berliner Handballfans wahr werden. Dass das Ganze unter Nicolej Krickaus Leitung stattfindet, ist das Tüpfelchen auf dem i: Der 39 Jahre alte Däne formte die beiden zwischen 2017 und 2023 zu Nationalspielern. Übrigens hat Krickau in einem Sonderheft zur EM auf die Frage geantwortet, wer denn bei diesem Turnier stolpere: „Deutschland!“ „Ich könnte mich hier volllaufen lassen“ Zur Wahrheit gehört, dass die dänischen Ausnahmekönner ihre Popularität mögen, aber Gidsel bei Pytlick mit der Anonymität Berlins warb: „Ich könnte mich hier volllaufen lassen und in einer Karaokebar ‚Wonderwall‘ von Oasis singen. Ohne dass ich Angst haben müsste, dass mich jemand filmt oder fotografiert und das veröffentlicht.“ In Flensburg sowie Dänemark verlangt ihre ausgestellte Position hingegen Zurückhaltung. Gidsel mit seinen schlangenartigen Bewegungen, dem Durchwieseln zwischen zwei Verteidigern, seinem immerwährenden Einsatz und der Fähigkeit, die ganze Mannschaft mitzunehmen, hat den Wert eines Einzelnen für alle auf ein neues Niveau gehoben. Hinzu kommt Pytlick mit seinem charakteristischen Unterarmwurf und der Fähigkeit, aus großer Entfernung zu treffen. Das ist kaum zu verteidigen. Es ist wie Hase und Igel – meint man, den einen gebremst zu haben, ist der Ball schon beim anderen. Und zwar unermüdlich. Das passende Bild bekam man am 11. August 2024 beim olympischen Handballfinale in Lille, Dänemark gegen Deutschland. Kurz nach der Pause liegen die Dänen mit zehn Toren vorn. Gidsel wirft sich trotzdem waghalsig nach dem Ball, rammt eine Bande, tut sich weh. Und hält ihn in den Händen. „Das war das einzige Mal, dass Nicolej sagte, dass ich den Ball hätte lassen sollen. Wir führten ja mit zehn. Aber das ging nicht. Ich war so im Tunnel. Ich musste loslaufen! Das muss man doch. Es ist ein Olympia-Finale.“ Als das 39:26 steht, hat Gidsel elf Tore geworfen. Pytlick sechs.