Alfred Gíslason stöhnte. „Wir haben das leere Tor nicht getroffen!“, klagte der Bundestrainer, und: „Unser Überzahlspiel war sehr schlecht.“ Aber es gibt auch viel Positives über diese „neue“, junge Nationalmannschaft zu sagen. An Einsatz, am Willen fehlt es selten. Die Teamchemie stimmt, alle kommen gern zum Deutschen Handballbund (DHB). Das war mal anders. Schaut man auf die Taktik, auf die Anpassung an Varianten des Gegners, sehen die Deutschen häufig alt aus. Verlässt das Spiel die gewohnten Bahnen – sechs Angriffsspieler treffen auf sechs Verteidiger, die mit den Hacken an der Linie kleben –, meint man das Rattern in den Hirnen der Profis zu hören: Was soll ich jetzt machen? Beim 30:27 (12:8) am Donnerstagabend gegen Österreich zum Start der Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen profitierte Gislasons Sieben von Gegners Härte. Weil oft ein Österreicher nach Zeitstrafe draußen zusehen musste, traf sie nur auf fünf Verteidiger. Hier aber fehlte es Spielmacher Julian Köster an Überblick und Handlungsschnelligkeit, rechtzeitig den freien Mann zu erspähen, der unweigerlich ungedeckt sein muss, sobald auch nur ein bisschen Bewegung entsteht. Deutschland „schaffte“ es nicht, numerische Überlegenheiten gut genug auszuspielen. „Eine Überzahl muss nicht 3:0 ausgehen. 1:0 reicht auch“, sagte Gislasons Assistent Erik Wudtke am Freitagmorgen beim Teamhotel in Silkeborg. Das war noch in den Tests gegen Kroatien besser gewesen. Aber wie meinte Gislason: „Das waren Tests.“ „Uns fehlte die nötige Ruhe“ Sieht man, wie die Dänen ihre Überzahl anlegen, wirkt das wie die Sowjetunion im Eishockey der Siebzigerjahre: Pass, Pass, Tor. Bei den Deutschen mangelt es offensiv oft an klaren Abläufen: Was auch daran liegt, dass Gislason viel Wert auf Abwehrtraining legt, um Stabilität zu erzielen. „Uns fehlte in Überzahl die nötige Ruhe, um sie auszuspielen“, erläuterte Ko-Trainer Wudtke, „wir hatten vorher das leere Tor verfehlt, was auch in Überzahl nicht zur Sicherheit beitrug.“ Man müsse zudem die Österreicher loben. Sie hätten es in Unterzahl „mutig und offensiv“ gelöst. Schwierig wird es für Schwarz-Rot-Gold traditionell, wenn der Gegner seine Halbverteidiger vorzieht und auf die deutschen „Halben“ heraustritt. Solch eine offensive Deckung beraubt den deutschen Werfern Renars Uscins und Miro Schluroff (oder Marko Grgic) ihrer Gefahr: Bekommen sie vom Mittelmann den Ball, steht ihnen den Gegner schon auf den Füßen. Kein Platz zur Entfaltung. Ein beweglicherer Mittelmann wie Nils Lichtlein kann helfen, denn für ihn bleibt mehr Raum. Er kann die Innenverteidiger austanzen. Lichtlein fehlte am Donnerstag. Juri Knorr kann es auch, spielte aber weniger als Köster. Unabhängig von der aktuellen Auswahl spielen deutsche Teams ungern gegen offensive Deckungen – und stellen sie selbst auch selten auf: Als sei es Furcht, dass der gegnerische Spielmacher durch die Maschen schlüpft, wirkt eine deutsche Abwehr mit vorgezogenen Halbverteidigern oft halbherzig, wenig einstudiert, aus der Not geboren. In den Bundesliga-Vereinen wird sie jedoch praktiziert; beim THW Kiel beispielsweise. Erfolgreich. Aber mit ausländischen Spielern als Halbverteidigern. Tore aus neun oder mehr Metern nehmen ab Gislason testet seit Jahren in seinen wenigen Einheiten mit der Nationalmannschaft die besonders luftige Reihung mit Julian Köster auf der Spitze – „role model“ dafür ist der Kroate Domagoj Duvnjak. Er nervt elf Meter vor dem Tor so lange, lockt, täuscht, bis der Gegner sich zu einem Fehler hinreißen lässt: ein Meisterdieb. Die Deutschen spielen die 5:1-Deckung nur in größter Not. Dass mal sie es sind, die den Gegner vor ungewohnte Aufgaben stellen, kommt selten vor. Siege über kleinere wie Österreich ermöglicht dann individuelle Klasse – von Andreas Wolff (zwölf Paraden), von Johannes Golla (sieben Tore). Oder auch von Miro Schluroff, der bei seinem EM-Debüt mutig blieb und vier Mal traf. Es fällt Gislason schwer zu entscheiden, ob er das Bewährte vertiefen oder Neues einstudieren soll. Handball ist ein althergebrachter Sport. Lupenreine „Erfindungen“ gibt es selten. Wenn, kommen sie aus dem Vereinssport, wie Bennet Wiegerts Idee, dass sich seine Magdeburger auf sechs Meter Torentfernung durchwühlen und von dort werfen, weil es die Chancen erhöht – so simpel wie erfolgreich. Andere Trainer folgen ihm: Tore aus neun oder mehr Metern nehmen ab. Das hat der dänische Analyst Rasmus Boysen gerade beschrieben. Zum Glück wartet an diesem Samstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, in der ARD und DYN) in Serbien ein Kontrahent, der auf eine 6:0-Abwehr vertraut. Kompakter als Österreich, ohne heraustretende Halbverteidiger, wie Wudtke erklärte. „Sie spielen nicht so spanisch wie Spanien und Österreich“, sagte er angesichts dreier iberischer Coaches in der Vorrundengruppe A. Doch selbst wenn das für deutsche Ohren gewohnt klingt und angenehmer zu spielen sein könnte, steht dahinter einer der weltbesten Torhüter – Dejan Milosavljev aus Berlin. Die Aufgaben werden nicht leichter. Weder taktisch noch personell. Aber vielleicht überraschen zur Abwechslung die Deutschen ihre Gegner.
