FAZ 15.12.2025
15:01 Uhr

Handball-Bundestrainer: Nach dem WM-Coup stehen die Zeichen auf Abschied


Die deutschen Handball-Spielerinnen würden nach der begeisternden WM gern mit ihrem Trainer weitermachen – doch den zieht es in die lukrativere Ecke dieses Sports: zu den Männern.

Handball-Bundestrainer: Nach dem WM-Coup stehen die Zeichen auf Abschied

Es hätte jetzt alles richtig romantisch werden können. Mit Medaillen um den Hals und in der Hand standen Markus Gaugisch und Ingo Meckes in der zugigen Interviewzone der Ahoy Arena. Sie grinsten unter dem Eindruck beeindruckender Auftritte des Nationalteams um die Wette. Doch ewige Treue schworen sich der Bundestrainer und der Sportvorstand nicht. Wer ihren Worten lauschte, vernahm Abschiedsschwingungen. Gaugisch hatte zuvor schon Bekenntnisse zum Deutschen Handballbund (DHB) vermieden. Sein Vertrag dort läuft Ende April 2026 aus. „Ich habe Bock auf Handball, ich habe Lust zu arbeiten, mit einer Mannschaft etwas zu entwickeln“, sagte er am Sonntagabend. Es ist kein Geheimnis, dass es ihn nach knapp vier Jahren als Frauen-Bundestrainer in den Vereinshandball zieht. In den Vereinshandball der Männer. In Rotterdam wirkte er, als habe er die Mission beim DHB im Moment des größten Erfolges gedanklich schon beendet: Lange hatte sein Team die norwegischen Weltmeisterinnen ins Grübeln gebracht. Erst in den Schlussminuten machten die Champions aus Skandinavien mit Cleverness und Klasse (Henny Reistad, Katrine Lunde) die nächste Goldmedaille klar. Sie wurden beim 23:20 (11:11) erstmals in diesem Turnier gefordert, lobten später den Gegner pflichtschuldig, nahmen Pokal und Plaketten routiniert entgegen. Für die 45 Jahre alte Torhüterin Lunde war es das letzte Länderspiel. Diesmal stimmt die Chemie Den Deutschen blieb der zweite Platz, die erste Auszeichnung seit 18 Jahren. Mehr noch – auch die B-Note war erfreulich, dieses Team strahlt Frische, Zusammenhalt und Mut aus. „Auf und neben dem Feld sind das gute Vorbilder“, sagte Gaugisch, „sie kämpfen für die nächste Generation an Handballerinnen.“ In der öffentlichen Debatte um Einkommensunterschiede und (fehlende) Wertschätzung mischten viele seiner Spielerinnen ohne Scheu mit. Anders als früher stimmte die Chemie. Xenia Smits, der integrativen Kraft der Gruppe, kullerten die Tränen über die Wangen: „Wir hatten hier Wochen ohne Schnickschnack. Das war einfach schön.“ So schön wird es vielleicht nie wieder. Zumindest nicht in dieser Konstellation. Ingo Meckes lobte zwar den Eindruck, den dieses Team unter ihrem Chef hinterließ: „Markus Gaugisch hat einen ganz, ganz großen Anteil daran.“ Also weiter mit ihm in Richtung Olympische Spiele 2028? „Wir haben uns schon vor der WM unterhalten. Wir haben einen super Kontakt“, antwortete er vielsagend. „Sehr entspannt“, sei er bezüglich der Vertragsfrage, steuerte Gaugisch bei: „Wir werden uns jetzt hinsetzen und schauen, was wir hinkriegen.“ Aus seiner Gruppe kam viel Zuneigung. „Er hat die richtigen Knöpfe gedrückt“, sagte Xenia Smits, „ich wünsche mir, dass er bleibt.“ Kapitänin Antje Döll sagte, sie würde sich „wahnsinnig freuen“, sollte Gaugisch weitermachen. Für die 37 Jahre alte Linksaußen hielt dieses Turnier einen krönenden Abschluss bereit, wurde sie doch wie Emily Vogel ins „All-Star-Team“ gewählt. Rückraum-Akteurin Viola Leuchter bekam den Titel „beste junge Spielerin“ verliehen. Vogel befreit von der Last Zur stärksten Deutschen vorn wie hinten schwang sich Emily Vogel auf. Befreit spielte die Sechsundzwanzigjährige in den Tagen von Stuttgart, Dortmund und Rotterdam auf. Ohne die Last des Kapitänsamts, mit weniger Erwartungen auf den Schultern, aber auch mit einer Portion Wut im Bauch nahm sie es mit den harten Norwegerinnen auf, immer wieder: „Es war so ein geiles Finale gegen eine fast unschlagbare Mannschaft. Sie haben nachgedacht.“ Gerade Vogel, bekannt auch unter ihrem Mädchennamen Bölk, hatte sich in den Turnierwochen als Vorkämpferin der Gleichstellung profiliert, sie sagte nun: „Wir haben uns unseren Kritikern gestellt und haben sie begeistert. Handball wird über 2026 hinaus Frauensache sein.“ Doch im Moment ihres größten Erfolges fragte sie sich auch, „wann wir wieder so nah dran sein werden“. Es ist ja so eine Sache mit organischem Wachstum im Teamsport. Den Französinnen hatten Schwangerschaften und Verletzungen einen Strich durch die Mission „erfolgreiche Titelverteidigung“ gemacht. Als „Generation geiler Handball“, bezeichnete Gaugisch sein Team, das den Viertelfinal-Fluch aufgehoben hat. „Aber es ist keine Selbstverständlichkeit, dass es wieder passiert“, mahnte er, erinnerte daran, dass alle prägenden Norwegerinnen bei jenen Teams ihr Geld verdienen, die am Champions-League-Wochenende auf dem Treppchen stehen. Seine Emporkömmlinge Nieke Kühne und Nina Engel hingegen versuchen bei der HSG Blomberg/Lippe vom Handball zu leben. Beide rannten sich im Endspiel die Köpfe ein. Da war viel Luft nach oben. Was auch für die Handball-Bundesliga der Frauen gilt. „Jetzt haben Sponsoren doch gesehen, was in dieser Sportart steckt“, warb Nationalmannschaftsmanagerin Anja Althaus, „ich wünsche mir, dass mehr Sponsoren Bundesligavereine unterstützen, dass wir Hallen bauen, dass es normal wird, wenn das Fernsehen Frauenhandball zeigt und nicht bis zum nächsten großen Turnier wartet.“ Der DHB will die Welle des Erfolges reiten – Länderspiele sollen zu Festtagen werden. Das ist eine erwartbare Entwicklung. Ob dauerhaft mehr Sichtbarkeit des Frauenhandballs über die Bundesliga erzielt werden kann, scheint fraglich: In Buxtehude, Metzingen und Bensheim werden die Spielerinnen bald wieder unter sich sein.