FAZ 25.11.2025
18:15 Uhr

Hammerbande-Prozess: Drei Stunden allein für die Verlesung der Anklage


In Dresden hat ein großer Prozess gegen mutmaßliche Linksextremisten begonnen. Von Leipzig bis Budapest sollen sie Jagd auf Rechtsextreme gemacht haben.

Hammerbande-Prozess: Drei Stunden allein für die Verlesung der Anklage

Donald Trump hat es an diesem Dienstagmorgen nach Dresden geschafft, in ein Gebiet zwischen Zollamt, Wertstoffhöfen und Justizvollzugsanstalt. Allerdings nur auf einem Plakat, das die Unterstützer der Angeklagten hochhalten, gegen die an diesem Tag vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden verhandelt wird. „Trump hat Angst vor der Antifa“ steht da – eine Anspielung drauf, dass die amerikanische Regierung die Gruppierung, um die es hier geht, unlängst auf ihre Terrorliste gesetzt hat. Als „Antifa-Ost“ oder als „Hammerbande“ sind die linksradikalen Täter bekannt geworden, die zwischen 2018 und 2023 tatsächliche und vermeintliche Rechtsextremisten in ostdeutschen Städten überfielen, sie mit Schlagwerkzeugen angriffen, darunter Hämmern, und zum Teil lebensgefährlich verletzten. Dass es zu dabei nicht zu Todesfällen kam, ist nach Ansicht von Ermittlern Zufall oder Glück gewesen. Gegen drei der sieben Angeklagten erhebt die Bundesanwaltschaft den Vorwurf des versuchten Mordes. Unter ihnen ist Johann G. Der 32 Jahre alte Mann gilt als Kopf der Gruppe – neben Lina E., die schon 2023 zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Ihre Anhänger bejubeln die Angeklagten Als G. in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird, branden Applaus und Jubelrufe auf. Etwa 70 Freunde, Angehörige und Unterstützer aus der linksradikalen Szene haben sich im Zuschauerbereich des Saals eingefunden, viele drängen sich an der Glaswand, um die Angeklagten zu sehen. Es sind ältere Frauen und Männer darunter, das Gros aber sind junge Leute, viele davon Frauen. Einige der Besucher tragen Hygienemasken, um das Gesicht in zulässiger Weise zu verbergen. „Freiheit für alle Gefangenen!“ und „Free all Antifas!“ rufen sie. Johann G., ein 1,71 Meter großer Mann mit rötlichem Bart und modischem Kurzhaarschnitt, grinst seinen Freunden verschmitzt zu, grüßt und winkt. So tut es auch der Angeklagte Paul M. Dem Vertrauten von Johann G. sieht man an, dass er Kampfsportler ist, sein Auftritt erinnert an das Posen eines Bodybuilders. Mit Kraft, ja brutaler Gewalt hatten die 14 Taten zu tun, die der Gruppe um Johann G. vorgeworfen werden. Es sind so viele, dass die drei Vertreter der Bundesanwaltschaft mehr als drei Stunden brauchen, bis sie alle vorgetragen haben. Es geht dabei, wie Bundesanwalt Bodo Vogler vorträgt, um schwere Körperverletzung, und darum, dass Johann G., Paul M. und der Angeklagte Tobias E. versucht hätten, andere Menschen „aus niederen Beweggründen heimtückisch zu töten“. Hinzu kommen Delikte wie räuberischer Diebstahl, Sachbeschädigung und Urkundenfälschung. 35 Personen zum Teil erheblich verletzt Militanter Antifaschismus und eine linksextreme Einstellung seien die Motivation der Gruppe gewesen, um politische Gegner mit Gewalt anzugreifen, trägt Bundesanwältin Alexandra Geilhorn vor. Durch die Angriffe hätten andere Rechtsextreme von weiterer politischer Betätigung abgeschreckt werden sollen. Äußerst planvoll sei die Gruppe vorgegangen, habe die Lebensumstände der Opfer ausgespäht. Auf die Attacken habe sie sich in Szenario-Trainings vorbereitet, unter anderem auf dem Trainingsgelände von Fußball-Viertligist BSG Chemie Leipzig. Für das Training war der Angeklagte Thomas J. als Trainer zuständig. Der hochgewachsene Mann aus Berlin fällt aus der Gruppe der Angeklagten heraus: Er ist 49 Jahre alt, älter als alle anderen, die zwischen Mitte zwanzig und Anfang 30 sind. Insgesamt seien bei den Überfällen der Gruppe 35 Personen zum Teil erheblich verletzt worden. G. führte eine Liste von 215 möglichen Opfern – angeblich Rechtsextreme, die Anfang 2016 den Leipziger Stadtteil Connewitz, einer Hochburg der linken Szene, verwüstet haben sollen. In Connewitz soll G. am 8. Januar 2019 zusammen mit anderen den Kanalarbeiter Tobias N. angegriffen haben. Mit Hammer, Eisenstange und Totschlägern Der Grund: N. trug eine Mütze, die von einem rechtsgerichteten Modelabel stammte. Der Überfallene verlor durch die Schläge das Bewusstsein, erlitt zahlreiche Kopfverletzungen, ihm mussten Metallplatten im Kopfbereich implantiert werden. Jahrelang soll er unter Angstzuständen und schweren Kopfschmerzen gelitten haben. Ebenfalls im Januar 2019 sollen Johann G. und Tobias E. mit weiteren Tätern vier Mitglieder der rechten Szene am Bahnhof in Dessau-Roßlau überfallen haben. Die Männer kamen von einer Kundgebung aus Magdeburg anlässlich des Jahrestags der Bombardierung der Stadt zurück. Mit einem Hammer, einer Eisenstange und Totschlägern gingen die Täter auf die Männer los. Zwei erlitten durch die Schläge ein Schädelhirntrauma, mussten wegen des „lebensbedrohlichen Zustands“ auf der Intensivstation behandelt werden. Neun Taten der Gruppe, über die in Dresden verhandelt wird, fanden in Deutschland statt, in der Regel in Ostdeutschland. In einem Fall wurde ein rechter Szeneladen in Dortmund überfallen. Den Überfall soll Johann G. aus dem Gefängnis heraus geplant haben, wo er eine erste Haftstrafe verbüßte. Fünf weitere Überfälle geschahen in Budapest zwischen dem 9. und 11. Februar 2023. Damals hatten sich Rechtsextremisten aus mehreren europäischen Ländern zum „Tag der Ehre“ getroffen, an dem sie einen Ausbruchsversuch von SS und Wehrmacht aus der von der Roten Armee eingekesselten Stadt 1945 verherrlichen. Johann G., Paul M. und mehrere Mittäter sollen dort mehrfach Menschen überfallen haben. Insgesamt wurden dabei neun Personen zum Teil schwer verletzt. Die ungarische Polizei griff hart durch. Johann G., nach dem damals schon gefahndet wurde, entkam. Anderthalb Jahre lang konnten die Ermittler ihn nicht aufspüren, obwohl sogar im Fernsehen in der Sendung „XY ungelöst“ zu Hinweisen nach ihm aufgerufen wurde. Erst am 8. November 2004 wurde er in einem Regionalzug bei Weimar festgenommen.