FAZ 25.11.2025
21:13 Uhr

Haftprüfung im Fall Fabian: Zeugin oder Mörderin?


Im Fall des getöteten achtjährigen Fabian wurde vor drei Wochen eine Verdächtige festgenommen. Kommende Woche wird der Haftbefehl  überprüft. Was über die Beschuldigte und die Beweislage bekannt ist.

Haftprüfung im Fall Fabian: Zeugin oder Mörderin?

Gina H. ist eine leidenschaftliche Springreiterin. Noch Ende September ging sie beim Reit­turnier Malchow mit dem Pferd Cleo 269 an den Start, in der Spring­prüfung Klasse A* 95 cm schaffte sie es auf Platz elf. Fehler machte sie keine, nur ein bisschen schneller hätte sie für eine Platzierung ganz vorne in der Anfängerklasse sein müssen. Der Vorsitzende des Reitvereins, für den sie antrat, bestätigt, dass es sich bei der Springreiterin um Gina H. aus Reimershagen in Mecklenburg-Vorpommern handelte. Er kenne sie nur flüchtig. Ein paar Mal habe Gina H. bei ihm in der Halle trainiert, „das war’s“. Es ist kein Thema, über das er gerne redet. Denn gut einen Monat nach dem Springreitturnier in Malchow wurde Gina H. verhaftet. Sie soll den acht Jahre alten Fabian umgebracht haben, den Sohn ihres früheren Partners. Fabian aus Güstrow war am 10. Oktober krank zu Hause geblieben. Als seine Mutter nach Hause kam, war er verschwunden. Am 14. Oktober wurde seine Leiche rund 15 Kilometer südlich von Güstrow gefunden. Entdeckt wurde sie angeblich von Gina H. Sie soll ausgesagt haben, dass sie zufällig mit einer Freundin und ihrem Hund am Fundort unterwegs war. Der „Bild“-Zeitung sagte sie: „Fabian war wie ein eigenes Kind für mich. Ich war vier Jahre lang seine Ziehmama sozusagen. Ich habe ihn geliebt wie mein eigenes Kind. Dieses Bild, wie er da lag, werde ich nie mehr los. Er sah schlimm aus.“ Erst zwei Monate vor Fabians Tod soll sich Fabians Vater von ihr getrennt haben. Gina H. machte widersprüchliche Aussagen Bei der Obduktion des Jungen wurde Gewalteinwirkung festgestellt. Er soll am Tag seines Verschwindens getötet worden und dann an dem späteren Fundort ab­gelegt worden sein. Der Leichnam wurde vermutlich angezündet, um Spuren zu verwischen. Die Polizei veröffentlichte ein Foto, das am Tattag von einer Zeugin aufgenommen wurde – es zeigt aus der Ferne Qualm und Flammen in einem Gebüsch. Laut dem Rostocker Oberstaatsanwalt Harald Nowack war Gina H. zunächst eine Zeugin von vielen. Weil sie widersprüch­liche Angaben gemacht habe, sei sie zur Verdächtigen geworden. Am 6. November wurde sie unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Das Amtsgericht Rostock erließ Haftbefehl. Laut Medienberichten lebte die 29 Jahre alte Frau seit Jahren mit ihrem Sohn, der ein Jahr jünger als Fabian sei, und ihren Großeltern in Reimershagen. Auf ihrem Instagram-Profil bezeichnet Gina H. sich als „alleinerziehende Mama von einem tollen Sohn“, dazu heißt es knapp: „Pferde & Hund“. Gegenüber von ihrem Haus soll sie eine Pferdekoppel haben, auf ihrer Homepage soll sie zuletzt nach Sponsoren gesucht haben, da sie sich alleine um ihre Pferde kümmere. Mit den Ermittlern spricht Gina H. nicht mehr. Andreas Ohm, ihr Verteidiger, sagt: „Aus meiner Sicht gibt es nur Indizien gegen meine Mandantin, keine handfesten Beweise.“ Er habe Haftprüfung beantragt. Der Prüfungstermin wird laut Staatsanwaltschaft kommende Woche am Mittwoch stattfinden. Ohm bezeichnet es als „grenzwertig“, dass Gina H. zunächst als Zeugin vernommen worden sei und diese Aussagen jetzt gegen sie verwendet werden sollen. Sie habe „relativ freimütig ausgesagt“, weil ihr nicht vorgehalten worden sei, dass sie als Beschuldigte geführt werde: „Das ist dann eine Frage der Verwertbarkeit.“ Oberstaatsanwalt Nowack nennt es hingegen „völlig normal“, dass aus einer Zeugin im Laufe der Ermittlungen eine Beschuldigte werde. „Das war ja zunächst ein Vermisstenfall. Da sind fast alle aus dem Umfeld angehört worden.“ Es sei nicht ungewöhnlich, dass sich daraus dann eine Beschuldigte ergebe. „So ein Fall ent­wickelt sich ständig weiter.“ Gina H.s Aussagen seien „natürlich verwertbar“. Die Mutter von Fabian beschwert sich über die Ermittler Die Ermittler versuchen, noch mehr Indizien oder Beweise zu sammeln. Vergangene Woche veröffentlichte die Staats­anwaltschaft Rostock ein Bild von einem orangefarbenen Ford Ranger mit der Frage, ob jemand das Fahrzeug am 10. Oktober am Wohnort des Kindes, auf dem Weg zum Fundort der Leiche und am Fundort selbst gesehen habe. Zum Beispiel sollen sich Menschen bei der Mordkommission melden, die zwischen 10.45 Uhr und 10.58 Uhr mit einem bestimmten Regionalbus gefahren sind. Der Ford ist das Auto von Gina H. – Fotos zeigen, wie es am Tag ihrer Festnahme abtransportiert wurde. Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte das Bild des Autos, „um die Sache abzurunden“, wie Staatsanwalt Nowack sagt. Es gebe Umstände, die darauf schließen lassen, dass sich das Auto am Tattag zwischen dem Wohnort des Jungen und dem Fundort der Leiche bewegt habe. Unterdessen beschwert sich die Mutter von Fabian öffentlich darüber, dass sie schon fünfmal von der Polizei vernommen worden sei und ihr immer wieder die gleichen Fragen gestellt würden: „Man fühlt sich so alleingelassen von der Polizei.“ Ihre Anwältin Christine Habetha sagt am Telefon: „Diese vielen Vernehmungen sind für die Mutter eine nicht mehr zu ertragende Belastung.“ Ihr würden keine Ermittlungsergebnisse mitgeteilt, sie wisse nur, was medial bekannt gemacht werde. Nowack weist die Kritik zurück: Ermittlungen seien dynamisch, neue Beweismittel könnten neue Fragen aufwerfen. Natürlich könne es dabei auch mal vorkommen, dass sich Fragen wiederholten. Eine Waffe kam zum Einsatz Anwältin Habetha kritisiert außerdem, dass die Ermittler eine aus ihrer Sicht wichtige Zeugin lange nicht angehört hätten. „Die Zeugin hat am Tag, als der Leichnam gefunden wurde, ein verdächtiges Auto in der Nähe des Auffindeortes gesehen und die Beifahrerin wohl auch erkannt.“ Nowack sagt dazu: „Wenn Zeugen benannt werden, die Tage nach der Tat ein auffälliges Fahrzeug gesehen haben wollen, ohne das Kennzeichen zu kennen, gibt es für meine Ermittlungskräfte relevantere Aufgaben, um die sie sich kümmern müssen.“ Durch solche öffent­lichen Mutmaßungen heize man außerdem Spekulationen an. Und davon gibt es schon genug: Eine Sprecherin des Landkreises Rostock widersprach zum Beispiel einem Bericht, laut dem Gina H. in der Vergangenheit versucht haben soll, ihr verstorbenes Pferd anzuzünden. „Das Pferd wurde nicht verbrannt“, sagte die Sprecherin dem „Stern“. „Uns ist nur bekannt, dass die Frau ihr Pferd vergraben hat.“ Eine entsprechende Anzeige sei im Frühjahr 2024 im Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Landkreises eingegangen. Das Pferd sei daraufhin exhumiert, abgeholt und fachgerecht entsorgt worden. Das Verfahren sei abgeschlossen. Ihr Anwalt sagt, dass Gina H. nicht vorbestraft sei. Nach der Haftprüfung kommende Woche wollen sich die Ermittler möglicherweise noch mal ausführlicher äußern. Sie nehmen an, dass bei der Tat eine Waffe zum Einsatz kam. Welche, wollen sie nicht sagen – das sei Täterwissen. Unterdessen kümmert sich Fabians Vater um die Tiere seiner früheren Freundin. Mehrmals täglich ist er laut dem „Nordkurier“ seit ihrer Verhaftung an Ort und Stelle und versorgt die Pferde. Der Sohn von Gina H. wurde zunächst der Jugendhilfe übergeben.