FAZ 10.12.2025
09:35 Uhr

Haft-Tagebuch veröffentlicht: Bett zu hart, Essen zu schlecht: Sarkozy schildert Leidenszeit im Gefängnis


Wie erging es Häftling Nummer 320535 in Haft? In einem in Rekordzeit publizierten Tagebuch gibt der französische Ex-Präsident interessante Einblicke.

Haft-Tagebuch veröffentlicht: Bett zu hart, Essen zu schlecht: Sarkozy schildert Leidenszeit im Gefängnis

Er hat ein „Tagebuch eines Häftlings“ geschrieben, dabei war er nur 20 Tage in Haft. Das in Rekordzeit publizierte und an diesem Mittwoch erscheinende Buch des ehemaligen französischen Präsidenten und Häftlings Nicolas Sarkozy hat zu einer Welle spöttischer Kommentare in Onlinediensten geführt. Bereits am Nachmittag will Sarkozy in Paris eine erste öffentliche Lese- und Signierstunde anbieten. Wer wissen möchte, wie es dem ersten ehemaligen Staatschef eines EU-Landes im Gefängnis erging, wird zahlreiche Details erfahren: Häftling Nummer 320535 fand das Bett zu hart und das Essen so schlecht, dass er sich vor allem von Joghurts und Riegeln ernährte. Und es nervte ihn, dass der Spiegel in Bauchhöhe angebracht war, weil er eine barrierefreie Zwölf-Quadratmeter-Zelle zugeteilt bekommen hatte. Er verzichtete auf den Hofgang, weil sich Paparazzi in einem benachbarten Haus eingemietet hatten, trieb aber eine Stunde Sport, unter anderem auf einem mechanischen Laufband. Jeden zweiten Tag besuchte ihn seine Frau Carla, häufig in Begleitung eines seiner Kinder, in einem kleinen Besuchsraum. Sarkozy für Kooperation mit Rassemblement National Wie manche Häftlinge vor ihm hatte Sarkozy eine Art religiöses Erweckungserlebnis. „Ich empfand plötzlich das Bedürfnis, mich neben mein Bett zu knien“, schrieb er. „Ich habe gebetet, die Kraft zu haben, das Kreuz der Ungerechtigkeit zu tragen.“ Sonntags traf er dann auch noch den Gefängnisseelsorger, der ihm die Kommunion spendete. Doch das 213-Seiten-Buch des konservativen Ex-Präsidenten ist mehr als ein von Unschuldsbeteuerungen und Selbstmitleid geprägter Erlebnisbericht aus einer Pariser Justizvollzugsanstalt. Es ist auch ein politisches Manifest, das angesichts des großen Einflusses, den der 70 Jahre alte Politiker immer noch hat, seine Wirkung nicht verfehlen dürfte. Sarkozy wirbt dafür, dass seine Partei der Republikaner sich der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National (RN) annähern sollte. „Der RN bedeutet keine Gefahr für Frankreich“, so Sarkozy, der zwei Seiten lang die „wunderbare Überraschung“ beschreibt, als RN-Fraktionschefin Marine Le Pen ihn im Gefängnis anrief. Sarkozy und Le Pen im Justiz-Lamento vereint Beide eint die Wut auf die französische Justiz, von der sie sich ungerecht behandelt fühlen. Die wegen der Veruntreuung von EU-Geldern verurteilte Le Pen stellt sich als Opfer eines politischen Prozesses dar, während Sarkozy überzeugt ist, dass seine Richter ihn aus „Hass“ verurteilt hätten. Er habe ihr gesagt, dass er nichts davon halte, eine „Brandmauer“ gegen den RN zu unterstützen, schrieb Sarkozy. Dazu werde er sich auch noch öffentlich äußern. Der stellvertretende RN-Vorsitzende Sébastien Chenu habe ihm jede Woche in Haft einen persönlichen Brief geschrieben, berichtete Sarkozy und bedauerte „die Verteufelung vieler Frauen und Männer durch die Linken“. Seine eigene Partei könne nur wieder nach oben kommen, wenn sie sich auf ein möglichst breites Bündnis einlasse, „ohne jedes Tabu“. Vor einem Monat war Sarkozy unter Auflagen aus der Haft entlassen worden. Im Frühjahr steht sein Berufungsprozess in der Affäre um libysche Wahlkampfgelder an. Falls das Berufungsgericht die fünfjährige Haftstrafe wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung bestätigen sollte, weiß Sarkozy, was ihn erwartet. Was aus der Brandmauer wird, könnte sich schon am Tag vor dem Prozessbeginn zeigen, dann stehen in Frankreich Kommunalwahlen an.