FAZ 23.12.2025
12:18 Uhr

Hässliche Weihnachtsbäume: Der Baum darf bleiben


Mit funkelnden Lichtern und glänzendem Schmuck. Wer ihn anschaut, dem wird warm ums Herz. Der Weihnachtsbaum ist der Katalysator für Gefühle schlechthin. Schlimm, wenn sein Anblick nicht froh macht.

Hässliche Weihnachtsbäume: Der Baum darf bleiben

Im Wohnzimmer ist Platz geschaffen. In der Einfahrt steht ein Fahrzeug einer großen Gärtnerei. Der Weihnachtsbaum wird geliefert. Das hat sich bewährt. Anstatt nach Büroschluss oder samstagmorgens irgendwo Bäume zu vergleichen und zuzusehen, wie der Verkäufer einen davon in die Verpackungskanone presst, anstatt das Rad heimzuschieben, weil mit der Tanne auf dem Gepäckträger schlecht fahren ist, anstatt das Auto zu nehmen und es dafür halb umzubauen: angerufen. Die gewünschten Maße durchgegeben, abgewartet, bis der Baum kommt. Zwei Meter bitte, und nicht mehr als 80 Zentimeter ausladend. Immer war das gut. Dieses Mal ist es schlecht. Von seinem Netz befreit, spreizt der Baum sich auf seinem unteren Drittel fast wie gewünscht, sehr ansehnlich. Und wird dann sehr licht. Und streckt eine kahle, fast einen Meter lange Spitze der Altbaudecke entgegen wie eine Antenne, die in den ersten Stock senden soll.  Ein  „H“-Wort kommt mir in den Sinn. War der schönste, den wir hatten, sagt der Gärtner und fährt ab. Ein Impuls: Das Stück am kahlen Meter packen und wieder aus der Tür schleifen. Der Preis spricht dagegen. Baum geliefert, 60 Euro, steht auf der Quittung. Der Baum darf bleiben. Da steht er nun und ist nicht schön. Immerhin ist er damit nicht allein. Jedes Jahr stellt die Stadt Frankfurt unter Anteilnahme der Öffentlichkeit einen Weihnachtsbaum vor dem Rathaus Römer auf. Ein Gremium aus Stadt-Werbern und Stadt-Beschreibern hat ihn ausgesucht, ihm sogar einen Namen gegeben. Was nichts heißt. 2021 etwa war eine Gretel so mitleiderregend, dass der Oberbürgermeister öffentlich beschwor, Schmuck und Lichterketten würden ihr Werk schon tun. Sein Werk tat dann vor allem ein Baumkosmetiker, der Löcher bohrte und Ersatzäste anschraubte, bevor Gretel weiter aufgehübscht wurde. Am Ende fanden Beobachter den Baum dann sogar attraktiv und auf jeden Fall schöner als das Vorjahresexemplar. Das war Bertl getauft worden und soll seine Betrachter zuerst regelrecht schockiert haben.      Der Baum in unserer Familie hat keinen Namen. Unser Baumkosmetiker hat keine Ersatzäste, dafür können wir ihm nachts Wünsche ins Ohr flüstern, die Kugeln bitte in Rot und Gold. Und das Schmücken half, enorm sogar. Und dass man sich an alles gewöhnen kann. Sieht doch ganz gut aus jetzt, sagten Besucher, die ihn so und so sahen. Bis Silvester sind es noch ein paar Tage. Einen Vorsatz fürs nächste Jahr haben wir schon, er spielt in den Vorweihnachtstagen 2026. „Der Baum ist schöner als der letzte“, werden wir sagen. Hoffentlich.