FAZ 01.12.2025
07:38 Uhr

Händler aus „Bares für Rares“: Schatzsucher mit TV-Qualitäten


David Suppes verbindet Tradition und Geschäftssinn. Der aus der Sendung „Bares für Rares“ bekannte Kunst- und Antiquitätenhändler erzählt von kuriosen Fundstücken, emotionalen Verkäufen und der Zukunft seiner Branche.

Händler aus „Bares für Rares“: Schatzsucher mit TV-Qualitäten

Breitbeinig und mit in die Hüften gestemmten, muskulösen Armen posiert im Saal der alten Tanzschule eine lebensgroße Superheldenfigur im rot-weißen Kostüm. Im Glasregal hinter ihr stehen filigranes Porzellan und ein dickes, ledernes Nashorn. Auf dem hellen Parkettboden ist ein altes Mofa abgestellt, gleich daneben eine lädierte Zapfsäule – „Autogas“. Darunter die Hinweise „Motor abstellen“ und „Rauchen verboten“. Durch große Bogenfenster fällt Licht in den Ausstellungsraum von David Suppes und auf die Dutzenden von Exponaten, die alle nicht so recht zueinanderpassen wollen. Suppes selbst steht, Hände in den Hosentaschen, hinter seinem Tresen gegenüber dem Eingang. Der Siebenunddreißigjährige ist Kunst- und Antiquitätenhändler – „Schatzsucher“, wie er selbst sagt. Zu fast allen der unzähligen schrillen und schrulligen Ausstellungsstücke in seinem Wiesbadener Geschäft kann er eine Geschichte erzählen. „Ich liebe alte Werte – die heutige Wegwerfgesellschaft bringt kaum Qualität hervor“, sagt er. Dennoch lebt sein Geschäft davon, dass viele seiner Kunden das anders sehen. „Die Leute heute wollen keine Altlasten mehr mitschleppen“, meint Suppes und zuckt mit den Schultern. Der Trend gehe zum Minimalismus und zu „smartem Anlegen“, da wolle sich niemand mehr auf ein paar goldene Ketten als Rücklage verlassen. Mit der Leichtfertigkeit, mit der Familienerbstücke gelegentlich verkauft würden, tut Suppes sich jedoch schwer. „Ich frage die Kunden immer, ob sie sich auch wirklich ganz sicher sind, dass sie ein Stück weggeben wollen, und wenn da noch irgendwo ein Zweifel ist, rate ich vom Verkauf ab“, erzählt der Antiquitätenhändler. Besonders im Gedächtnis ist ihm ein Mann geblieben, der ein seit 150 Jahren vererbtes Schmuckstück für einen Mallorca-Urlaub verkaufen wollte. „Er meinte: ‚Meine Großmutter hätte das so gewollt.‘“ Seit 2019 in der ZDF-Trödelshow „Bares für Rares“ Mit seiner Begeisterung für Antikes und Kuriositäten steckt der Wiesbadener seit 2019 auch die Zuschauer der ZDF-Trödelshow „Bares für Rares“ an. Das Prinzip: Wer in seinem Keller oder im Schmuckkasten einen Schatz vermutet, kann sich bewerben und sein Stück in der Show von Fachleuten schätzen lassen. Im Anschluss können die Objekte von fünf Kunst- und Antiquitätenhändlern ersteigert werden. Die müssen sich dabei auf ihre eigene Expertise verlassen. Werden sich Verkäufer und Händler einig, gibt es – zusätzlich zum obligatorischen Handschlag – auch das im Titel der Show versprochene „Bare“. „Das ist wirklich unser eigenes Geld“, versichert Suppes. In mehr als 300 Folgen saß Suppes bereits am „Händlertisch“ und feilschte mit den Gästen um deren Schätze. Sein erster Kauf aus der Sendung, eine Porzellanfigur, steht vor ihm auf dem mit Stoff bezogenen Tresen: „Kein besonders hochwertiger Gegenstand“, konstatiert der Antiquitätenhändler mit fachmännischem Blick, „aber die Figur erinnert mich an meine holprigen Anfänge.“ Die Geisha im geblümten Kimono streckt vornehm ihre blasse linke Hand nach vorne, in der rechten hält sie einen Fächer. Doch handelt es sich nicht um ein japanisches Kunststück. Vielmehr wurde die Figur in den Sechziger- oder Siebzigerjahren in Ungarn vom Porzellanhersteller Herend gefertigt. Schätzpreis 650 Euro, Suppes erstand sie für 300 Euro. Verkaufen will er sie nicht. Wie er eigentlich Händler bei „Bares für Rares“ geworden ist, ist David Suppes immer noch nicht ganz klar. 2018 hatte ihn das ZDF spontan für einen Probedreh angefragt. Als er im Anschluss die Zusage erhielt, sei das „auf jeden Fall einer der glücklichsten Tage“ seines Lebens gewesen. Die Folgen aus seiner Anfangszeit könne er sich aber nicht ansehen, sagt Suppes und schüttelt sich. „Ich denke dann immer: ‚Oh Gott, was habe ich denn da gesagt, und was habe ich überhaupt an?‘“ Bei den neueren Folgen müsse er sich auch überwinden, die seien aber „nicht mehr ganz so schlimm“. An der Show mitwirken zu können, sei für ihn auch heute immer noch etwas Besonderes. Der Power Ranger stand früher in einer Kneipe In der Show geht Suppes mit einem anderen Blick an interessante Objekte heran als im alltäglichen Betrieb. Bei „Bares für Rares“ gehe es ihm viel mehr um „Herz und Bauchgefühl“ als um Sachverstand. „Wenn ich wirklich begeistert bin von dem, was ich da sehe, dann, denke ich, wird es irgendjemandem vor seinem Fernseher genauso gehen.“ Einer dieser Käufe: der rote „Power Ranger“ am Eingang. „Als ich den zum ersten Mal in der Show gesehen habe, bin ich fast ausgerastet.“ Die Figur stammt aus einer Kneipenauflösung und wechselte für 500 Euro den Besitzer. 100 bis 200 Objekte jährlich kauft Suppes über die Trödelshow, die er nur kurz „Bares“ nennt, an. Im Geschäft seien es etwa ebenso viele Objekte an nur einem einzigen Tag, wenn man Bestecke und andere Konvolute in Einzelteilen zähle. In den Wiesbadener Showroom kommen vor allem Kunden, die sich von ihren Stücken trennen wollen; Suppes selbst verkauft kaum. An mehreren Tischen im Ausstellungsraum wird geprüft, geschätzt, beraten. Klassischen An- und Verkauf gibt es selten: Das Unternehmen vermittelt Antiquitäten und Sammlerstücke gezielt an Auktionshäuser weltweit. Vermittlung an Auktionshäuser „Der Vorteil für die Kunden ist, dass sie die bestmöglichen Preise erzielen und sich um nichts kümmern müssen, sobald sie die Gegenstände an uns übergeben haben“, sagt Suppes. Privat sei der Zugang zu namhaften Häusern oft schwierig: „Die wollen am liebsten mit jemandem auf Augenhöhe sprechen.“ Über das Auktionshausnetzwerk wird für jedes einzelne Objekt die beste Verkaufsstrategie ermittelt – ob bei Christie’s oder Sotheby’s oder bei speziellen Sammlerauktionen – oft auch im Ausland. „Für Porzellan wird in China teilweise das Zwanzigfache des deutschen Preises gezahlt“, sagt Suppes. In Deutschland sei Porzellan ein Ladenhüter. Für seine Kunden sei der Vermittlungsservice unentgeltlich. Suppes’ Gewinn stamme ausschließlich aus den Vermittlungs­provisionen der Auktionshäuser. Dafür, warum beispielsweise in China großes Interesse an in Europa unbeliebten Stücken vorhanden ist, hat der Antiquitätenhändler eine eigene Theorie. „Ich glaube, die Chinesen wollen nicht nur ihre eigenen Kulturgüter, die wir ihnen früher weggenommen oder abgekauft haben, zurück ins Land holen, sondern gleich noch die europäische Kunstgeschichte dazu – außerdem sind die ganz verrückt nach allem Hochwertigen.“ Ein wachsendes Bewusstsein für die eigene Kultur sei allerdings eine Tendenz, die sich überall auf der Welt beobachten lasse. „Viele fremde Kulturgüter wandern gerade wieder zurück in ihre Ursprungsländer.“ Doch nicht jedes Ding findet noch Liebhaber und lässt sich lukrativ versteigern. Viele Kunden kämen mit altem Schmuck, D-Mark-Sammlungen oder Silberbesteck, sagt Suppes. Ist ein Stück nicht mehr zum Weiterverkauf geeignet, wird es nach dem Ankauf recycelt. „Früher haben wir das Altgold noch selbst im Hof in unserem Tiegel eingeschmolzen“, heute übernehme das eine Partnerfirma, sagt Suppes. Das eingeschmolzene und gereinigte Gold wird dann etwa an die Schmuckindustrie oder an Anleger verkauft. Auch die handwerkliche Qualität der angebotenen Stücke hat sich verändert. Suppes sieht da einen Zusammenhang. Die Wertigkeit und Langlebigkeit von Produkten sei heute nicht mehr mit der von vor 150 Jahren zu vergleichen. Die Erfolgsaussichten, die früher noch mit hochwertiger Arbeit verbunden gewesen seien, hätten junge Menschen motiviert, einen bestimmten Beruf zu ergreifen. „Je mehr Leute einen speziellen Job machen, umso mehr Talente kommen auch zum Vorschein“, stellt der Antiquitätenhändler fest. Es gebe beispielsweise keinen Schmuckhersteller, der „auch nur ansatzweise“ qualitativ an Fabergé heranreiche. „Und es ist auch nicht absehbar, dass es das je wieder geben wird.“ Ein in „Bares für Rares“ erstandenes Lieblingsstück ist eine Vase in Eulenoptik aus Picassos später Madoura-Phase, in der der Künstler sich intensiv der Keramik widmete. Nach Picassos Entwurf als autorisierte Serienarbeit gefertigt, existieren 250 individuell gestaltete Vasen. Der Verkäufer der Eule hatte das Stück im Tausch erhalten und gab es für 13.800 Euro an Suppes weiter. Genau genommen handele es sich um einen Krug, aber Flüssigkeit dürfe man ohnehin nicht hineinfüllen, erklärt Suppes. „Gott weiß, ob da nicht irgendwo die Glasur undicht ist.“ Es sei eben ein reines Kunstobjekt. Dass Picasso selbst das Stück gefertigt hat, ist allerdings unwahrscheinlich. Mit seinen Kunden in der Landeshauptstadt spricht Suppes täglich über „Bares für Rares“. Für viele Wiesbadener ist der Name „Suppes“ jedoch schon deutlich länger ein Begriff. Davids Vater, Bernd Suppes, gründete in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts neben dem „Wiesbadener Wertpapier Antiquariat Suppes“, aus dem später „Antiquitäten Suppes“ wurde, auch einen Elektrohandel. „Halb Wiesbaden hat früher bei meinem Vater Schallplatten gekauft“, sagt David Suppes. Auch den 2024 eingerichteten Showroom kennen viele noch in seiner früheren Rolle: Generationen von Wiesbadenern erinnern sich an ihre Tanzstunden auf dem Parkett der Tanzschule Bier an der Paulinenstraße. „Wir beschäftigen uns hier teils mit emotional stark aufgeladenen Themen wie Erbschaften und Nachlässen“, erklärt Suppes. Da sei eine vertraute Umgebung für viele Kunden eine Stütze. Sorgen um seine Zukunft macht sich David Suppes keine. Sein Geschäftsmodell sei krisensicher, sagt er. „In schlechten Zeiten wollen die Leute verkaufen, und in guten wollen sie sich etwas gönnen.“ Suppes’ Geschäft lebt von beidem. Sowohl von jenen, die sich vom Ballast vergangener Generationen trennen wollen, als auch von Schatzjägern, die immer auf der Suche nach einem Stück mit Geschichte sind – so wie David Suppes selbst.