FAZ 31.01.2026
16:20 Uhr

HSV-Torwart im Interview: „Ich habe gelernt, diese Wucht zu nutzen“


HSV-Torwart Daniel Heuer-Fernandes über den Antrieb, den die Fans ihm geben, Statussymbole, und was aus ihm geworden wäre, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte.

HSV-Torwart im Interview: „Ich habe gelernt, diese Wucht zu nutzen“

Sein Vater ist Portugiese, die Mutter Deutsche – „Ferro“, wie Daniel Heuer-Fernandes in Hamburg alle nennen, besitzt beide Pässe, entschied sich aber früh für Portugal. Die Einsätze in deren U 21 liegen lange zurück. Er ist zu einem der dienstältesten Profis im Team des Hamburger SV geworden. Mal auf der Tribüne, mal Nummer zwei, nun seit Jahren Stammkeeper, weil er sich gegen Daniel Peretz durchbiss: Heuer Fernandes, 31 Jahre alte, hat den HSV seit 2019 in vielen Schattierungen erlebt. Einen Klub, der durch die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den entlassenen Sportvorstand Stefan Kuntz in den Schlagzeilen steht. Nun kam die Alkoholfahrt des umgehend suspendierten Stürmers Jean-Luc Dompé hinzu – nichts davon soll gegen den FC Bayern an diesem Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und auf Sky) eine Rolle spielen. Die Maßgabe des Vereins lautete, dass die Causa Kuntz nicht Inhalt des Interviews sein soll. Haben Sie eine Ahnung, warum Sie Fanliebling sind? Ich bin ein ganz normaler Typ. Manche Menschen erkennen mich auf der Straße, manche nicht. Außerhalb des Platzes ist es immer angenehm, Fans zu treffen. Der Kontakt ist gut. Der war noch nie unangenehm. Es ist okay, sich mal auszutauschen. Ich bin ja selbst Fan dieses Sports. Gerade wenn es Kinder sind, nehme ich Kontakt auf, weil ich mich gut in deren Lage hineinversetzen kann. Was sagen Ihnen Fans? Da kommt viel Zuspruch, Zuversicht. Sie sind begeistert vom HSV, wie er sich entwickelt hat. Auch für mich persönlich ist viel Lob dabei. Ich glaube, die Leute respektieren meine Leistung, meine Widerstandsfähigkeit und schätzen das – das freut mich sehr. Die brauchte ich ja auch in meiner Karriere. Ist das mehr als eine bloße Berufsbeziehung? Ich glaube, dass ich einfach sehr gut zu diesem Verein passe und dass die Fans merken, wie ich bin, wie ich für den Verein brenne. Das hat man die vergangenen Jahre gesehen – und auch die Leistung stimmt. Das sind Voraussetzungen, um anerkannt zu sein. Ich bin auch stolz darauf, dass mir dies über die Jahre gelungen ist. Wo sehen Sie den HSV nach 19 Bundesligaspielen? Man sieht eine Entwicklung. Wir performen gut, haben unser Spiel gefunden, haben Spiele kontrolliert, gegen Gladbach sogar bestimmt. Das Gefühl auf dem Platz ist besser. Die Leistung stimmt. Diese Auftritte in mehr Punkte umzumünzen, wäre schön. Mein Zwischenfazit: Zufriedenstellend mit dem Wissen, dass mehr geht. Spüren Sie Wucht und Druck des Stadions, wenn Sie da unten im Tor stehen? Am besten gar nicht darüber nachdenken, ist meine Devise. Erfahrung hilft. Im ersten Jahr habe ich eine enorme Wucht gespürt. Über die Jahre habe ich gelernt, diese Wucht zu nutzen. Mit dem Blick auf das Ganze: Die stehen alle hinter uns. Das ist keine Last, sondern eine Stärke. Das ist ein Antrieb, den das Stadion einem geben kann. War der Druck in der zweiten Liga größer, weil jeder dachte, sie müssten hoch? Nein, es war nicht schlimm in der zweiten Liga. Es war immer unser Ziel aufzusteigen, die Qualität hatten wir ja. Ich würde sagen, die Qualität war größer als der Druck. Das Spiel in der zweiten Liga war für uns anders. Unsere Spieltaktik war eine andere. Wir hatten viel den Ball, viel Kontrolle. In der ersten Liga mussten wir den Stil anpassen. Dieser Prozess musste gegangen werden. Ist es eine Genugtuung, nach Ihrem verschlungenen Weg beim HSV nun in der Bundesliga zu spielen? Es fühlt sich gut an, weil ich immer daran geglaubt habe, dass es für mich beim HSV möglich ist. Es fühlt sich gut und richtig an. Sind Sie als „Normalo“ eine Ausnahme vom Protzprofi mit dickem Auto und großem Haus? Das ist sehr, sehr oberflächlich formuliert. Hinter jedem Menschen steckt etwas Gutes. Selbst wenn er für die Außenwelt etwas Provokantes, Protziges hat. Wenn es dein Wunsch ist, ein Auto, ein Haus zu haben – dann ist das doch völlig okay. Es ist mir zu einfach, den Menschen dahinter nur an diesen Statussymbolen zu messen. Ist das Neid? Ich weiß nicht. Ich sehe das anders. Als Ansporn. Ein Fußballprofi ist ja auch ein Idol für viele Jugendliche. Sie schauen auf uns. Es kann eine Motivation für die Jugend sein, wenn sie sehen, dass man durch harte Arbeit und Disziplin erreichen kann, ein privilegiertes Leben zu führen. Was bedeuten Ihnen Statussymbole? Ein schönes Zuhause, wo ich mich wohlfühle, ist mein Rückzugsort. Der Rest ist mir nicht wichtig. Hat Sie Ihr Aufwachsen in Bochum geerdet? Schon. Mein Weg begann nicht ganz oben und ich musste mich oben halten. Ich musste mich Stück für Stück dahin arbeiten. Ich habe engen Kontakt zur Familie und Freunden. So bin ich erzogen. Das macht mich als Mensch aus. Waren Sie ein guter Schüler? Ich bin durchgekommen (lacht). Ich war nie ein Topschüler, musste aber auch nie Angst haben. Ich habe mein Abitur mit einem Durchschnitt von drei gemacht – also befriedigend. Meine Eltern waren entspannt. Ich hatte Freiheiten und Grenzen, bin nie rechts oder links abgekommen, habe immer den richtigen Weg gefunden. Zusammen mit meinen Freunden. Die habe ich immer noch. Würden Sie zu einem Abitreffen gehen? Wenn es organisiert wird, gehe ich auch hin. Es gab aber keines. Wären Sie dann der Star vom HSV? Nee. Ich habe noch viele Freunde aus dem Jahrgang. Die wissen, was ich gemacht habe. Ansonsten sind da Ärzte, Anwälte, Lehrer, alles dabei. Welchen Job haben Sie in die Abizeitung geschrieben? Fußballprofi. Das war bei mir schon der greifbare nächste Schritt. Ich war ja kurz davor mit 18 Jahren. Hatten Sie einen Plan B? Ich habe Lehramt studiert. Ohne Fußball wäre ich Lehrer geworden. Ich habe angefangen mit Sport und Geschichte. Oh, Geschichte! Wann war ... Stop! Da setze ich meinen Joker. Wussten Sie, wie viele Portugiesen in Hamburg leben? Nicht wirklich. Erst hier habe ich angefangen, ins Portugiesenviertel an den Landungsbrücken zu gehen. Einem Freund gehören da einige Lokale. Aber als Vater einer kleinen Tochter wird es weniger. Alle Väter wissen, dass essen gehen mit einem kleinen Kind unentspannt ist. Welchen Wert hat die Familie für Sie? Die Familie kennt mich am engsten und längsten, da bin ich der Daniel, nicht der Fußballer. Deswegen fühle ich mich da wohl. Da wird Fußball nebensächlich. Hat die Geburt Ihrer Tochter vor zwei Jahren etwas verändert? Wenn ich nach Hause komme, ist es meiner Tochter egal, was ich vorher gemacht habe. Sie will spielen und lachen. Diese Momente haben die Bedeutung des Fußballs verändert. Da ist zu Hause jemand, der das Leben besser und entspannter macht. Ein Luxus, dass Sie nicht beide arbeiten müssen. Ich weiß, ein Privileg. Meine Frau organisiert alles, so dass ich im Sport bestmöglich performen kann – dafür bin ich ihr sehr dankbar. Bezieht sich das eher auf Ihre Familie in Bochum oder die Ihrer Frau in Osnabrück? Die Termine liegen oft in den Händen meiner Frau. Sie hat den Blick auf alles. Wenn wir mal lange nicht in Bochum waren, kommt der Anruf, wann wir wieder kommen. Ich fahre wegen der Familie da hin, möchte mich wohlfühlen. Ich suche die Nähe meiner Nichten und Neffen. Sprechen Sie dort Portugiesisch? Nein. Ich habe es erst durch die Nationalmannschaft gelernt. Mit 20 habe ich Privatunterricht in Portugiesisch bekommen. Das wollte der Verband so. Zu Hause in Bochum wurde immer Deutsch gesprochen. Meine Großeltern, mein Vater auch, da war der Kontakt zur Sprache nicht mehr so da, der kam erst mehr durch meine Frau. Weil sie fließend Portugiesisch spricht, auch zu Hause. Woran mangelt es? Es fehlt an Wortschatz, Grammatik, Aussprache. Es wird besser, ich bin aber nicht so hinterher. Für das, was ich brauche, reicht es. Es ist manchmal anstrengend, weil ich es nicht fließend kann. Deswegen muss ich nachdenken, aber dadurch, dass meine Tochter zweisprachig erzogen wird, habe ich wieder mehr Kontakt zur Sprache. Mit Fabio Vieira beim HSV spreche ich es auch. Aber Deutsch kann ich besser. Das ist meine Muttersprache. Ist die WM ein Thema für Sie, vielleicht auch als Nummer drei? Natürlich ist es der Traum eines jeden Fußballers, bei solch einem Turnier dabei zu sein. Aber das ist aktuell kein Thema. Das liegt letztlich ja auch nicht in meinem Entscheidungsbereich. Mein voller Fokus gilt dem HSV – hier muss ich meine Leistung bringen. Die portugiesische Nationalmannschaft ist aktuell weit weg. Das war vor Jahren mal näher mit der U 21 – aber jetzt nicht mehr.