FAZ 23.02.2026
07:15 Uhr

Großprojekt in der Wetterau: Planung für Umspannwerk auf 43 Fußballfeldern ruht


Der geplante Bau eines Umspannwerks auf 30 Hektar mitten in Hessen verschiebt sich um mehrere Jahre. Der Netzbetreiber Tennet will aber weiter Grundstücke kaufen. Eine Stadt wird ihm jedoch keine Liegenschaften anbieten.

Großprojekt in der Wetterau: Planung für Umspannwerk auf 43 Fußballfeldern ruht

Das neue Umspannwerk in der Wetterau wird mindestens acht Jahre später in Betrieb gehen als bisher geplant. Das bestätigte ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers Tennet der F.A.Z. Bisher hatte Tennet die Inbetriebnahme für 2037 in Aussicht gestellt. Weil sich das auf gut 40 Fußballfeldern zwischen Friedberg-Dorheim und Reichelsheim geplante Vorhaben verschiebe, ruhten derzeit die Planungen. Gleichwohl wolle das Unternehmen weiter Liegenschaften für den Bau erwerben und sondiere den Markt. An Reichelsheim braucht sich Tennet dafür nicht zu wenden. Die Stadt wird keine Grundstücke für das Umspannwerk veräußern, wie Bürgermeisterin Lena Herget (SPD) sagt. Als Grund für die Verschiebung des Großbauvorhabens führt der Sprecher eine neue Datenlage an. Daraus ergebe sich ein Bedarf für 2045. Unter Verweis auf den Netzentwicklungsplan Strom 2037/45 hält das Unternehmen nach einem geeigneten Baugrund im „Suchraum Dorheim“ Ausschau, in dem das Umspannwerk errichtet werden soll. Neues Umspannwerk soll Sonnen- und Windstrom verteilen Die Anlage muss nach Unternehmensangaben in der Nähe des bestehenden 110-kV-Umspannwerks des regionalen Netzbetreibers Avacon nahe Friedberg-Dorheim und unweit der 380-kV-Höchstspannungsleitung Gießen/Nord-Karben von Tennet entstehen. Das neue Umspannwerk solle dereinst helfen, in der Wetterau erzeugten, aber nicht in der Region benötigten Sonnen- und Windstrom aufzunehmen und zu verteilen. Das alte Umspannwerk sei nicht mit der Höchstspannungsleitung verknüpft, der Neubau werde dies aber sein. In der Wetterau ist der Solarausbau in den vergangenen Jahren deutlich vorangeschritten. Ende 2024 zählten die Oberhessischen Versorgungsbetriebe AG (OVAG) 13.604 Solaranlagen nach 9845 zwölf Monate zuvor. 2017 waren es nur 4700. Die Zunahme erklärt sich aus einer steuerlichen Erleichterung: Seit Anfang 2023 sparen Hauseigentümer die 19 Prozent Umsatzsteuer auf den Erwerb der Solarpaneele nebst Wechselrichter und Speichereinheit. Diese Vorgabe gilt für Anlagen mit einer Leistung von bis zu 30 Kilowattpeak, also der höchsten Leistung. Mittelfristig kommen auf dem in die Wetterau hineinragenden Taunuskamm Winterstein zwischen Rosbach, Ober-Mörlen und Wehrheim 18 Windräder hinzu; 13 davon wird das Unternehmen Abo Energie aus Wiesbaden errichten, fünf der Mitbewerber Alterric im Auftrag des Bundesforsts. Auch dieser Strom muss aufgenommen und verteilt werden. Um ein möglichst leistungsfähiges Stromnetz zu haben, ertüchtigt Tennet die zwischen dem Umspannwerk Borken im Schwalm-Eder-Kreis und dem Umspannwerk Karben verlaufende Höchstspannungsleitung. Nördlich von Gießen steht die Modernisierung unmittelbar bevor, wie der Sprecher sagte. Zwischen dem Umspannwerk Gießen und Karben soll die Leitung von Anfang 2028 bis Ende 2029 mit leistungsfähigeren Leiterseilen ausgerüstet werden. Tennet hat im Großraum Rhein-Main eine Reihe weiterer Bauvorhaben zu meistern. Nahe Eschborn soll der Übertragungsnetzbetreiber ein neues Umspannwerk errichten und dasjenige nahe Frankfurt-Bergen-Enkheim erneuern. Weit vorangeschritten sind auch Planungen für neue Umspannwerke nahe Waldeck und Kassel, welche etwa 2030 stehen sollen. Umspannwerk soll auf besten Wetterauer Böden entstehen Dessen ungeachtet lehnt die Reichelsheimer Bürgermeisterin wie auch der Bauernverband der Wetterau das Riesen-Umspannwerk in der Nähe ihrer Stadt ab. Der geplante Baugrund weist sogenannte Bodenpunkte zwischen 73 und 87 von 100 möglichen auf.  Je höher der Wert, umso ertragreicher ist ein Boden für die Landwirtschaft. Ähnlich gute Böden wie in der Wetterau gibt es nur noch rund um Hildesheim und Magdeburg. Auch deshalb beschwert sich der Bauernverband seit Jahren über den fortgesetzten „Flächenfraß“ zulasten der Landwirtschaft. „Die geplante Inanspruchnahme von rund 30 Hektar Fläche – dies entspricht etwa 43 Fußballfeldern – würde zu einer massiven Versiegelung wertvoller landwirtschaftlicher Nutzflächen führen“, schreibt die Bürgermeisterin in einer Stellungnahme zum Netzentwicklungsplan. Die Flächen seien nicht nur existenziell für die örtlichen Landwirte, sondern stellten zugleich einen sensiblen Lebensraum für geschützte Arten wie Feldlerche, Rebhuhn, Wiedehopf, Wiesenweihe und Feldhamster dar. Erfolge der bisherigen Landschafts- und Naturschutzpflege würden durch das Umspannwerk erheblich gefährdet. Dabei stellt Herget die Energiewende und den Netzausbau nicht infrage. Gleichzeitig müssten jedoch Fragen gestellt werden, die für eine verantwortungsvolle Planung unerlässlich seien: „Muss dieser Standort zwingend gewählt werden? Wurden alternative Standorte außerhalb sensibler Natur- und Agrarräume ernsthaft geprüft? Können bestehende Infrastrukturen nicht erweitert oder effizienter genutzt werden?“, fragt die Kommunalpolitikerin. Im Übrigen weist sie in ihrer Stellungnahme auf einen Widerspruch hin. In der Projektbeschreibung werde für das Umspannwerk eine Errichtung im Zeitraum zwischen 2030 und 2035 genannt. „Gleichzeitig ist in den Tabellen zu den Szenarien A 2045 und B 2045 eine Inbetriebnahme im Jahr 2045 vorgesehen.“