Drei New Yorker Flughäfen, drei Flugzeuge, minutiös getaktete Abflugzeiten: Schon die Anreise der besten Eishockeyspieler der Welt nach Mailand wurde zu einer Demonstration von Kontrolle. Die Klubeigner der National Hockey League (NHL) wollten alles im Griff behalten bei der Entscheidung, ihre Profis wieder zu den Olympischen Spielen zu schicken. Seit Sonntagabend sind alle eingetroffen. Und von nun an geht es nicht nur um Symbolik, sondern um ein kalkuliertes Signal – die Liga will sich und ihre Stars auf einer größeren Bühne zeigen. Während National Football League, National Basketball League und Major League Baseball ihre Marken längst international breiter positioniert haben, blieb die NHL in der globalen Wahrnehmung ein Nachzügler. In Europa und Asien, wo das Interesse wächst, gelang es ihr nie, dauerhaft Fuß zu fassen. Zumal gerade in Europa die Konkurrenz durch Ligen in der Schweiz und Skandinavien – und in geringerem Maße durch die tschechische Extraliga und die Deutsche Eishockey Liga – das Geschäft beeinflusst. Für die Winterspiele in Norditalien steuerten die NHL-Bosse deshalb um: Die Teilnahme ist Bestandteil eines Plans, die eigene Reichweite jenseits Nordamerikas zu vergrößern. Versicherung der Profis entscheidend In den vergangenen Jahren hatte sich die NHL wiederholt von den Olympischen Spielen ferngehalten, nachdem sie 1998 im japanischen Nagano erstmals ihren Leuten die Erlaubnis zur Anreise gegeben hatte. Zuletzt durften die Spieler 2014 in Sotschi teilnehmen. In den Jahren danach – 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking – wurden offiziell wahlweise Konflikte mit der Spielplanung, finanzielle Bedenken oder die Corona-Pandemie als Gründe für die Verweigerung genannt. Hinter den Kulissen klagten die Team-Granden aber vor allem über die Behandlung durch die Russen vor mittlerweile zwölf Jahren, die ihnen unter anderem vor Ort den Zugang zu den Spielern untersagt hätten. Mit Blick auf 2026 änderte sich die Lageeinschätzung. „Es war uns sehr klar, wie viel es unseren Spielern bedeutet, ihre Länder zu vertreten“, sagte NHL-Commissioner Gary Bettman der F.A.Z. Als er im Auftrag der Teambesitzer Mitte 2020 mit der mächtigen Spielergewerkschaft NHLPA eine Verlängerung des Tarifvertrags verhandelte, habe er den Spielern zugesichert, „dass wir einer Rückkehr zu den Olympischen Spielen zustimmen würden – und dass wir dafür nichts als Gegenleistung wollen“. Die Spielerseite kam ihm freilich entgegen, indem sie im Gegenzug zustimmte, dass die mehr als 500 Seiten umfassende Übereinkunft um ein Memorandum ergänzt wurde, das festhielt, dass der Salary Cap von September dieses Jahres an zunächst nur um rund zehn Prozent auf umgerechnet 88 Millionen Euro pro Team steigt. Auch diesmal mussten finanzielle und logistische Hürden aus dem Weg geräumt werden. Entscheidend war dabei die Versicherung der Profis: IOC, Eishockeyweltverband IIHF und die italienischen Organisatoren trafen nach F.A.Z.-Informationen mit der NHL eine Vereinbarung, wonach die Prämien für den Verletzungsschutz vollständig übernommen werden – ein Betrag von rund zehn Millionen Euro. Bettman stellte dazu dem Vernehmen nach kürzlich noch einmal bei einem Meeting mit den Inhabern der 32 NHL-Franchises klar: „Ich kann nicht garantieren, wer alles zahlt, aber ich kann garantieren, dass es gezahlt wird.“ „Darauf freue ich mich am meisten“ Darüber hinaus setzten die Italiener weitere Anreize. Der kanadische Verband etwa bekam die Zusage, dass Spieler Freunde und Familienangehörige mitbringen dürfen – inklusive Unterbringung in Top-Hotels auf Kosten der Gastgeber. Wie Leon Draisaitl, der Connor McDavid bei den Edmonton Oilers zu seinen besten Freunden zählt, am Wochenende anklingen ließ, können die kanadischen NHL-Profis zudem selbst entscheiden, ob sie im olympischen Dorf wohnen oder eine Nobelherberge vorziehen. Ein weiterer Einwand aus den Reihen der Teambesitzer zielte auf die öffentliche Wahrnehmung: die Befürchtung, die NHL könne während der Olympischen Spiele aus dem Blickfeld der Fans geraten. Bettman sieht in den Auftritten kein Problem: „Die National Hockey League ist die führende Eishockeyliga der Welt, in der alle besten Spieler zu spielen anstreben. Der Stanley Cup ist die schwierigste Trophäe im Sport, die man gewinnen kann – und er läuft niemals Gefahr, von irgendetwas ‚überschattet‘ zu werden.“ Darüber hinaus tun „wir alle unser Bestes, um die Auswirkungen einer so langen Unterbrechung zu einem kritischen Zeitpunkt im Spielplan zu minimieren – unter anderem, indem wir über unsere verschiedenen Medienplattformen mit unseren Fans in Verbindung bleiben“. Bettman betonte, dass es für ihn im Sport „nichts gibt, was der Spannung, dem Können und der Intensität eines Best-on-Best-Wettbewerbs unter NHL-Spielern gleichkommt. Darauf freue ich mich am meisten“. Die Zahl der teilnehmenden NHL-Profis beläuft sich auf 149 bei insgesamt 300 gemeldeten Spielern für das Eishockey-Turnier. Darunter sind 38 Stanley-Cup-Champions. Die Florida Panthers stellen das Team mit den meisten Olympia-Teilnehmern (zehn), während Cracks der Tampa Bay Lightning in den Aufgeboten von sieben Nationen vertreten sind. Während in den Kabinen der Kanadier um Kapitän Sidney Crosby und der Amerikaner, deren Kader von Auston Matthews angeführt wird und zu hundert Prozent aus NHL-Spielern besteht, über Gold gesprochen wird, kalkuliert die Liga in anderen Größen. Die NHL richtet den Blick auf das, was ihr auf Dauer mehr Gestaltungsmacht und verlässlichere Erlöse verspricht: den World Cup of Hockey, der im Februar 2028 neu aufgelegt wird. Anders als bei Olympia, wo die Liga weder über Ticketing noch über maßgebliche Verwertungsoptionen verfügt, ist sie dann selbst Ausrichter und kann ihr Angebot in nordamerikanischen Hallen zuschneiden, an Standorten, an denen einzelne Karten längst 300 Dollar (etwa 252 Euro) und mehr kosten. Der World Cup ist damit das Format, das die NHL nach eigenen Regeln führen und zu Geld machen kann. „Wir und die PA bekennen uns zu einem regelmäßigen internationalen Best-on-Best-Kalender, in dessen Rahmen NHL-Spieler in geraden Jahren an World Cups und Olympischen Spielen teilnehmen werden“, sagte Bettman. „Wir haben diesen Prozess (...) begonnen, setzen ihn mit den Spielen 2026 in Milano Cortina und dem World Cup of Hockey 2028 fort – und so weiter auf absehbare Zeit.“ Folgt man dieser Linie, ist die Olympiateilnahme kein Akt der Sentimentalität, sondern ein Baustein in einem Plan: maximale Aufmerksamkeit in den olympischen Wochen und optimale Gewinnabschöpfung, wenn die Liga den Rahmen selbst setzt. Die NHL riskiert in Mailand nicht ihre Dominanz, sie nutzt sie. Olympia liefert attraktive Hochglanzbilder, der World Cup später Rechte, Regiehoheit und Erlöse. Beides folgt derselben Rechnung.
