FAZ 04.03.2026
15:21 Uhr

Großbritannien: Jugend ohne Arbeit – aber mit höherem Mindestlohn?


Viele junge Briten haben keine Perspektive. Der steigende Mindestlohn hilft ihnen wenig. Labours Finanzministerin könnte den Kurs ändern.

Großbritannien: Jugend ohne Arbeit – aber mit höherem Mindestlohn?

Eine Million junge Leute in Großbritannien sind „Neets“. Das hässliche Akronym steht für: „Not in Employment, Education or Training“. Rund eine Million 16- bis 24-Jährige haben derzeit laut Statistik weder einen bezahlten Arbeitsplatz noch einen Studienplatz noch eine Lehrstelle – Tendenz steigend. Die meisten wohnen weiter bei den Eltern. Viele hängen frustriert und perspektivlos herum. Der deutliche Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit im Vereinigten Königreich auf mehr als 16 Prozent – im Jahr 2022 waren es nur neun Prozent – hat nun breitete Debatten ausgelöst. Im europäischen Vergleich sieht es nicht gut aus. Beispielsweise ist die britische Jugendarbeitslosenquote nun rund dreimal so hoch wie in Deutschland und fast genauso hoch wie in Frankreich. Dort stellt breite Jugendarbeitslosigkeit seit langem ein großes, hartnäckiges Problem dar. Die britische Labourpartei beobachtet die steigende Jugendarbeitslosigkeit mit Sorge. In ihrem Wahlmanifest von 2024 hatten die Sozialdemokraten angekündigt, sie würden den gesetzlichen Mindestlohn für Berufseinsteiger über 18 Jahre zügig an das Mindestlohnniveau für erfahrene erwachsene Arbeitnehmer angleichen. Bislang gibt es mehrere Stufen. Die Lohnuntergrenze für junge Leute liegt deutlich unter dem Erwachsenen-Mindestlohn. Labour schrieb im Wahlprogramm, die „diskriminierenden Stufen je nach Alter“ müssten weg. Schatzkanzlerin Reeves könnte Anstieg bremsen Doch nun kommen Schatzkanzlerin Rachel Reeves Bedenken, dass zu rasche Schritte beim Mindestlohn die Jugendarbeitslosigkeit noch verschärfen könnten. Auch Premierminister Keir Starmer will das vermeiden. Laut unbestätigten Medienberichten erwägt Reeves, die Angleichung an den Erwachsenen-Mindestlohn bis weit ins nächste Jahrzehnt zu verzögern. Allein die Andeutung, dass Labour die Anhebung bremsen könnte, brachte den Gewerkschaftsverband TUC auf die Palme. Die linke Arbeitnehmerorganisation, die traditionell Labour nahesteht, aber mit der Starmer-Regierung erkennbar fremdelt, rief Anfang dieser Woche vehement danach, den „unfairen“ Jugend-Mindestlohn schnellstmöglich abzuschaffen. Man dürfe nicht auf die „Angstmacherei“ derer hören, die eine höhere Hürde für junge Leute in den Arbeitsmarkt befürchten. 700.000 junge Erwachsene erhielten derzeit den Jugend-Mindestlohn. Sie sollten höher bezahlt werden. TUC-Generalsekretär Paul Novak wies darauf hin, dass es in Ländern wie Deutschland keinen gesonderten Mindestlohn-Tarif für junge Leute gebe. Im April wird der gesetzliche Mindestlohn für die 18- bis 20-Jährigen kräftig erhöht, er steigt dann um 8,5 Prozent auf 10,85 Pfund (12,50 Euro) je Stunde. Der Abstand zur Lohnuntergrenze von 12,71 Pfund (14,60 Euro) für Arbeitnehmer über 21 Jahre wird kleiner. Vergangenes Jahr sprang der gesetzlich vorgeschriebene Jugend-Mindestlohn sogar um 16 Prozent. Die zuständige Niedriglohnkommission hat – gemäß Labours Wünschen – zweistellige prozentuale Anhebungen in den nächsten Jahren anvisiert. Aber die Kommission äußerte auch Sorgen wegen des Anstiegs der Jugendarbeitslosigkeit. Gastronomie hat Zehntausende Stellen abgebaut Es sind vor allem Branchen wie das Gastgewerbe mit den vielen Tausenden Pubs und Restaurants, in denen viele junge Leute beschäftigt sind. Der Verband UK Hospitality beklagte schon im vergangenen November, als Schatzkanzlerin Reeves ihr Budget und die diesjährige Mindestlohnanhebung verkündete, die absehbare deutliche Mehrbelastung. Der Mindestlohnanstieg verursache den Kneipen, Restaurants und Hotels um 1,4 Milliarden Pfund zusätzliche Kosten. „Der höher als erwartete Anstieg der Jugend-Sätze ist beunruhigend für die Gastgewerbebetriebe, die gehofft hatten, die Regierung werde einen eher pragmatischen Kurs einschlagen“, kritisierte UK-Hospitality-Chefin Kate Nicholls damals. Die Branche hat seit 2024 Zehntausende Arbeitsplätze abgebaut und klagt bitterlich über steigende Steuern und Kosten. Laut der neuen Konjunkturprognose des unabhängigen Amts für Haushaltsverantwortung OBR, die Reeves diese Woche vorstellte, wird die Arbeitslosigkeit im Vereinigten Königreich in diesem Jahr weiter steigen, auf zwei Millionen. Mit 5,3 Prozent in der Spitze – 0,4 Prozentpunkte mehr als vorher erwartet – dürfte die Erwerbslosenquote über den Wert in der Corona-Lockdownzeit klettern und das höchste Niveau seit rund zehn Jahren erreichen. Bis 2030 soll sie aber wieder langsam Richtung vier Prozent sinken. Wobei diese offiziellen Arbeitslosenzahlen die Situation beschönigen. Mehrere Millionen Briten sind nicht erwerbstätig, sie beziehen aufgrund von Krankheiten oder psychischen Problemen Sozialleistungen. „Berufseinsteiger haben angesichts der verhaltenen Nachfrage nach Arbeitskräften derzeit Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden“, schrieben die OBR-Ökonomen. Das Wachstum sei zuletzt enttäuschend schwach gewesen. In diesem Jahr soll das britische Bruttoinlandsprodukt laut Prognose um 1,1 Prozent wachsen. Der Irankrieg mit der starken Verteuerung von Öl und Gas könnte die Konjunktur aber auch auf der britischen Insel noch unerwartet stark treffen, wenn der Preisschock länger andauere, warnten die OBR-Ökonomen. Wirtschaft klagt: Kein Plan für Wachstum Finanzministerin Rachel Reeves bemühte sich dennoch darum, Optimismus zu verbreiten: Ihr Plan für mehr Wachstum wirke. Man müsse eben nur etwas länger warten. Zur Jugendarbeitslosigkeit und zum Mindestlohn sagte sie konkret wenig, nur die etwas allgemeinen Worte „Unsere Regierung wird nicht eine ganze Generation von jungen Leuten zurücklassen.“ Aus der Wirtschaft kamen indes zunehmend ungeduldige und kritische Wortmeldungen. Der Verband der Klein- und Mittelunternehmen FSB klagte, Reeves habe „die Chance verpasst, etwas zum Kostenschock zu sagen, der die Kleinbetriebe trifft“. In diesem Jahr traten höhere Gewerbegrundsteuern in Kraft, über die es sehr breite Klagen gab. „Es gibt noch immer keinen Plan für mehr Wachstum“ monierte der Unternehmerverband Institute of Directors nach Reeves‘ Rede. Mehr Wachstum lautete das zentrale Versprechen der Labour-Regierung bei ihrem Wahlsieg Mitte 2024. Davon ist noch nichts zu sehen.