Trumps ungeheures Interesse an unserem Land hat einen schmerzhaften Höhepunkt erreicht. Ich schlafe schlecht und breche unvermittelt in Tränen aus. Unsere Nerven liegen blank, und am liebsten würde ich einfach den Pausenknopf drücken. Ich checke mitten in der Nacht die Nachrichten, und morgens erwartet mich gleich schon der nächste Schock. Bei all dem versuche ich, den Überblick zu behalten, in welcher politischen Gemengelage sich meine Familie gerade befindet. Uns Grönländerinnen und Grönländer trifft es gerade da, wo wir am verletzlichsten sind: bei unseren Kindern. Können wir der Spaltung standhalten und den Zusammenhalt in der Bevölkerung wahren? Als Eltern, Großeltern, Lehrerinnen und Lehrer stehen wir vor der enormen Aufgabe, unseren Kindern, die fragen, ob Krieg kommt, diese Krise zu erklären. Interne Zwistigkeiten können wir uns jetzt nicht erlauben. Im Folketing, der dänischen Volksversammlung, loben Politiker aller Parteien einhellig die Regierung. Die grönländische Außenministerin Vivian Motzfeldt wird am Flughafen mit Applaus und Flaggen empfangen. Die europäische Solidarität wärmt uns das Herz Donald Trump versucht, die Dänen und Grönländer zu spalten. Wenn es ihm gelingt, einen Keil zwischen uns zu treiben, werden wir leichte Beute. Unsere stärkste Waffe ist Solidarität. Dann sprechen wir eine Sprache, die Trump nicht versteht. Deshalb darf jetzt kein Blatt Papier zwischen uns passen. Werden uns Fehler passieren? Ja, aber dann gilt es, einander zu verzeihen und die Arbeit, die auf Regierungsebene eingeleitet wurde, fortzuführen. Auch auf europäischer Ebene. Die Unterstützung unserer europäischen Freunde in diesen Tagen wärmt uns das Herz. Sie ist nicht nur für unsere Regierungen in Nuuk und Kopenhagen wichtig. Auch für uns als Bevölkerung ist dieser Energieschub entscheidend. Wegen des Erbes der Kolonialzeit gibt es reichlich Konfliktstoff zwischen Grönland und Dänemark. In meinem Roman „Das Grönlandexperiment“, der dieses Jahr in Deutschland erscheint, habe ich unter anderem über den Spiralen-Skandal geschrieben: Tausenden Grönländerinnen wurden in den Sechziger- und Siebzigerjahren gegen ihren Willen eine Spirale eingesetzt – im Auftrag der dänischen Regierung. Ich habe früher mal ein paar Jahre in Hamburg gewohnt, und mein Schwiegersohn ist Deutscher. Bevor diese Krise sich zuspitzte, sagte ich immer, es gebe kein schlimmeres Land, um Grönländerin zu sein, als Dänemark. Und dass ich wünschte, einmal das Interesse zu erleben, das die Deutschen meinen grönländischen Wurzeln entgegenbringen, anstatt – wie es Grönländer in Dänemark häufig empfinden – immer bloß als Problem und Subventionsempfänger wahrgenommen zu werden. Hoffentlich kommen wir heil aus dieser Sache heraus und lernen etwas aus der Geschichte. Wir Dänen und Grönländer müssen anerkennen, dass es Meinungsverschiedenheiten gibt. Solange es unsere Uneinigkeit ist, ist es ein Zeichen von Stärke, einander Differenzen zuzugestehen. Aber wenn wir nicht zusammenhalten, ist unsere Zerrissenheit bloß ein Geschenk für Trump. Die Krise belastet uns schwer und lähmt unseren Widerstandsgeist. Wir mögen am Rand der Welt als starke Inuit aufgewachsen sein, aber wir werden handlungsunfähig, wenn wir Angst haben und die Zukunft unserer Kinder bedroht ist. Jedes Wort wird uns im Mund umgedreht Gerade die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass jeder noch so kleine Fehltritt unsererseits in den USA medial ausgeschlachtet wird. Und es ist nicht so, dass wir keine Leichen im Keller hätten. In den letzten Jahren ist ein Skandal nach dem anderen ans Licht gekommen. Es wimmelt nur so von Fake News zum Thema, wer „ein Recht“ auf Grönland hat, bis hin zu Erinnerungen an Dänemarks Vergangenheit als böse Kolonialmacht. Jedes Wort, das wir Grönländer sagen, wird uns im Mund umgedreht. Und man nimmt uns die Möglichkeit, selbst den Versöhnungsprozess zu gestalten. Als wäre das nicht genug, lauert in Dänemark weiterer Zündstoff. Als ich mich in die Debatte über „rigsfællesskabet“ – die Gemeinschaft des dänisch-färöisch-grönländischen Königreichs – einklinkte, musste ich lernen, dass sie oft von dänischer Seite befeuert wird. Das berichteten mir grönländische und färöische Studierende von ihrer Studienzeit in Dänemark, und es war auch meine eigene Erfahrung. Viele Grönländer brechen als Verfechter von „rigsfællesskabet“ nach Dänemark auf und sind bei ihrer Rückkehr glühende Freiheitskämpfer. Denn es gibt noch immer Rassismus, Inobhutnahme grönländischer Kinder durch das Jugendamt und einen Unwillen, Grönländer in Dänemark in eigener Sache zu Wort kommen zu lassen. Selbst nachdem Inatsisartut, das grönländische Parlament, den Beschluss gefasst hatte, Grönländer in Dänemark zu befragen, ob sie als nationale Minderheit anerkannt werden wollen, ist von dänischer Seite nichts passiert. Vielleicht weil es so heikel ist, sich der Geschichte zu stellen. Das einzig Gute ist, dass wir dadurch näher zusammengerückt sind Wir haben Angst davor, wohin dieser Prozess uns führt. Aber wir sind jetzt nun einmal wider unseren Willen in dieser misslichen Situation. Alles ist in freiem Fall. Trump und seine Anhänger haben den Diskurs gekapert und erzählen die Geschichte über unsere Köpfe hinweg. Es ist entsetzlich, unsere ganze Kolonialgeschichte auf diese Art wieder aufleben zu lassen. Und umso schmerzhafter, weil in den Worten, bevor sie zur Unkenntlichkeit verdreht werden, ja oft auch ein Körnchen Wahrheit steckt. Das einzig Gute ist, dass wir dadurch näher zusammengerückt sind. Jetzt kommt es darauf an, uns nicht vor laufender Kamera eine Blöße zu geben. Die Augen der Welt sind auf uns gerichtet. Ob im Supermarkt, beim Zahnarzt oder wenn wir am Flughafen warten, überall sind sofort Journalisten zur Stelle, die als Erste davon berichten wollen, wenn wir uns in die Haare kriegen. Als Mensch, als Mutter, habe ich ständig damit zu kämpfen, in dieser neuen, gefährlichen Weltordnung nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Lassen Sie mich ein aktuelles Beispiel für diese Spaltung anführen. Ich habe den Beschluss des grönländischen Parlaments erwähnt, die in Dänemark lebenden Grönländerinnen und Grönländer zur Anerkennung als Minderheit zu befragen. Für viele, auch für mich, ist das ein Herzensanliegen. Der Politiker Kuno Fencker, ein guter Bekannter von mir, hatte diesen Parlamentsbeschluss mit durchgesetzt, aber die Sache war am Ende – auch in Grönland – im Sand verlaufen. Heute werde ich nur noch gefragt, wie ich mit einem Mann befreundet sein kann, der mit dem Feind spricht (Fencker nahm an Trumps Amtseinführung teil und traf sich vergangenes Jahr mit dem republikanischen Kongressabgeordneten Andy Ogles, Anm. d. Red.). – Kuno erregt in den letzten Wochen auch wegen seiner Ansichten zur Unabhängigkeit Grönlands viel Aufsehen. Und weil ich in dieser Frage nicht mit ihm übereinstimme, können andere Grönländer nicht begreifen, warum ich den Dialog mit ihm nicht abbreche. Der schlimmste Albtraum ist das Zerwürfnis nach innen Als Land mit einer so kleinen Bevölkerung müssen wir hier sehr aufpassen. Selbstverständlich kann man politisch unterschiedliche Meinungen vertreten und sich trotzdem zum Abendessen treffen und gemeinsam lachen. Sonst tappen wir in die Falle, die Trump uns stellt. Je toleranter wir untereinander sind, je weniger wir uns gegenseitig beschuldigen oder anprangern, umso größer ist unser Zusammenhalt. Aber das ist nicht einfach. Man fällt leicht in eingefahrene Muster zurück, solange die alten Wunden noch nicht verheilt sind. Als Donald Trump Jr. im Januar 2025 in Nuuk, der Stadt meiner Kindheit, landete, kam mir die Idee für die Handlung meines neuen Thrillers. Schlagartig spürte ich, was für uns Grönländer der schlimmste Albtraum wäre: unter Freunden, innerhalb der Familie und der Gemeinschaft zerstritten zu sein und für Trump die Drecksarbeit zu machen, indem wir uns gegenseitig verleumden und die Schuld in die Schuhe schieben. Doch vor dem Hintergrund unserer schmerzhaften Geschichte, mit der wir uns nie versöhnt haben, ist das schnell geschehen – auch wenn Dänemark inzwischen verlauten lässt, Grönland sei ein gleichberechtigter Partner und wir könnten es durchaus wagen, gemeinsam den dunklen Kapiteln unserer Geschichte ins Auge zu sehen. Aber es sei daran erinnert, dass Dänemark unter der Ägide der ehemaligen dänischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt die Teilnahme an der Versöhnungskommission ablehnte, die das grönländische Parlament im Jahr 2014 – das ist nur 12 Jahre her – eingesetzt hatte, und dass vor Lars Løkke Rasmussens und Vivian Motzfeldts gemeinsamem Washingtonbesuch in Grönland Stimmen laut wurden, der dänische Außenminister solle zu Hause bleiben. Vorerst ist es uns gelungen, die internen Streitigkeiten beizulegen, und der Washingtonbesuch der gemeinsamen Delegation war ein Erfolg. Diese Arbeit müssen wir künftig weiterführen. Unter normalen Umständen dauert es viele, viele Jahre, sich nach Ende einer Kolonialherrschaft zu versöhnen. So viel Zeit haben wir nicht. Inmitten all dieser Widrigkeiten, der Desinformationskampagnen und der Spionage, die ich in meinem Roman „Die Spaltung“ beschreibe, hat Donald Trump uns ironischerweise einen Dienst erwiesen. Wir haben gelernt, dass Freiheit ihren Preis hat und wie wichtig Bündnisse sind. Das gilt in der Familie, den nordischen Ländern, der EU und in der NATO – und ganz besonders in Sachen „rigsfællesskabet“, der „Reichsgemeinschaft“. Lassen Sie mich mit einem Wort der Hoffnung enden: Mit „rigsfællesskabet“ haben wir einen Versöhnungsprozess angestoßen, in dessen Verlauf wir uns ein für alle Mal mit den Geistern der Vergangenheit auseinandersetzen werden. Und mit dem wir uns bewusst für eine ebenbürtige Gemeinschaft entscheiden, in der nicht allein Dänemark das Sagen hat. Ich habe eine stärker föderale Linie im Sinn, mit einem gemeinsamen Königshaus und gemeinsamer Außenpolitik, auf Augenhöhe. Außerdem glaube ich an einen Wiederbeitritt Grönlands in die EU. 1985 war Grönland wegen der Fischereipolitik der EU aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ausgetreten. Die Welt heute ist eine andere. Die EU kann für Grönland wirtschaftlich von Vorteil sein. Im Gegenzug kann Grönland uns allen in der EU nützen und die gemeinsame Sicherheit und den Zusammenhalt stärken. Ja, sogar den Weltfrieden. Und ich glaube an die fortdauernde Unterstützung unserer Freunde in der EU und den nordischen Ländern. Denn wenn wir zulassen, dass Trump sich Grönland unter den Nagel reißt – was kommt als Nächstes? Aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer
