FAZ 18.01.2026
10:44 Uhr

Grönland-Konflikt: Warum Trumps Eskalation ein Vorteil für Dänemark sein kann


Kopenhagens diplomatische Bemühungen scheinen gescheitert. Doch Trumps Zollankündigung macht den dänischen Kampf um Grönland zu einem Kampf Europas.

Grönland-Konflikt: Warum Trumps Eskalation ein Vorteil für Dänemark sein kann

In Dänemark hält man sich angesichts der jüngsten Eskalation im Streit um Grönland auffallend zurück – und lässt zuerst die europäischen Partner sprechen, deren Nähe man nun sucht. Lange vorbei wirken die Zeiten, da man in Kopenhagen eine kräftige Portion Europaskepsis pflegte. Sie freue sich über die übereinstimmenden Meldungen aus dem Rest des Kontinents, sagte Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Sonntagmittag, nachdem zuvor schon aus vielen anderen europäischen Hauptstädten deutliche Kritik am amerikanischen Präsidenten laut geworden war. „Europa lässt sich nicht erpressen“, so Frederiksen. Das Königreich Dänemark erfahre große Unterstützung. Gleichzeitig werde nun noch deutlicher, dass es sich beim Ringen um Grönland um eine Angelegenheit handelt, „die weit über unsere eigenen Grenzen hinausgeht“. Außenminister Lars Løkke Rasmussen kündigte für die Tage eine Art Europatour an: An diesem Sonntag reist er nach Oslo, am Tag darauf nach London, am Dienstag nach Stockholm. Erst am Mittwoch war Rasmussen zusammen mit seiner grönländischen Amtskollegin Vivian Motzfeldt zu einem Gespräch mit dem amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance sowie dem amerikanischen Außenminister Marco Rubio in Washington gewesen. Dabei war keine Einigkeit über Grönland erzielt worden, doch war das Treffen den Angaben nach konstruktiv verlaufen. Man einigte sich darauf, eine Arbeitsgruppe zu bilden und weiter über die Frage zu sprechen. Angesichts der zuvor sehr scharfen Töne, auch von Vance, galt der Ausgang des Gesprächs als positiv. Rasmussen zeigte sich danach vorsichtig optimistisch. Frederiksen äußerte sich skeptischer. Zwar begrüßte sie die Einrichtung einer Arbeitsgruppe. Doch sie betonte, dass weiter grundlegende Meinungsverschiedenheiten mit Amerika bestünden. Trumps Zollankündigung „vollständig inakzeptabel“ Parallel zu den Gesprächen mit Washington bat Kopenhagen seine europäischen Partner darum, militärisch Präsenz auf Grönland zu zeigen. Laut Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen dient die Entsendung der Soldaten aus den insgesamt acht Staaten dazu, die Sicherheit in der Arktis zu stärken. Unausgesprochen blieb, dass damit wohl auch ein Signal der Einigkeit an Trump gesendet werden sollte: Eine militärische Annexion der Insel wäre damit deutlich folgenreicher für Amerika, sie dürfte wohl das Ende der NATO bedeuten. Nun, da Trump Zölle auf alle acht beteiligten europäischen Staaten ankündigte wegen deren Einsatz auf Grönland, gelten die diplomatischen Bemühungen Rasmussens in Kopenhagen zwar als gescheitert. Trumps Ankündigung sei „überraschend“, sagte Rasmussen am Samstagabend. Schließlich bestehe der Zweck der verstärkten militärischen Präsenz in Grönland, auf die der Präsident Bezug nehme, ja gerade darin, die Sicherheit in der Arktis zu erhöhen. Verteidigungsminister Poulsen reagierte scharf: Er bezeichnete die Ankündigung als „vollständig inakzeptabel“ und gab an, Dänemark lasse sich nicht durch Zölle und Druckmittel einschüchtern. Trump vergrößert den Widerstand – ein Vorteil für Dänemark Zugleich ist aus dänischer Sicht der Kampf um Grönland nun mehr als ein Ringen des kleinen Königreichs um seine fern entlegene Insel gegen die übermächtigen USA. Auch wenn es so aussehe, als würde Trump mit seiner Zollandrohung den Druck auf Dänemark und Grönland erhöhen, werde dies in der Praxis den gegenteiligen Effekt haben, sagte dazu nun Rasmus Sinding Søndergaard vom Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS) der Zeitung „Politiken“.  Was eine Angelegenheit zwischen Trump, Dänemark und Grönland hätte sein können, mache Amerikas Präsident nun endgültig zu einer Angelegenheit zwischen ihm und ganz Europa. Es sei ein Vorteil für Grönland und Dänemark, dass Trump den Widerstand vergrößere. Nun drohe gar ein Handelskrieg gegen die gesamte EU. Nicht nur die anderen nordischen Staaten, unter denen die gegenseitige Solidarität ohnehin groß ist, sind von den Zöllen betroffen und haben bereits scharf reagiert. Selbst der als Trump-Vertraute geltende finnische Präsident Alexander Stubb ging deutlich auf Abstand zu Washington und teilte mit, Finnland unterstütze Dänemark und Grönland. Auch die großen europäischen Staaten Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind nun involviert. Sukzessive hatten sie zuletzt ihren Einsatz in der Sache erhöht, von anfänglichen Unterstützungsbekundungen bis hin zur Entsendung von Soldaten. Scharf wie nie zuvor waren teils nun auch ihre Reaktionen. So nannte etwa der britische Premier Keir Starmer den Schritt Trumps „komplett falsch“. Zugleich ist das Grönland-Problem damit nun auch zu einer Überlebensfrage für die NATO geworden. Frederiksen hatte unlängst gewarnt, wenn die USA ein anderes NATO-Land angriffen, höre „alles auf“. Nun, da die europäischen Partner tief in den Konflikt involviert sind, wirkt die Aussage aktueller denn je. Wirtschaftlich jedoch dürften die Zölle – so sie denn kommen – Dänemark großen Schaden zufügen. Die Wirtschaft des Landes ist stark exportabhängig, vor allem für die Pharmabranche ist der amerikanische Markt überlebenswichtig. Kommt es wirklich zu Zöllen in Höhe von 25 Prozent, droht laut dem Wirtschaftsverband Dansk Industri der Verlust von bis zu 16.000 Arbeitsplätzen.