Das US-Außenministerium verbreitete in der Nacht zum Freitag eine persischsprachige Botschaft an die Menschen in Iran. Auf der Plattform X postete es einen untertitelten Videoausschnitt aus der Pressekonferenz der Sprecherin des Weißen Hauses. In den Medien sei viel darüber spekuliert worden, was der Präsident tun werde, sagt da Karoline Leavitt. „Die Wahrheit ist, nur Präsident Trump weiß, welche Entscheidung er treffen wird.“ Keine Frage beschäftigt die Iraner derzeit wohl mehr als die, ob, wann und wie die Amerikaner eingreifen werden. Trump hatte den Demonstranten von Anfang an „Hilfe“ zugesagt, falls das Regime friedliche Demonstranten töte. Noch am Dienstag, als die Opferzahlen schon in die Tausende gingen und die Proteste längst abgeflaut waren, rief Trump die Demonstranten auf, weiterzumachen. „Hilfe ist auf dem Weg“, schrieb er. Am Donnerstag klang das auf einmal ganz anders. Trump reklamierte in einem Interview mit dem Sender NBC, längst einen Erfolg erzielt zu haben. „Wir haben gestern viele Leben gerettet“, sagte er. Seine Sprecherin behauptete: „Der Präsident geht davon aus, dass 800 Hinrichtungen, die gestern stattfinden sollten, abgesagt wurden.“ Das wären mehr als halb so viele Hinrichtungen, wie Iran im gesamten Jahr 2025 vollstreckt hat. Empfänglich für Botschaften aus Teheran Es klang wie der Versuch, Zeit zu gewinnen oder einen gesichtswahrenden Ausweg aus den militärischen Drohungen der vergangenen Tage zu finden. Iran selbst schien dem US-Präsidenten dafür eine Brücke gebaut zu haben. Außenminister Abbas Araghchi sagte in einem Interview mit Trumps Haussender Fox News, es gebe „überhaupt keine Pläne für Erhängungen“. Auch sonst schien Trump empfänglich für Botschaften aus Teheran. „Sie sagten, Leute würden sie mit Gewehren beschießen und sie haben zurückgeschossen.“ Vielleicht habe Trump ursprünglich gehofft, dass seine Tweets und Drohungen das Regime stoppen würden und ihn das davor bewahren würde, seine Gewaltdrohungen einzulösen, sagte der israelische Geheimdienstfachmann Dennis Citrinowicz der F.A.Z. „Er hat nicht verstanden, dass dieses Regime um sein Überleben kämpft und dass nichts sie davon abhalten kann, diese Leute zu töten.“ Amerikanische Quellen bekräftigen aber, dass eine militärische Option noch nicht vom Tisch sei. Eine Flugzeugträgergruppe werde in den Nahen und Mittleren Osten verlegt. Der Sender CNN berichtete, der nächstgelegene Flugzeugträger könne in fünf bis sieben Tagen am Golf sein. Das „Wall Street Journal“ schrieb, Trumps Militärberater hätten ihm deutlich gemacht, dass die USA mehr militärische Kapazitäten in der Region brauchten, um einen groß angelegten Angriff auf Iran durchzuführen und um Verbündete wie Israel vor Vergeltungsschlägen zu schützen. Sie hätten ihm auch erklärt, dass selbst ein groß angelegter Angriff das Regime in Teheran wahrscheinlich nicht zu Fall bringen werde, dass er aber die Gefahr berge, in einen breiteren Konflikt zu münden. Die arabischen Partner sind beunruhigt Iran bemüht sich, diese amerikanischen Sorgen zu befeuern. Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh warnte bei einem Treffen mit ausländischen Militärattachés, dass Instabilität in Iran auch andere Länder erfassen könne. Diese Botschaft möge man Irans „Freunden“ übermitteln. Das richtet sich an Länder mit amerikanischer Militärpräsenz wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Qatar und Irak. Teheran versucht auf diese Weise, indirekt Einfluss auf Trump auszuüben. Denn die Drohungen und die gemischten Signale aus dem Weißen Haus beunruhigen Washingtons arabische Partner, gerade jene am Golf. Saudi-Arabien, der wichtigste arabische Alliierte der USA, oder Qatar versuchen daher, Trump von einem Militärschlag gegen Iran abzubringen. Sie haben Sorge, ein solcher würde einen größeren regionalen Waffengang heraufbeschwören – und das hätte schwerwiegende Folgen für deren Volkswirtschaften. Vor allem würde das Öl- und Gasgeschäft, an dem die Volkswirtschaften hängen, massiv beeinträchtigt. Das Regime in Teheran droht immer wieder damit, den Tankschiffsverkehr durch die Straße von Hormus zu stören – eine schmale Wasserstraße an der Mündung des Persischen Golfs, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Öltransporte verbracht wird. Saudi-Arabien versucht laut übereinstimmenden Berichten, mäßigend auf Amerika einzuwirken, und sendet zugleich Signale an seinen iranischen Rivalen, sich nicht in den Konflikt hineinziehen zu lassen und auch seinen Luftraum nicht für eine amerikanische Militäraktion zu öffnen. Qatar und Oman unterhalten gute Arbeitsbeziehungen zu Teheran und versuchen, zwischen Iran und den USA zu vermitteln. Israel soll um Zeit gebeten haben Aber Trump gilt auch unter seinen Partnern am Golf als schwer berechenbar. In Doha brach angesichts der angespannten Lage schnell Besorgnis aus, als der Abzug von Personal aus der amerikanischen Al-Udeid-Luftwaffenbasis in Qatar bekannt wurde. Der Vorgang weckte Erinnerungen an die amerikanischen Luftangriffe vor sieben Monaten. Seinerzeit wurden mehr als eine Woche vor den Militärschlägen gegen das iranische Atomprogramm Mitarbeiter und ihre Familien aus US-Stützpunkten im Nahen Osten in Sicherheit gebracht. Auch Benjamin Netanjahu soll Trump von einem Angriff auf Iran zum gegenwärtigen Zeitpunkt abgeraten haben. Das Büro des israelischen Ministerpräsidenten und das Weiße Haus äußerten sich nicht zum Inhalt des Telefongesprächs, das laut Berichten amerikanischer Medien am Mittwoch stattfand. Netanjahu soll sich darin nicht grundsätzlich gegen ein militärisches Vorgehen gegen Iran ausgesprochen haben. Er soll aber um Zeit gebeten haben, damit sein Land sich vorbereiten könne, falls Teheran im Gegenzug israelische Ziele attackieren sollte, schrieb Barak Ravid auf der Nachrichten-Website Axios. Iran habe sein Raketenarsenal seit dem Zwölftagekrieg im vergangenen Juni wieder beträchtlich aufgestockt, heißt es in israelischen Medien unter Verweis auf Geheimdiensterkenntnisse Israels und der USA. Die Abwehrbereitschaft der israelischen Armee wurde in den vergangenen Tagen erhöht. Appelle an Trumps Ego Hinzu kommt eine weitere Erwägung. Israel würde einen Sturz des iranischen Regimes befürworten und unternimmt seit langer Zeit auch Schritte, um dessen Gegner zu stärken. So wurden laut Recherchen der Zeitung „Haaretz“ aus Israel Onlinekampagnen auf Persisch und in weiteren Sprachen gesteuert, um das Image Reza Pahlavis, des Sohns des letzten Schahs, aufzuwerten. In israelischen Führungskreisen herrscht aber offenbar Skepsis vor, ob amerikanische Militärschläge gegen Regimeziele derzeit ausreichen würden, die Führung der Islamischen Republik zu Fall zu bringen. Laut Axios ist der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, David Barnea, in den USA eingetroffen und wollte sich am Freitag in Miami mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff zu Iran beraten. Manche iranische Aktivisten versuchen derweil, an Trumps Ego zu appellieren und ihn zu einem militärischen Eingreifen zu bewegen. Und sei es nur, um Rache zu üben für das Blutbad der Regimekräfte. So schrieb etwa ein Mitarbeiter des Exilsenders Iran International in einem Tweet an den Präsidenten, er habe von Augenzeugen gehört, dass Demonstranten in Rascht gerufen hätten: „Habt keine Angst. Wenn sie uns töten, wird Trump sie morgen angreifen.“
