Im April 1982 waren Bob Weir und Jerry Garcia bei David Letterman. Die beiden Grateful-Dead-Gitarristen hatten damals schon gut anderthalb Jahrzehnte Rockgeschichte auf dem Buckel, aber Weir sah man das, anders als dem grauhaarigen, vollbärtigen Garcia, absolut nicht an. Während Garcia in typisch verkiffter Selbstzufriedenheit herumsaß, wirkte der drahtige Weir mit seinem immer noch jungenhaften Gesicht wie ein Sportlehrer und schien auf nervöse Weise irritiert, als Letterman sie nach ihrem Rock-’n’-Roll-Lifestyle ausfragte. Dazwischen gaben sie Arme-Leute-Countryblues zum Besten, dem sie, mit makellosem Akustikgitarrenpicking, etwas ausgesprochen Humoristisches einhauchten. Fast hätte man meinen können, die Everly Brothers zu hören, aber dafür fehlte den Dead-Mitgliedern dieser zuweilen verbissene Perfektionismus. Unkommerzieller Gegenentwurf zur rockmusikalischen Kulturindustrie The Grateful Dead, 1965 gegründet und nach Garcias Tod 1995 aufgelöst, aber noch unter anderen Namen fortwirkend, waren, neben Jefferson Airplane, Janis Joplins Big Brother and the Holding Company, Quicksilver Messenger Service und Creedence Clearwater Revival, eine der großen Bands aus San Francisco, das sich damals als unkommerzieller(er) Gegenentwurf zur rockmusikalischen Kulturindustrie begriff, die sich zur selben Zeit in Los Angeles formierte. Grateful Dead verkörperten unter ihnen am stärksten das, was man unter „Gegenkultur“ zu verstehen begann – nicht so böse gesellschaftskritisch wie Jefferson Airplane, nicht so brillant wie Quicksilver und nicht so hitträchtig wie Creedence Clearwater. Tatsächlich hatten sie nie einen richtigen Hit, waren nur einmal in den Top Ten, lange nach ihrer Blütezeit. Jedoch waren The Grateful Dead auch nie darauf aus, eine Kassenattraktion zu werden wie Crosby, Stills, Nash & Young, diese reichen, abgehobenen Hippies. Ihre Bedeutung lag im (sozialen) Zusammenhalt – der Grateful-Dead-Clan umfasste an die hundert Leute – und im (musikalischen) Zusammenspiel, das live in breit mäandrierenden Countryblues- und Folk-Improvisationen vor sich ging und die Stücke auf bis zu einer halben Stunde streckte. Garcia stand dabei als Leadgitarrist und ohnehin als Identifikationsfigur natürlich im Mittelpunkt; Weir besorgte mit unaufdringlichen, jazznahen, eher pianistisch orientierten Akkorden den Rhythmus und verhielt sich assistierend. Gleichwohl verkörperte er den Anspruch der Band, Musik als Gruppenerlebnis zu betreiben und aufzufassen – in diesem Sinne waren The Grateful Dead wirklich funky, denn der Funke sprang immer über – nicht weniger stimmig als der geradezu kulthaft verehrte Gracia. Teil der Band sein: Mehr wollte er nicht Weir sah sich selbst schon wegen seines jugendlichen Alters ganz unten in der Rangordnung, arbeitete sich aber nach oben, indem er, ähnlich wie George Harrison bei den Beatles, irgendwann eigenes, durchweg beachtliches Songmaterial wie das jazzige „Sugar Magnolia“ beisteuerte und mit solide durchringender Stimme auch intonierte. Und an die Seite ließ er sich auch deshalb gar nicht drängen, weil er der wohl bestaussehende, einfach schönste Rhythmusgitarrist der Sechziger- und Siebzigerjahre war. „Playing in the Band“ – mehr wollte er nicht als in diesem Lied behauptet, das von seinem vorzüglichen Solodebüt von 1972 stammt, dessen Titel, „Ace“, zu seinem Spitzname wurde. Bob Weir, der als Kind zur Adoption freigegeben worden war und ein origineller, freundlich-positiver, absolut unprätentiöser Mensch war, wurde alt und grau, spielte aber bis zuletzt, von einer schweren Krankheit genesen. Nun ist er, im Alter von 78 Jahren, unerwartet doch gestorben. In einer Hinsicht lag der Name seiner legendären Band falsch: Grund zur Dankbarkeit besteht nicht.
