Die Berliner Hochschulen müssen ihre Ausgaben kürzen. Der Senat verlangt von ihnen für dieses Jahr rund 145 Millionen Euro an Einsparungen. Die Universitäten der Stadt haben bereits einen massiven Abbau von Studienplätzen angekündigt. Das Mittel der Wahl ist in solchen Fällen der Rasenmäher. Statt gezielt einzelne Studiengänge zu streichen, belegen die bedrängten Hochschulleitungen lieber alle Fächer mit Sparauflagen. So trifft es jeden, und man erspart sich inhaltliche Begründungen dafür, warum ein Studiengang im Unterschied zu allen anderen verzichtbar sein soll. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) gehört mit ihren 15.000 Studenten und 80 Studiengängen zu den kleineren Hochschulen des Landes Berlin. Kürzen muss sie trotzdem. Bis 2028 sollen es rund 41 Millionen Euro sein. Die Hochschulleitung hat sich nun zu dem mutigen Schritt entschieden, ein einzelnes Fach komplett zu streichen. Der Bachelor- und Masterstudiengang „Restaurierung — Konservierung“ habe pro Jahr eine Kapazität von zwanzig Plätzen im Bachelor und vierzig Plätzen im Master, die jedoch regelmäßig nicht ausgeschöpft würden, begründet die Hochschulleitung ihre „strategische Entscheidung“. In den letzten zehn Semestern seien nur 27 Absolventen pro Jahr auf 60 vorgehaltene Studienplätze gekommen. Dem mageren Resultat stehe ein im Vergleich zu anderen Studiengängen sehr hoher Personal-, Flächen- und Laborbedarf gegenüber. Dem Studiengang sei das natürlich nicht vorzuwerfen, ließ Thomas Bremer, der Dekan des betroffenen Fachbereichs, verlauten und gab den Vorwurf an das Land weiter, dessen Mittelzuweisungen zu gering seien. Außerdem werde das Fach bundesweit auch an anderen Hochschulen angeboten. Ende 2031 soll deshalb an der HTW endgültig Schluss sein mit der Ausbildung von Konservatoren archäologischer Funde. Nachfrage aus der Privatwirtschaft Die Absicht der Hochschulleitung hat die erwartbaren Proteste ausgelöst. Der Berliner Landesarchäologe Matthias Wemhoff sprach von „Wahnsinn“, der Deutsche Verband für Archäologie (DVA) nannte den Plan „grotesk und peinlich“ und erinnerte daran, wie wichtig die Archäologie als „Wirtschaftsfaktor“ für die Stadt sei. Bedenkt man, was in der notorisch klammen Stadt alles als ein solcher Faktor gilt – von der freien Kunstszene, den Technoklubs bis hin zum Görlitzer Park und dem dortigen Angebot frei verkäuflicher Drogen –, mag das albern klingen. Der Verband der Restauratoren erklärte die Restaurierungsstudiengänge gleich zum „Aushängeschild einer ganzen Nation“. Aber statt solchen Bombasts, zu dem Kulturwissenschaftler gern greifen, wenn von außen ihre Existenz infrage gestellt wird, wäre ein sachlicher Hinweis auf die aktuelle Wirtschaftslage bei der Archäologie tatsächlich hilfreicher. Denn die zeigt in Deutschland derzeit einen erstaunlichen Boom. Die jährliche Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF) in der privatwirtschaftlichen Archäologie Deutschlands fand zuletzt im Frühjahr dieses Jahres statt. Ihr Fazit ist eindeutig. Die Branche erlebe ein anhaltendes Wachstum, das nur eine entscheidende Bremse habe: den Mangel an Fachkräften. Der greife auf allen Ebenen und hänge vor allem mit mangelnden Ausbildungswegen zusammen. Es fehle an Ausbildungsplätzen für Grabungstechniker, auch die Berufsqualifizierung der Masterabsolventen an den Universitäten genüge den Anforderungen der privatwirtschaftlichen Archäologie nicht. Die Leopoldina forderte letztes Jahr in einem Diskussionspapier zur „gemeinsamen Verantwortung für das archäologische Erbe“ Deutschlands einen Ausbau der Praxisanteile in den archäologischen Studiengängen und verwies ebenfalls auf den Fachkräftemangel. Die Assoziation von Archäologie mit „brotloser Kunst“ und „Orchideenfach“ sei „zutiefst irrig“, so die DGUF. Größter Sektor der Archäologie sei längst die Privatwirtschaft, wo derzeit rund 55 Prozent aller Archäologen beschäftigt seien, während die meisten Landesämter kaum noch selbst Grabungen durchführten. Sie könnten auch nicht die Gehälter zahlen, die von der Privatwirtschaft auf dem leer gefegten Markt geboten würden. Der Boom des Faches liegt vor allem an der europäischen Gesetzgebung im Rahmen der Konvention von Malta und den großen Infrastrukturprojekten der Energiewende wie den Strom- und Wasserstofftrassen, den Solar- und Windkraftprojekten und dem Ausbau des Schienennetzes. Projekte wie die Stromleitung „Suedlink“ ziehen einen 700 Kilometer langen Graben durch jahrtausendealte Siedlungsgebiete mitten in Deutschland – eine gigantische Beschäftigungsmaßnahme für die Archäologen der beauftragten Baufirmen. Das wird auch so bald nicht aufhören, die aktuellen Planungshorizonte der Investoren reichen vielmehr schon in die 2040er-Jahre. Die von den Universitäten belächelte „nichtakademische Trassenarchäologie“ versorgt das Fach im Unterschied zu anderen historischen Fächern nicht nur mit einem prosperierenden Arbeitsmarkt, sondern auch mit dem Luxus, sich um Nachschub an Quellenmaterial nicht mehr selbst bemühen zu müssen. Harald Meller weist in einem Beitrag für das Forum des Deutschen Verbandes für Archäologie (DVA) darauf hin, dass die Notwendigkeit zur Beschaffung von Quellenmaterial und zur Drittmitteleinwerbung für die Archäologie damit zunehmend entfalle. Hochkarätige Befunde würden inzwischen regelmäßig von der Bodendenkmalpflege generiert. Beim Quellenmaterial sei die Archäologie darum in einer privilegierten Rolle, während das eine oder andere historische Fach unter „begrenzten und häufig hin und her gewendeten Quellen leide“. Es ist allerdings davon auszugehen, dass der allergrößte Teil der Funde aus den zukünftigen Stromtrassen nach ihrer ordentlichen Konservierung für immer in den Archiven der Landesdenkmalämter verschwindet, weil an den Universitäten kaum noch eine wissenschaftliche Auswertung möglich ist. Auch wenn der Boom des Faches mehr mit dieser fachgerecht zu konservierenden Masse an Funden zu tun hat als mit daraus gewonnenem neuem Wissen, wäre die Schließung des Berliner Studiengangs befremdlich. Eine Strategie ließe sie sich nur nennen, wenn man die Attraktivität des Studienangebots an der aktuellen studentischen Nachfrage bemäße. Vielleicht ließe sich diese Nachfrage durch ein besseres Marketing für den Studiengang verbessern? Wäre das nicht mal eine Aufgabe für die vielen Absolventen des Studiengangs Wirtschaftskommunikation, die die HTW jedes Jahr entlässt? Vor allem bräuchte es eine engere Abstimmung des Faches mit der Privatwirtschaft, die sehr genau weiß, welche Kompetenzen die Hochschulen den künftigen Grabungsleitern vermitteln sollten, die in der Branche dringend gesucht werden.
