FAZ 16.01.2026
15:00 Uhr

„Golden Dome“ und Schiffe: Warum Grönland für Trump militärisch so wichtig ist


Der US-Präsident will die Insel unbedingt: für Amerikas Raketenabwehr – und wegen der Bedrohung durch chinesische und russische Schiffe. Ganz unrecht hat er damit nicht.

„Golden Dome“ und Schiffe: Warum Grönland für Trump militärisch so wichtig ist

Erst waren es russische und chinesische Kriegsschiffe, die angeblich „überall“ vor der Küste Grönlands patrouillierten. Nun ist es der Himmel über der Arktisinsel, den Donald Trump als Argument für seine Gebietsansprüche an Dänemark heranzieht: Grönland sei von „entscheidender Bedeutung“ für den Raketenabwehrschirm „Golden Dome“ – eines der vielen ambitionierten Militärprojekte des US-Präsidenten. Ganz Amerika soll praktisch lückenlos vor Raketen geschützt werden. Und tatsächlich spielt die Insel im hohen Norden aufgrund ihrer strategischen Lage eine zentrale Rolle bei der Aufklärung und Abwehr. Russische Interkontinentalraketen mit dem Ziel Washington oder New York würden wahrscheinlich über Grönland fliegen – die Route über die Arktis ist die kürzeste. Die russischen Waffen können je nach Typ deutlich mehr als 5500 Kilometer weit fliegen. „Aus technischer Sicht macht es Sinn, dort eine Abwehr zu stationieren“, sagt Markus Schiller, der an der Universität der Bundeswehr München zu Fernflugkörpern lehrt. Aufgrund der geographischen Situation würden „sämtliche russische Interkontinentalraketen, die auf die amerikanische Ostküste geschossen werden, über Grönland fliegen“. Das gelte auch für Raketen, die von neuen chinesischen Silos abgefeuert würden. Die USA haben in den vergangenen Jahren immer wieder gewarnt, dass Peking sein Arsenal an Interkontinentalraketen rasant ausbaut; unter anderem an der Grenze zur Mongolei. Mit Abwehrsystemen auf Grönland könnten die Amerikaner solche Flugkörper leichter vom Himmel holen, sagt Schiller. Gegen nuklear bewaffnete U-Boote oder Langstreckenbomber könne eine Stationierung dagegen nichts ausrichten. Mit dem „Golden Dome“ will Trump bis zum Ende seiner Amtszeit einen Luftverteidigungsschild über Amerika spannen. Er soll ballistische Raketen, Hyperschallraketen und fortschrittliche Marschflugkörper abwehren. Die Trefferquote liege bei fast 100 Prozent, behauptete Trump, womit die Bedrohung durch Raketen „für immer“ beendet werde. Fachleute halten den Zeitplan für unrealistisch, hinzu kommen große wirtschaftliche und technische Herausforderungen. Der „Golden Dome“ soll aus mehreren Abfangschichten bestehen und eine Vielzahl von Abwehrmöglichkeiten bereitstellen: darunter Laser und „weltraumgestützte Abfangraketen“. Aber auch mehrere konventionelle Systeme an Land. Hier könnte Grönland ins Spiel kommen: Eine Möglichkeit sei, dort Ground-Based Interceptors (GBI) zu stationieren, sagt Fachmann Schiller. Die Amerikaner haben GBIs entwickelt, um Interkontinentalraketen, die teils außerhalb der Erdatmosphäre fliegen, in der mittleren Flugphase abzufangen. Sie sind wesentlicher Bestandteil der amerikanischen Raketenabwehr. Die beiden Standorte in Alaska und Kalifornien sind jedoch primär gegen Bedrohungen aus Nordkorea und Iran gerichtet – nicht gegen Russland und China. GBIs auf Grönland könnten das ändern. Sie wären geeignet, sagt Schiller, „Interkontinentalraketen genau in der Flugphase zu bekämpfen, die über Grönland stattfindet“. Bislang hat Trump nicht weiter erläutert, wie genau er die Insel in den „Golden Dome“ integrieren will. Schon seit Langem zentral für die Raketenabwehr Zumal die Insel seit den vierziger Jahren ein integraler Bestandteil des Raketenwarn- und -abwehrsystems der USA ist. Einst hatten die Amerikaner dort 17 Stützpunkte und deutlich mehr Soldaten. Das meiste wurde nach dem Ende des Kalten Krieges abgebaut. Heute betreiben sie noch die Pituffik Space Base – die nördlichste Einrichtung des US-Verteidigungsministeriums. Der Standort gilt als zentral für die amerikanische Raketen- und Weltraumüberwachung; dort ist unter anderem ein leistungsstarkes Frühwarnradarsystem installiert. Auch wenn auf dem Stützpunkt derzeit nach öffentlichen Informationen kein Raketenabwehrsystem stationiert ist, dürften die Dänen den Amerikanern genügend Möglichkeiten einräumen, ihre Verteidigung auszubauen – ganz ohne Annexion. Die dänische Regierung hat wiederholt darauf hingewiesen, dass sie offen dafür wäre. Ein gemeinsames Verteidigungsabkommen von 1951, das 2004 angepasst wurde, gibt den Amerikanern freie Hand, auch für weitere Stützpunkte. „Wenn Präsident Trump sein Ziel verwirklichen will, ein Raketenabwehrsystem aufzubauen, das auch gegen Hyperschallraketen und Drohnen schützen kann, muss das US-Militär seine Anlagen in Grönland ausbauen, wahrscheinlich auch um Abfangvorrichtungen“, sagt Mikkel Vedby Rasmussen, Professor an der Universität von Kopenhagen. Eine solche Initiative könnte demnach mit der Raketenabwehr der NATO sowie den EU-Plänen für eine europäische Drohnenabwehr in Verbindung stehen. Es handele sich um unterschiedliche Technologien, die jedoch Teil derselben strategischen Zielsetzung seien. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Dänemark dagegen Einwände haben könnte“, sagt Rasmussen. Sind russische und chinesische Kriegsschiffe „überall“? Trump begründete das Ziel, Grönland zu übernehmen, auch damit, dass es dort „überall russische und chinesische Schiffe, Kriegsschiffe“ gäbe. Das trifft aus Sicht dänischer Sicherheitsfachleute nicht zu. Demnach sind dort chinesische Schiffe bisher eine Rarität. Außenminister Lars Løkke Rasmussen sagte dazu, seit rund einem Jahrzehnt habe man in dem Gebiet kein chinesisches Kriegsschiff mehr gesehen. „Es gibt dort keine chinesische Bedrohung.“ Der dänische Auslandsnachrichtendienst Forsvarets Efterretningstjeneste (FE) schätzt das etwas anders ein. Im jüngsten jährlich erscheinenden Bericht heißt es, China bereite sich auf eine militärische Präsenz in der Arktis vor. Chinesische Eisbrecher und Forschungsschiffe seien in der Region im Einsatz und hätten gemeinsame Patrouillenübungen mit Russland durchgeführt. China wolle Kapazitäten für unabhängige militärische Operationen dort aufbauen. Allerdings konzentrieren sich die Aktivitäten Chinas bisher in erster Linie auf die Gewässer nördlich der Beringstraße. Russlands Präsenz in der Arktis geht deutlich darüber hinaus. Zwar gibt es derzeit keine Häufung russischer Schiffe unmittelbar um Grönland. Doch für Russland sind die Gewässer zwischen Grönland, Island, den Färöer-Inseln (die ebenfalls zum Dänischen Königreich gehören) und Großbritannien entscheidend. Diese sogenannte GIUK-Lücke gilt als Nadelöhr, hier muss Russlands U-Boot-Flotte hindurch, wenn sie im Falle eines Krieges in den Nordatlantik will. Heute schon liefern sich russische U-Boote und jene der NATO dort ein Katz-und-Maus-Spiel. Russland rüste in der Arktis auf und ziele darauf, die regionale militärische Überlegenheit aufrechtzuerhalten, schreibt der dänische Nachrichtendienst. Und es nutze alle verfügbaren Mittel, um die Gewässer rings um die GIUK-Lücke zu überwachen und zu kartographieren. Dies sei Teil der Vorbereitungen für eine mögliche Konfrontation mit der NATO. Weder auf Island noch auf Grönland gibt es bisher US-Marinebasen. Das hat mit den unwirtlichen Bedingungen zu tun – auf Grönland gibt es keine eisfreien Tiefwasserhäfen. Selbst im Sommer ist das Meer dort nur begrenzt schiffbar. Außerdem dienten die Inseln den USA bisher vor allem zur Frühwarnung sowie zur See- und Luftraumüberwachung. Große Truppen dort zu stationieren, hat wenig Sinn. Die US-Navy operiert im Nordatlantik von Norwegen oder Großbritannien aus. Angenommen wird aber, dass einem Ausbau der amerikanischen Kapazitäten weder auf Grönland noch auf Island etwas entgegenstünde.