FAZ 08.02.2026
13:15 Uhr

Gold für Lollobrigida: Eisschnellläuferin, Mutter, Olympiasiegerin


Keine Hilfe, keine Halle und jetzt eine Diva: Die Mutter Francesca Lollobrigida hat Italiens erstes Gold gewonnen, obwohl sie erst gar nicht nach Mailand wollte. Wie hat sie das geschafft?

Gold für Lollobrigida: Eisschnellläuferin, Mutter, Olympiasiegerin

Sie hatte das erste Gold gewonnen. Für sich, selbstverständlich. Und für Tommaso, ihren Sohn, und für ihre Vorstellung vom Leben als Leistungssportlerin und Mutter. Aber eben auch für Italien, auch wenn kaum ein Italiener, kaum eine Italienerin in den Hallen 13 und 15 der Messe Mailand dabei war, als die Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida zum Sieg über 3000 Meter geskatet war. Italien hat das erste Gold dieser Spiele am Stadtrand gewonnen, den Weg dorthin hatten hauptsächlich niederländische Zuschauer gefunden, wie es üblich ist in dieser Sportart. Aber große Töne in Oranje spuckten nur die ebenfalls zum Eisschnelllauf-Inventar gehörenden Blechbläser der Kapelle „Kleintje Pils“: Gold für Francesca Lollobrigida, Silber für die Norwegerin Regne Wiklund, Bronze für Valérie Maltais aus La Baie, Québec. „Ich habe gesagt, ich mache das nicht, ich will nicht nach Mailand“ Es war kein Tag für Oranje, es war ein Tag für Francesca Lollobrigida aus Rom. Sie hatte Geburtstag an diesem 7. Februar. Wurde 35 Jahre alt an diesem 7. Februar. Wurde Olympiasiegerin an diesem 7. Februar. Und redete wie ein Wasserfall an diesem 7. Februar. „Der Verrückte war mein Vater. Der hat mich nach Baselga (Eisbahn im Trentin; d. Red.) geschickt, ohne mich überhaupt zu fragen. Jetzt kann ich Danke sagen, ich habe vor zwanzig Jahren begonnen. Jetzt genieße ich es, eine Mutter zu sein und zu skaten, aber diese Saison war eine Katastrophe, die schlimmste. Ich habe geheult, nichts ging, ich habe gesagt, ich mache das nicht, ich will nicht nach Mailand. Das kann jeder Mutter passieren, aber in meinem Kopf war es dunkel. Und jetzt bin ich hier und zeige den Leuten, dass du Mutter sein kannst und stärker zurückkommen kannst.“ Francesca Lollobrigida redete und redete, in der Pressekonferenz war erst eine Frage gestellt worden. Sie wollte etwas loswerden. Sie hatte das alles allein geregelt, den Alltag mit ihrem Sohn Tommaso, der drei Jahre alt wird in diesem Jahr. Sie hatte Hilfe von ihrem Mann, von ihrer Schwester, von Tommasos Großeltern. Aber nicht von den Sportverbänden. Hier saß eine Frau und erzählte die Geschichte ihres Lebens. Und die von vielen Sportlerinnen, die nicht die Gelegenheit bekommen, sie loszuwerden, weil sie kein Olympisches Gold gewinnen. Ein sensationeller Sieg Zum vollständigen Bild gehören ein paar Fakten: Francesca Lollobrigidas Sieg ist eine Sensation. Sie ist in 3:54,28 Minuten zum Sieg gelaufen, Olympischer Rekord. Sie hatte bei den Weltcups in dieser Saison wenig erreicht: Vierte, Sechste, Siebte, Elfte. Im Kopf war es dunkel, sie war angeschlagen. Ihr Trainer Maurizio Marchetto hat schon viele Eisschnellläufer zu Olympischen Erfolgen geführt. Nach den Winterspielen 2010 trainierte er die russischen Frauen, 2015 kehrte er nach Italien zurück. Mindestens ab 2010 lief in Russland ein staatliches Doping- und Doping-Vertuschungsprogramm, auch Eisschnellläufer wurden gesperrt. Ihre Schwester war 2018 bei einem Inline-Wettkampf positiv auf ein verbotenes Diuretikum getestet worden und 18 Monate gesperrt. Ihr Trainer sei ein „wirklich harter Typ“, sagt Francesca Lollobrigida über Maurizio Marchetto. „Wir haben keine Medaille erwartet.“ Viel trainiert hätten sie. „Ich bin eine Kämpferin“ Am Samstag vor acht Tagen habe sie dann gemerkt, dass sie das Eis mag in diesen Messehallen am Rande der Stadt. „Ich habe mich stark gefühlt. Ich bin eine Kämpferin.“ Die Kämpferin, das ist die Geschichte, die aus diesem Wasserfall sprudelt. Als sie sagte, sie wolle Mutter werden und Eisschnellläuferin bleiben, sei ihr ein weißes Blatt Papier in die Hand gedrückt worden. Darauf sollte sie schreiben, wie sie sich das alles vorstellt. Sie hat es durchgezogen, mit der Hilfe ihrer Familie. „Ich habe Tommaso die Brust gegeben, bis er 18 Monate alt war. Das war eine Entscheidung für meinen Sohn. Meine Schwester“, die 2018 positiv getestete Giulia, „hat ihn dann immer ins Auto gesetzt und ist hinterher gefahren. Sie musste so viel Verantwortung übernehmen.“ Ragne Wiklund und Valérie Maltais saßen rechts und links neben Francesca Lollobrigida und hörten das Sprudeln aus dieser Frau, deren Plan aufgegangen war. Maltais, die Frankokanadierin, hat diese Spiele als einen letzten Anlauf genommen und will nun eine Familie gründen. Ihr Lebensgefährte, ein ehemaliger Eisschnellläufer, habe sich ihren Plänen angepasst, hatte sie den kanadischen Journalisten erzählt. Sie hat einen anderen Weg gewählt als die Siegerin, obwohl in Kanada „die Unterstützung für Mütter im Leistungssport sehr wächst. Ich kenne das Kleingedruckte gar nicht, aber wer ein Kind will, kriegt Unterstützung und Geld.“ „Ich versuche auch eine Diva zu sein. In meiner kleinen Welt“ Ragne Wiklund, zehn Jahre jünger als Maltais und Lollobrigida, konnte das nicht aus Norwegen erzählen: „Wir kriegen da nicht viel Unterstützung. Keine finanziellen Mittel. Aber mein Team würde das schon irgendwie auf die Beine stellen.“ Auch das ein interessanter Eindruck dieses Abends: Das erfolgreichste Wintersportland der Welt, das überaus reiche Norwegen, lässt seine Eisschnellläuferinnen nicht nur auf dem Eis als Einzelkämpferinnen durchs Leben ziehen. Für Francesca Lollobrigida ist es die gewohnte Geschichte. „Im Jahr der Spiele erinnern sie sich dann an uns.“ Große Illusionen macht sie sich nicht: „Ich liebe das Skaten und hier war es das beste Theater, um das zu zeigen. Die Leute werden denken: Oh, das ist ja schön. Aber es gibt ja nicht mal Eishallen, in denen Kinder mit dem Schlittschuhlaufen anfangen könnten.“ Und dann wurde sie doch noch mal nach ihrem berühmten Namen gefragt, nach Gina, der Schauspielerin, ihrer Großnichte, die sie nie kennengelernt hat. „Sie war eine Diva. Eine Diva in Hollywood. Ich versuche auch eine Diva zu sein. In meiner kleinen Welt.“ Und das Lachen von Francesca Lollobrigida, Eisschnellläuferin, Mutter, Olympiasiegerin, flutete den Raum.