FAZ 18.12.2025
18:03 Uhr

Götz ALsmann: Nachts, wenn die Lieder leuchten


Zwischen Jazz und Schlager entfaltet Götz Alsmann in der Darmstädter Centralstation ein nächtliches Panoptikum voller Witz, Wissen und warmem Klang. Mit Geschichten, die leuchten, und Liedern, die längst vergessen schienen.

Götz ALsmann: Nachts, wenn die Lieder leuchten

Götz Alsmann nimmt sein Publikum mit auf eine Nachtwanderung – musikalisch, erzählerisch, nostalgisch. In der Darmstädter Centralstation wird schnell klar: Diese Nacht ist kein bloßes Motto, sondern ein weit gefasster Denk- und Klangraum. „Die Nacht ist von allen Tageszeiten die variantenreichste“, sagt der 68 Jahre alte Alsmann, und genau so entfaltet sich auch dieser Abend: wild und zahm, betrunken und nüchtern, melancholisch und komisch, mit einem Abend davor und einem Morgen danach. Alsmann erzählt viel, fast so gern, wie er singt. Seine Anekdoten sind kein Beiwerk, sondern Teil des Programms. Sie führen zurück in Alsmanns Kinderzimmer in der winzigen Zweizimmerwohnung in Münster, wo er bei geöffnetem Fenster die Nächte wach lag und lauschte. Er hörte, wie Jugendliche über Liebe, das Leben und die Welt diskutierten und ihre ersten Zärtlichkeiten austauschten. Er hörte heimlich Radio, das er unter seinem Kopfkissen versteckte – jeden Donnerstagabend, beste Sendezeit, „Scotch and Candlelight“ im WDR. Die Geschichten sind präzise, liebevoll ausgeschmückt und stets auf die Musik hin komponiert. Vergessene B-Seiten und Archivfunde Diese bewegt sich, ganz Alsmann, genau dort, wo sich Jazz und Schlager „vertrauensvoll die Hände zum Tanze reichen“. Das Programm versammelt Preziosen der Schlagergeschichte von etwa 1910 bis 1965: Vergessene B-Seiten, übersehene Filmnummern, melancholische Nachkriegslieder. Alsmann gräbt tief. Etwa im WDR-Archiv, wo er ein jahrzehntelang nie gesendetes „Nachtlied“ – komponiert von Friedrich Meyer für seine Frau, die Schauspielerin Margot Hielscher – aus einer Aluminiumdose rettet und ihm nach 62 Jahren erstmals Öffentlichkeit verschafft. Dass solche Stücke heute wieder leuchten, ist sein großer Verdienst. Er greift deutsche Versionen internationaler Erfolge auf, wie Knut Kiesewetters Version von „Yesterday“ der Beatles aus dem Jahr 1965. „Als ich erstmal die Fassung der Beatles hörte, war ich empört darüber, wie man so eine schöne Nummer derartig verhunzen konnte“, erzählt Alsmann mit einem Augenzwinkern. Er geht auch an die kuriosen Randzonen der Filmgeschichte, die er mit sichtbarer Freude erkundet. Der Sänger und Pianist präsentiert sich dabei als kundiger Archivar des scheinbar Zweitrangigen – und macht gerade daraus große Unterhaltung. So erzählt er etwa von seiner Schwäche für alte Spionagefilme aus deutsch-italienisch-argentinischer Koproduktion mit Horst Frank in der Hauptrolle. Besonders angetan hat es ihm der Film „Der Fluch des Taishōgoto“. „Was ist das? Ein traditionsreiches japanisches Volksmusikinstrument. Das sieht aus wie eine Mischung aus Zigarrenkiste und Schreibmaschine“, sagt er, hält eins hoch und beginnt es zu spielen. Das Publikum geht diesen Weg bereitwillig mit. Es lacht, hört aufmerksam zu, lässt sich tragen von der Mischung aus Bildung, Ironie und Herzenswärme. Musikalisch trägt die Götz Alsmann Band den Abend mit Eleganz und Spielfreude: Vibraphon, Kontrabass, Schlagzeug und Percussion fügen sich zu einem warmen, beweglichen Klang. Am Ende dieser nächtlichen Wanderung bleibt die Einsicht, dass Schlagerweisheiten und Sprichwörter oft langlebiger sind, als man denkt. Bei Nacht sind nicht nur alle Katzen grau – der Mensch ist auch ungern allein. Dass Götz Alsmann diese Wahrheit mit solcher Leichtigkeit und musikalischer Klasse vermittelt, macht diesen Abend so kurzweilig wie nachhaltig.