FAZ 25.01.2026
12:54 Uhr

Goethe in Italien: Auf dem Zitronenweg


Staatsminister Weimer hat Großes vor. In Italien soll ein „Pilgerweg auf den Spuren Goethes“ entstehen und in Straßburg der Weg für italienisches Engagement beim Fernsehsender Arte geebnet werden.

Goethe in Italien: Auf dem Zitronenweg

So viel Goethe war noch nie bei deutsch-italienischen Regierungskonsultationen. Kanzler Merz erinnerte in Rom daran, dass sich 2026 die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg zum fünfundsiebzigsten Mal jährt, aber auch der Aufbruch Goethes zu seiner Italienischer Reise zum zweihundertvierzigsten Mal. Italiens Kulturminister Giuli sprach von Wahlverwandtschaften und meinte damit das gute Verhältnis der beiden Regierungen zueinander. Manche Italiener jubeln schon, dass das Zusammenspiel von Rom und Berlin in Europa an die Stelle der besonderen Verbindung zwischen Paris und Berlin getreten sei. Als kulturelle Leitfigur der neuen Ära hat Kulturstaatsminister Weimer eben Goethe auserkoren. Dessen Reise zwischen 1786 und 1788 schüre bis heute die deutsche Italiensehnsucht, sagte Weimer in Rom in der Casa di Goethe, dem historischen Haus, in dem der Dichter in einer Künstler-WG wohnte. Giro di Goethe Geplant sei ein „Jakobsweg der Kultur“ entlang der Reiseroute des Dichters, ein „Pilgerweg auf den Spuren Goethes“, mit Stationen, die Orte des kulturellen Austausches sein sollen. Dort soll man nach dem Vorbild des Jakobswegs Stempel sammeln, gekrönt von einer Urkunde am Ziel in Rom. Meloni habe sich begeistert gezeigt: „Wir haben einen Giro d’Italia, jetzt werden wir auch einen Giro di Goethe haben“, zitierte Weimer Italiens Ministerpräsidentin. Keine Frage, eine solche Kulturroute ist eine bestechende Idee. Man sieht die Kulturreisenden förmlich vor sich, die, angetan wie damals Goethe, mit Schlapphut, Tagebuch und Zeichenstift auf den Spuren des Dichtergenies durch Verona und Neapel streifen. Das Projekt ist umso attraktiver für Italien, da vor allem die Bundesrepublik finanziell dafür aufkommt. Als Partner für die Ausgestaltung der Stationen hat der Kulturstaatsminister unter anderem die Goetheinstitute im Sinn. Von den fünf, die es einmal in Italien gab, wurden allerdings drei aus Spargründen in den vergangenen Jahren geschlossen, was vielen sauer aufgestoßen ist. Ein Signet für die neue Kulturroute, das wie die berühmte Jakobsmuschel unterwegs den Weg weisen wird, gibt es noch nicht. Wie wäre es mit einer Zitrone, auch wegen der bittersüßen Ironie, dass es in dem Land, in dem die Zitronen blühen, nun doch wieder mit Goethe aufwärts gehen soll? Er sei ein leidenschaftlicher Wanderer gewesen, heißt es. Das Anlegen neuer Pfade plant der Kulturstaatsminister zwar nicht. Er zeigte sich aber in Rom entschlossen, dem bel paese in Straßburg neue Wege ebnen zu wollen. Italiens Fernsehen solle beim Kulturkanal Arte mehr Raum für Engagement bekommen. Kritische Stimmen nennen die öffentlich-rechtliche Rai wegen Melonis massiver Einflussnahme nur noch „Meloni-TV“, und viele italienische Zuschauer und gute Moderatoren haben ihr deshalb längst den Rücken gekehrt. Vielleicht ziehen ja auch sie sich bald einen Hut auf und machen sich im eigenen Land auf die Suche nach Arkadien. Immer der Zitrone hinterher.