FAZ 05.03.2026
16:17 Uhr

Giulia Andreanis Kunst: Was können uns diese Bilder sagen?


Ein Junge, aus dem Putin wird: Giulia Andreani nimmt in ihrer Malerei nach Fotos Erinnerungskultur und Machtpolitik auseinander. Bei den politischen Kontakten der Sponsoren schaut man in einer Berliner Ausstellung dafür nicht so genau hin.

Giulia Andreanis Kunst: Was können uns diese Bilder sagen?

Kinder sind immer nett. Oder? Die beiden Jungs hier sehen nicht unsympathisch aus, der eine ein bisschen ernster, der andere vielleicht ein bisschen arrogant. Nur die Katzen scheinen zu ahnen, dass sich dort etwas zusammenbraut. Auflösung: Aus dem Jungen oben links wird Putin, aus dem unten rechts Trump. Was auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen passiert ist und wie man Kindheit erinnert, fragt die Malerin Giulia Andreani, der der „Hamburger Bahnhof  - Museum für Gegenwart“ in Berlin, der in diesem Jahr seinen dreißigjährigen Geburtstag feiert, eine große Schau widmet. Gezeigt werden 32 Bilder, die aus der Entfernung an abgemalte Schwarz-Weiß-Fotografien erinnern. Erst wenn man sich ihnen nähert, merkt man, dass sich seltsame Störungen in die Gemälde eingeschlichen haben. Georgia O’Keeffe trifft auf Sigmar Polke Die Fotos, die Andreani als Vorlage dienen, stammen zum Teil aus Fotoalben; es sind Bilder, mit denen individuelle und kollektive Geschichte konstruiert und entschieden wird, was man wie erinnert – und was man vergisst. Dazu gehören etwa Forscherinnen und die unscharfen Gesichter anonymer Arbeiterinnen und Näherinnen auf Fabrikfotos; Andreani vergrößert sie ins Format von Historienbildern und gibt ihnen so Sichtbarkeit. Manchmal gibt es surreale Verschiebungen, in einem Bild kommt es zur Begegnung von Georgia O’Keeffe mit Sigmar Polke, der an halluzinogenen Pilzen riecht. Die scheinen hier die Realitätsebenen durcheinanderzubringen. Die Fragen, die Andreani zur Rolle von Bildern für die Erzählung von Geschichte stellt, sind wichtig und spannend. Kann das Medium Malerei, so wie Andreani es einsetzt, etwas zu diesem Thema beitragen? Darüber kann man streiten. Manchmal ja, manchmal eher nicht. Mal bleibt es bei Gags (die Frau in einem Gemälde, die an einer Art Hut arbeitet, schreibt, wie man bei näherem Hinsehen erkennt, „Fuck you“ darauf), mal aber verändern zwei Punkte eine ganze Erzählung. Ein Aquarell zeigt eine tropische Landschaft im Dunst, ein Flugzeug brummt durch den Himmel. Es wäre eine friedliche, idyllische Szene, wenn das Flugzeug nicht zwei kleine Punkte abwerfen und das Bild nicht „Indochina“ heißen würde. Zum dreißigsten Geburtstag der Institution stellen sich ein paar Fragen. Warum gerade jetzt Andreani, warum läuft ihre Ausstellung über ein halbes Jahr? Warum sieht man keine große, thetische Ausstellung zu der neuen Berliner Szene von jungen Künstlerinnen, die an den Schnittstellen von Performance, Literatur und Musik neue Kunstformen schaffen? 1996 wurde das Museum für Gegenwart im ehemaligen Hamburger Bahnhof eingerichtet, um die Sammlung Marx mit ihren bedeutenden Twomblys, Warhols und Beuys-Arbeiten in Berlin zu halten. Wie sich später herausstellte, gab es mit Marx sehr lange keinen Leihvertrag; der Sammler hätte seine Werke aber jederzeit, mit dem wertsteigernden Goldstandard eines großen staatlichen Museums versehen, abziehen können. Das wurde erst spät und nie ganz geändert, auch jetzt nicht, wo die Marx-Werke bald in das für eine halbe Milliarde Euro Steuergelder errichtete Museum des 20. Jahrhunderts einziehen sollen. Die Marx-Erben haben trotzdem knallhart ein paar der wichtigsten Werke, für die das neue Museum errichtet wird, über den Kunsthändler Larry Gagosian verkauft. Auch sonst wunderte man sich in der Vergangenheit manchmal über den Hamburger Bahnhof. Warum fand man dort plötzlich Gefallen an den heute kaum noch verkäuflichen Arbeiten von Bunny Rogers? Antwort: Ein Kreis von „Unterstützern“ hatte versucht, sich als solventes Sonderkommando für An­käufe jenseits der Freunde der Na­tionalgalerie zu etablieren; einer von ­ihnen war selbst Rogers-Sammler und hoffte auf Wertsteigerung seiner Sammlung. So wurde der Hamburger Bahnhof zum Durchlauferhitzer und Spielball privater Interessen. Und jetzt? Die ­Andreani-Ausstellung, teilt ein Schriftzug mit, „wurde ermöglicht durch die Hamburger Bahnhof International Companions“, einen neuen Zusammenschluss prominenter Sammler und Unternehmer, die unter anderem aus Deutschland, den Emiraten und Bangladesh kommen; besonders hervorgehoben wird vom Hamburger Bahnhof die Unterstützung durch den ungarischen Medienunternehmer István Száraz. Er stand zuletzt in der Kritik nach der Abgabe des Portal Origo an die staatsnahe Medienstiftung KESMA, was Origos journalistische Unabhängigkeit stark einschränkte und Kritikern zufolge am Ende Orbans Deutungsmacht in den Medien stabilisiert. Das wäre natürlich auch ein gutes Thema für ein Werk von Andreani, die in ihren Arbeiten so kritisch die Strukturen von Macht auseinandernimmt und so gern fragt, was man sehen und was man eher übersehen will. Andreani hat sich einen schönen Titel für ihre Ausstellung ausgesucht. Sie heißt „Sabotage“. Giulia Andreani: „Sabotage“. Hamburger Bahnhof, Berlin, bis 13. September. Der Katalog kostet 12 Euro.