Timo Forster steht jedes Wochenende auf dem Platz. Entweder pfeift der Achtzehnjährige selbst oder ist als Assistent dabei. „Es ist ein wirklich schönes Hobby“, sagt der angehende Abiturient. Wenn er es schon nicht selbst zum Profi schaffen kann, wie er recht früh erkannte, will der Frankfurter Schüler zumindest als Schiedsrichter in die Bundesliga aufsteigen. Das ist sein Traum, deshalb hat er mit 14 den Weg als Unparteiischer eingeschlagen. Am 17. März 2024 ist dem damals Sechzehnjährigen etwas widerfahren, was ihn fast dazu bewegt hätte, nie wieder eine Pfeife in den Mund zu nehmen. Forster war Schiedsrichter der Partie Türk Hattersheim gegen TuS Hornau II in der Kreisoberliga. Die achthöchste Spielklasse. „Es war eigentlich kein besonderes Spiel“, sagt Forster. Er habe jedoch früh gemerkt, dass Hattersheim nicht zufrieden mit dem Verlauf war. Ständig habe einer der Spieler seine Mannschaftskollegen beschimpft. „Immer auf Türkisch, sodass ich nichts verstanden habe.“ Ins Tor gedrängt und einen Kinnhaken verpasst bekommen In der 88. Spielminute führt Hattersheim 3:2, als der Torhüter der Heimmannschaft den Ball aus den Händen auf den Boden fallen lässt und wieder aufnimmt. Forster entscheidet auf Freistoß für Hornau. Er erinnert sich, wie sich eine Traube von wütenden Hattersheimern um ihn scharte. In der Zwischenzeit hat Hornau den Freistoß ausgeführt und getroffen. „Dann sind alle durchgedreht.“ Er sei an den Haaren von hinten gezogen worden. „Da wusste ich schon nicht mehr, wo oben und unten ist.“ Er sei ins Tor gedrängt worden, wie ein Schaf umzingelt von Wölfen. Dort bekam er von jenem Spieler, der seine Mannschaft vorher schon so massiv beschimpft hatte, einen Kinnhaken. Ein anderer schlug ihn in den Brustbereich. Forster sagt: „Ich hatte Todesangst.“ Aus den Augenwinkeln nahm er einen Spieler aus Hornau am Pfosten wahr und schlüpfte irgendwie an ihm vorbei. Wer die hinterherrennende Meute aufgehalten habe, könne er bis heute nicht sagen. Auch sein Vater hat das Spiel verfolgt. Er wollte zu seinem Sohn, wurde jedoch zunächst von Ordnern aufgehalten. Schließlich fanden sich die beiden und zogen sich in die Schiedsrichterkabine zurück. Schlossen sich dort ein. Spieler hämmerten gegen die Tür, riefen Beleidigungen. Forster selbst rief schließlich die Polizei. Er sagt, er sei dabei in Tränen ausgebrochen. „Die Frau am Telefon hat gesagt: ,Ach, nicht schon wieder‘“. Es wurden Zeugenaussagen aufgenommen, und Forster sei dann, ohne sich umzuziehen, ins Krankenhaus gefahren. Dort haben Ärzte die Verletzungen dokumentiert. „Erst im Urlaub konnte ich abschalten“ „Beleidigt werde ich in jedem Spiel“, sagt Forster, der nun, nach eineinhalb Jahren, über das Geschehen sprechen könne, ohne dass die Emotionen hochkommen. „Aber körperlich war noch nie etwas.“ Das Schlimmste, was er mitbekommen habe, war ein Vorfall vor zwei Jahren in einem Kreispokalspiel in Frankfurt in der C-Jugend zwischen dem FC Kalbach und Germania Enkheim. Ein Vater war wütend auf den Platz gestürmt und drohte einem gerade einmal 15 Jahre alten Schiedsrichter, ihn zu köpfen. Ein Video dazu ging viral. „Ich war als Assistent dabei“, sagt Forster. Wenn sein Vorfall mit Türk Hattersheim und dem TuS Hornau gefilmt worden wäre, hätte es mindestens genauso hohe Wellen geschlagen, glaubt er. In der ersten Nacht nach den Schlägen hat er nicht schlafen können, wie er sagt. Trotzdem ging er tags darauf in die Schule, erzählte aber nur seinen engsten Freunden, was geschehen war. Nach einer Woche begannen die Osterferien. In der ersten Woche war er allein zu Hause, wie er sagt, während seine Eltern schon in den Urlaub nach Spanien geflogen sind. Das sei so geplant gewesen, weil er mit seiner Freundin in der zweiten Woche habe nachkommen wollen. Es waren einsame Stunden, und natürlich habe er sich Gedanken gemacht: Was ist, wenn seine Angreifer seine Adresse herausfinden und ihm auflauern? „Auch wenn ich nicht geglaubt habe, dass sie kommen, habe ich Angst gehabt. Erst als ich in Spanien war, konnte ich abschalten.“ In der ersten Ferienwoche habe er jedoch noch einen Anruf von einem Vorstandsmitglied aus Hattersheim bekommen. Der habe sich zunächst empathisch gegeben. Doch nur wenige Tage später habe Forster eine Mail des Hessischen Fußball-Verbands bekommen, der ihn damit konfrontierte, dass er angeblich im Telefonat mit dem Vorstandsmitglied andere Angaben gemacht habe als in seiner Stellungnahme nach dem Vorfall. So habe es zumindest der Mann geschildert. Dem hat Forster widersprochen. „Wieso dürfen die überhaupt wieder spielen?“ Nach dem Urlaub hat er sich auf Anraten seiner Mutter psychologische Hilfe genommen. Rund zwei Monate nach dem Spiel kam es zur sportgerichtlichen Verhandlung in Grünberg. „Beide zu sehen war noch mal hart“, sagt Forster. Er habe seinen Angreifern nur einmal ins Gesicht geschaut, als er vom Richter aufgefordert worden sei, auf sie zu zeigen. Im Nachhinein habe er gehört, dass sich die Angeklagten in Widersprüche verstrickt hätten. Forster trat als letzter Zeuge auf. Der Verein wurde zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt sowie einem Spielverbot für die restliche Saison – die zu dem Zeitpunkt schon fast beendet war. Die Spieler haben ein Spielverbot von einem Jahr erhalten. Beide sind wieder aktiv. Das kann Timo Forster nicht verstehen. „Wieso dürfen die überhaupt wieder spielen? Was muss noch passieren?“, fragt er sich. Die höchste Sperre, die der HFV aktuell für bestimmte Vergehen aussprechen kann, ist für die Dauer von fünf Jahren, teilt der Verband auf Anfrage mit. Darüber hinaus gebe es die Möglichkeit, mit Auflagen zu arbeiten. Eine Auflage sei zum Beispiel die Teilnahme an einem Konflikttraining, die der verurteilte Spieler oder die Mannschaft kostenfrei in Anspruch nehmen könnte. So würde sich nach erfolgreicher Teilnahme die Strafe reduzieren lassen. Der Haupttäter ist nicht vor Gericht erschienen Für Timo Forster war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, ob er als Schiedsrichter weitermachen will. In seinem Umfeld hätten ihn alle bestärkt. „Alle haben gesagt: Sonst haben die gewonnen.“ Wenige Wochen später bekam er den Anruf, dass er als Schiedsrichter von der Kreisoberliga in die Gruppenliga aufsteigen werde. Das habe ihn dazu motiviert weiterzumachen. Sein erstes Spiel nach einer zweimonatigen Pause war dann ein C-Jugend-Spiel zwischen Königstein und Eintracht Frankfurt. Da Eintracht-Trainer Dino Toppmöller mit dabei war, lag der Fokus nicht auf ihm. Das Spiel war einfach zu leiten. Auch nach dem Vorfall fiel nichts Gravierendes mehr an. Doch im Mai dieses Jahres, zehn Tage nach seinem 18. Geburtstag, lag ein Brief vom Amtsgericht Höchst in Forsters Briefkasten. „Ich hatte eigentlich schon damit abgeschlossen“, sagt er. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hatte jedoch gegen seine beiden Angreifer wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung Anklage erhoben. Der Hauptangeklagte, der später zu einer Geldstrafe in Höhe von 13.700 Euro verurteilt wurde, war erst gar nicht zur Hauptverhandlung erschienen. Der andere, der zu einer Zahlung von 750 Euro verurteilt wurde, habe vor Gericht gesagt: „Es tut mir leid, dass es dir passiert ist, aber ich war es nicht.“ Bis heute habe er von keinem der Beteiligten eine richtige Entschuldigung gehört. Vor einigen Monaten war er auf einem Lehrgang der DFB-Stiftung auf dem Campus des Verbands. Dort waren Schiedsrichter aus ganz Deutschland, denen Ähnliches widerfahren ist und die wie Forster allesamt weitermachen. „Gerade im Amateurbereich machen wir das alles aus Liebe zum Fußball“, sagt er. Es sei nur ein ganz kleiner Teil, der gewalttätig werde. Fragt man die Polizei nach einer Aufschlüsselung der Zahlen, so lautet die Antwort, dass „grundsätzlich keine neue Dimension der Gewalt im Amateurfußball festzustellen ist“. Im Jahr 2025 seien bislang in ganz Hessen 44 Fälle bekannt geworden. In der Saison 2022/2023 seien es 45 Fälle gewesen. In der Saison 2023/2024 54. Das seien die Fälle, in denen die Polizei hinzugezogen werde. „Davon abweichend werden alle tatsächlichen Vorfälle in der Regel im Spielbericht der Schiedsrichter vermerkt“, heißt es weiter bei der Polizei. In der Saison 2023/2024 habe es in Hessen 63 Spielabbrüche gegeben, teilt der Hessische Fußballverband mit. Das sei ein Rückgang von 25 Prozent und mache 0,05 Prozent aller Spiele aus, die je Saison absolviert werden. Emotionen gehörten im Fußball dazu, findet Forster. Er selbst sei als Spieler nicht einfach gewesen, aber die meisten Spiele liefen ohne Probleme ab. Was der Frankfurter gar nicht will, ist, fremdenfeindliche Narrative zu bedienen. Nachdem er öffentlich über den Angriff gesprochen habe, habe er mehrere rassistische Kommentare gelesen oder Sätze wie: „Der weiß jetzt, was er wählen wird.“ Da kann Forster nur mit dem Kopf schütteln: „Leute, was ist los mit euch?“, fragt er sich. Nach seinem Abitur will er International Sports Management studieren und weiter jedes Wochenende auf dem Fußballplatz stehen. Und vielleicht läuft er irgendwann in der Bundesliga als Schiedsrichter auf den Platz.
