Die Frauen, die sich an den Frauennotruf Frankfurt wenden, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und sind in jedem Alter. Gleiches gilt für die Täter. „Keinem Mann sieht man an, dass er ein Gewalttäter ist“, sagt Beraterin Julia Jawtusch. „So wie man auch keiner Frau ansieht, dass sie von Gewalt betroffen ist.“ Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen am 25. November lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Thema, das beim Frauennotruf Alltag ist und dennoch oft unsichtbar bleibt. Nach wie vor sei es ein großes Tabu, über das Erlebte zu sprechen, sagt Jawtusch. Nicht selten stießen Frauen, die sich anderen anvertrauten, auf Unverständnis, berichtet die Beraterin. Außenstehende fragten etwa, warum sich die Betroffene nicht gewehrt oder nicht früher Hilfe gesucht habe; als hätte sie sich falsch verhalten. „Psychischer Überlebensmechanismus“ „In Gewaltsituationen kommt häufig ein psychischer Überlebensmechanismus ins Spiel“, sagt Jawtusch. „Bei vielen Betroffenen bedeutet das ein Erstarren.“ Man werde handlungsunfähig und sei überfordert mit der Situation. Oft verstehe man erst überhaupt nicht, was gerade passiert sei, oder tue es als Kleinigkeit ab. Häufig werde ein Übergriff vom Opfer selbst zunächst verharmlost oder als Missverständnis abgetan. Unabhängig davon, wie geringfügig ein Vorfall erscheine, könnten sich Betroffene jederzeit an die Beratungsstelle wenden. Auch Außenstehende, die Gewalt beobachteten oder den Verdacht hätten, in einer Beziehung könne es zu Übergriffen kommen, sollten reagieren. Jawtusch rät, behutsam auf die betroffene Person zuzugehen, nach ihrem Befinden zu fragen, ob sie Gewalt erlebe und welche Unterstützung sie sich wünsche. Entscheidend sei dabei, die Selbstbestimmung der Frau zu achten. „Man muss auch die Grenzen der Frau wahren“, sagt Jawtusch. Forderungen wie eine sofortige Anzeige oder die umgehende Trennung seien häufig nicht hilfreich; sie bedeuteten für die Betroffene vielmehr eine weitere Grenzüberschreitung. „In unserer Beratungsstelle ist uns wichtig, den Frauen zu verstehen zu geben, dass sie autonom handeln können“, sagt Jawtusch. Die Beratung erfolge vertraulich, auf Wunsch anonym und unabhängig davon, ob eine Anzeige erstattet oder eine Trennung erwogen werde. Die Einrichtung stelle Informationen, Handlungsmöglichkeiten und Kontakte bereit – welche Schritte eine Frau gehe, entscheide sie jedoch selbst. „Täter agieren subtil und perfide“ Zugleich dürfe man Grenzüberschreitungen nicht tatenlos hinnehmen. Täter agierten sehr subtil und perfide, sagt Jawtusch. Sie handelten nicht im Affekt, sondern setzten gezielte, vorbereitete Übergriffe, bei denen sie ausloteten, wie weit sie gehen könnten. Das Schweigen des Umfelds bedeute dabei: Die Übergriffe würden toleriert. Gegen Gewalt müsse daher eine eindeutige Haltung bezogen werden. Dem Täter sei klar zu signalisieren: „Das geht so nicht.“ In 96 Prozent der Fälle, um die sich Jawtusch und ihr Team kümmern, stammten die Täter aus dem unmittelbaren Umfeld der Betroffenen – sei es der eigene langfristige Partner, ein kurzzeitiger Dating-Partner, ein Verwandter, ein Vorgesetzter, ein Arbeitskollege oder medizinisches Personal. Neben sexueller und körperlicher Gewalt gebe es dabei auch noch weitere Formen, die nicht immer leicht zu erkennen seien. Jawtusch sieht einen klaren Trend zu Gewalt im Digitalen. Die Beratung Betroffener bilde einen Schwerpunkt der Arbeit im Frauennotruf. Unter digitaler Gewalt versteht die Beraterin zum Beispiel das beharrliche Nachstellen über Anrufe und Nachrichten, den Diebstahl persönlicher Daten, das Erstellen gefälschter Profile oder das Filmen von Gewalthandlungen. Auch ursprünglich einvernehmlich aufgenommene intime Fotos und Videos würden als Erpressungsmaterial gegenüber den Betroffenen verwendet. Jawtusch rät, in solchen Fällen möglichst schnell professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Polizei und spezialisierte Stellen, die mit der Löschung von Daten vertraut seien, könnten entscheidende Unterstützung leisten. Wichtig sei, man solle sich nicht schämen, so Jawtusch. Gewalt treffe Frauen in allen Lebenssituationen und in jedem Alter. Wie sich Übergriffe erkennen lassen? „Wichtig ist es, auf das eigene Bauchgefühl zu achten.“ Hilfe zu suchen, sei nie zu früh; man könne sich bereits beraten lassen, sobald etwas passiere, das einem nicht richtig erscheine. Der Frauennotruf ist telefonisch unter 069 70 94 94 montags bis freitags von 9 bis 14 Uhr erreichbar, oder per Mail: beratung@frauennotruf-frankfurt.de
