FAZ 21.02.2026
11:28 Uhr

Gewalt an Schulen: Wenn Zweitklässler ausrasten


Die Gewalt an Schulen nimmt zu, sogar an Grundschulen greifen Kinder ihre Lehrer an. Wegen Viertklässlern kommt es zu Polizeieinsätzen. Was steckt hinter der wachsenden Aggressivität?

Gewalt an Schulen: Wenn Zweitklässler ausrasten

Die Pausenklingel hatte gerade den Beginn der neuen Schulstunde eingeläutet. Mira Kunze sammelte auf dem Hof noch schnell ein paar Bälle ein; die Pädagogin war an diesem Tag für die Aufsicht eingeteilt. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie zwei Kinder auf dem Boden miteinander rauften. Sie eilte hin und wollte die beiden trennen, weil einer der Jungen dabei war, auf den anderen einzuschlagen. Sie versuchte, die Situation zu beruhigen. Aber der Junge wurde immer wütender. Er nahm Anlauf und warf sich mit seinem Körper gegen eine Glastür. Immer wieder. Kunze rief, er solle aufhören, und hielt ihn fest. Da spürte sie einen ersten Schlag auf den Oberarm, gefolgt von vielen weiteren. Als sie die Hände des Schülers griff und festhielt, fing der Schüler an, ihr gegen Schienbein und Knie zu treten und laut zu schreien. Erst als ein Kollege ihr zu Hilfe eilte, ließ der Junge von ihr ab. Im ersten Moment war Kunze vor allem eines: geschockt. Ein Zweitklässler hatte sie körperlich angegriffen. Der Schmerz kam erst später. Ihre Arme und Beine waren voller Hämatome. Gefühlt ist jeder neue Jahrgang aggressiver als der zuvor Vorfälle von Gewalt an Schulen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Aktuelle Zahlen der Polizeilichen Kri­minalstatistik zeigen: Zwischen 2022 und 2024 hat sich die Zahl der Gewaltvorfälle an Schulen um 37 Prozent erhöht. In manchen Bundesländern wie Bremen, Thüringen oder Sachsen ist sie sogar um mehr als 60 Prozent gestiegen. „Ich bin kein Einzelfall“, sagt Mira Kunze. „Gefühlt sind die Kinder mit jedem neuen Jahrgang, der zu uns an die Schule kommt, aggressiver geworden und haben keine Scheu davor, diese Aggressivität auch auszuleben.“ Ihre Vermutung ist, dass das vor allem am Medienkonsum der Kinder liegt. Vor allem montags kämen viele Kinder mit einem großen Gewaltpotential in die Klasse, weil sie das ganze Wochenende vor dem Fernseher oder am Smartphone gesessen hätten. In den vergangenen Jahren wurde in Deutschland viel über Gewalt gegen Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes diskutiert. Meist ging es dabei aber um Feuerwehrleute oder Rettungskräfte. In der vergangenen Woche endete ein Angriff auf einen Bahnmitarbeiter tödlich. Vom Schulpersonal war hingegen bisher seltener die Rede. Und das, obwohl Gewalt – ob psychisch, physisch oder in Form von Cybermobbing – an jeder Schule heute ein Thema ist. Das zumindest sagt Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Dabei gehe es nicht nur um Vorfälle zwischen Gleichaltrigen, sondern eben auch um Übergriffe auf Lehrkräfte. Im Auftrag des VBE befragt das Sozialforschungsinstitut Forsa Schulleitungen regelmäßig zu Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer. 2024 berichteten 65 Prozent von Beleidigungen, Bedrohungen oder Belästigungen in den letzten fünf Jahren. An einem Drittel der Schulen kam es zudem zu körperlichen Angriffen. Neben Förderschulen sind vor allem Grundschulen betroffen: Hier haben 41 Prozent der befragten Schulleiter Gewalt gegen Lehrpersonal erlebt. Bildungsungerechtigkeit trägt zu Gewalt bei Menno Baumann ist Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf. Man müsse mit Zahlen zu Gewaltvorfällen an Schulen vorsichtig sein, warnt er – insbesondere wenn es um Gewalt zwischen Schülerinnen und Schülern gehe. Zum einen nähmen Lehrkräfte gewalttätiges Verhalten ernster als früher und meldeten Vor­fälle häufiger. Zum anderen sei die Eingriffsschwelle gesunken: Lehrer mischten sich zu einem früheren Zeitpunkt in Schülerkonflikte ein. Die Gewalt gegen Lehrkräfte habe aber tatsächlich zugenommen, so der Sonderpädagoge, der viele Jahre lang ein Team aus Schulsozialarbeitern leitete und Momente der Eskalation aus eigener Erfahrung kennt. Er sieht dafür mehrere Gründe: Zum einen sei auch die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in letzter Zeit wieder gestiegen. „Und den Preis zahlen wir immer zeitverzögert auf der anderen Seite“, erklärt er. Die selbst von Gewalt betroffenen Kinder hätten ein höheres Risiko, bei emotionaler Überforderung mit Gewalt zu reagieren. Auch die Bildungsungerechtigkeit, die seit der Pandemie zugenommen hat, trage zu einem potentiell aggressiveren Verhalten bei. „Es ist ein Unterschied, ob im Lockdown jedes Kind sein eigenes Zimmer und seinen eigenen Laptop hatte oder ob ich mir mit vier Geschwistern Mamas Handy teilen musste“, so Baumann. Wenn Kinder und Jugendliche schon früh das Gefühl hätten, den schu­lischen Anforderungen nicht zu genügen, und ihre Bildungsperspektive als chancenlos einschätzten, könne sich das in einem erhöhten Gewaltpotential äußern. Die Krise des Bildungssystems wirke sich unmittelbar auf das Erleben von Stress und damit indirekt auch auf das Gewaltpotential der Kinder und Jugendlichen aus. In der VBE-Umfrage gibt aber nur ein Drittel der Schulen an, ausreichend mit Schulsozialarbeit und schulpsychologischen Angeboten versorgt zu sein. Ein dritter Faktor sei, sagt Baumann, dass sich unsere Erziehung verändert habe: vom autoritären Erziehungsstil hin zu ei­nem verhandlungsorientierten Modell. „Dass wir Kindern heute mehr auf Augenhöhe begegnen, ist für die allermeisten Kinder goldrichtig. Ich will da auf keinen Fall zurück. Aber wenn wir Kindern auf Augenhöhe begegnen, bedeutet das auch, dass sie im Konfliktfall nicht zurückstehen.“ „Ich habe mich wie in einer verkehrten Welt gefühlt“ Mira Kunze, die hier nicht mit richtigem Namen genannt werden will, arbeitet an ihrer Grundschule als pädagogische Zusatzkraft. Sie unterstützt Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht und stärkt Schülerinnen und Schüler in ihren sozialen Kompetenzen, etwa in Unterrichtseinheiten zu sozialem Lernen. Aber während der Gewaltsituation hätte sie selbst Unterstützung gebraucht. Als ihr Kollege nach der Pause fragte, was passiert sei, beschrieb Kunze ihm den Vorfall. Er entgegnete, der Schüler habe ihm schon eine ganz andere Geschichte erzählt: Frau Kunze habe ihn geschlagen. „Ich war so überfordert mit dieser Situation“, erzählt die Pädagogin. „Mir kamen die Tränen, und ich habe immer wieder gesagt, dass ich nichts gemacht habe. Aber das Schlimmste war: Es konnte ja kein Erwachsener bezeugen.“ Sie wusste zudem, dass die Eltern des Schülers in der Vergangenheit oft fordernd und konfrontativ aufgetreten waren. „Ich habe mich wie in einer verkehrten Welt gefühlt“, sagt sie. „Es kann doch nicht sein, dass ich als Opfer mich auch noch rechtfertigen muss.“ Immerhin habe sie Unterstützung seitens der Schulleitung erfahren. Auch weil ihre Verletzungen deutlich sichtbar waren. Es ist also ein schmaler Grat, auf dem sich Lehrkräfte bewegen. Unzweifelhaft gehört es zu ihrem pädagogischen Auftrag, Schülerinnen und Schüler vor Gewalt zu schützen. Aber um Gewalt zu unterbinden, müssen sie mitunter ihrerseits körperlich eingreifen. Auf die Gefahr hin, selbst Schaden zu nehmen. Mira Kunze hat sich nach dem Vorfall manchmal gefragt, was passiert wäre, wenn sie den wütenden Jungen nicht von seinem Mitschüler getrennt hätte. Ob sie sich die Schmerzen und die subtilen Zweifel an ihrer pädagogischen Kompetenz dann erspart hätte. Es sei ihr „superpeinlich“ gewesen, mit den Verletzungen zu ihrer Hausärztin zu gehen, erzählt sie. Dass ein achtjähriges Kind ihr die blauen Flecken zugefügt hatte, empfand sie als erniedrigend. „Man denkt ja: Wie blöd bist denn du, dass du dich da nicht wehren konntest? Aber auf der Arbeit stehen wir gefühlt immer mit einem Fuß im Gefängnis“, sagt sie, und ihre Stimme klingt dabei müde. Ihre Ärztin schrieb sie eine Woche krank. Die körperlichen Blessuren heilten schnell, der Schock aber sitzt noch tief. Kinder drohen mit dem Rechtsweg in Konfliktsituationen Konfliktsituationen, wie Kunze sie erlebt hat, kennt auch Katja Lieb. Sie ist Grundschullehrerin in einem Viertel, das man als gutbürgerlich bezeichnen kann, und hat selbst schon Erfahrung mit tretenden und spuckenden Kindern gemacht. Sie finde es schade, sagt sie, dass zwischen Eltern und Lehrern eine Art „Misstrauenskultur“ entstanden sei. Für alles Mögliche müsse sie sich heute rechtfertigen. Neulich habe sie einen Viertklässler vom Sportunterricht ausgeschlossen, weil er wiederholt Regeln gebrochen und sich nicht an Absprachen gehalten hatte. Da habe er zu ihr gesagt: „Ich erzähle zu Hause, dass du mich geschlagen hast, und dann kommst du ins Gefängnis!“ Sie nimmt wahr, dass in den letzten Jahren immer mehr Eltern mit dem Rechtsweg drohen, wenn sie das Gefühl haben, ihr Kind werde in der Schule benachteiligt. Für Lieb bedeutet die neue Unsicherheit vor allem eines: bürokratischen Mehraufwand. Viel häufiger als früher muss sie Berichte und Protokolle schreiben und Gespräche mit der Schulleitung führen. Zum Glück stärke diese den Lehrkräften den Rücken, erzählt sie. Und auch innerhalb des Kollegiums verhalte man sich solidarisch: „Ansonsten würde ich den Job schon längst nicht mehr machen. Denn die Eltern werden immer fordernder und geben gleichzeitig immer mehr Verantwortung an uns Lehrkräfte ab.“ Der Unsicherheit, wie man sich ge­genüber aggressiven Kindern verhalten darf, begegnet Menno Baumann regelmäßig in seinen Fortbildungen und Coachings an Schulen. Er empfiehlt dann, sich die Rechtslage in Deutschland vor Augen zu führen. „Niemand in Deutschland muss sich verprügeln lassen“, erklärt er. „Grundrechte gelten auch für Beamte.“ Er beobachtet aber auch, dass sich die Situation durch Smartphones und den Einsatz von KI-Technologie verschärft habe: Die Schüler wüssten, wie man Videos manipulieren und auf Social Media verbreiten kann. Was die Folge ist, zeigte kürzlich etwa ein Fall in Norddeutschland, bei dem der Lehrer fälschlicherweise als Täter dargestellt wurde. „Es ging um unerlaubtes Rauchen auf dem Schulgelände. Der Schüler hat dem Lehrer die Zigarette aus Wut an der Schulter ausgedrückt.“ Auf dem Video, das auf Social Media kursierte, sei aber nur zu sehen gewesen, wie der Lehrer den Schüler als Reaktion auf die Brandverletzung zurückstieß. Als eine Viertklässlerin ausrastet, muss die Polizei kommen Katja Lieb wünscht sich auch von ih­rem Arbeitgeber, dem Bundesland, einen besseren Schutz. Denn es gebe keine Richtlinien, wie man sich als Lehrkraft verhalten solle, wenn man bedroht und angegriffen werde. Es brauche an Schulen deshalb Eskalationskonzepte, Schutztrainings und vor allem Rechtssicherheit, sagt Sonderpädagoge Baumann: „Ein Lehrer muss wissen, was er darf, und auch, was er nicht darf.“ Und wie er sich im Fall einer Gewaltsituation verhält. Ulrike Becker hat ein Buch zu auffälligem Verhalten von Schülerinnen und Schülern geschrieben. Darin hat die Professorin für Integrations- und Inklusionspädagogik sogenannte „Cuts“ entwickelt, die Lehrkräfte dabei unterstützen sollen, herausfordernde Situationen zu bewältigen. In einer akuten Gewalt­situation, etwa bei Schlägereien durch Schulfremde, empfiehlt sie, ein akus­tisches Signal auszulösen, zum Beispiel mithilfe eines Schrillalarms. Die kleinen Geräte, die es etwa als Schlüssel­anhänger zu kaufen gibt, geben auf Knopfdruck einen lauten und unangenehmen Ton von sich, der die Schüler irritiert und innehalten lässt. Noch besser ist es, präventiv dafür zu sorgen, dass sich die Aggression nicht Bahn bricht. Als Beispiel dafür nennt Becker den „Platztausch“: Wenn die Situation in einem Klassenzimmer eskaliert, könne die Lehrkraft zeitweise mit einem Kollegen aus der Nachbarklasse den Raum wechseln. Häufig helfe das schon, um die Situation zu beruhigen. Die Vorfälle müssten aber nachbearbeitet werden – bestenfalls in einem multiprofessionellen Team und mithilfe einer Supervision. Gut sei auch, ältere Schülerinnen und Schüler miteinzubinden. Wichtig sei bei alldem, dass es nicht um Bestrafung, sondern um Fallver­stehen und Wiedergutmachung gehe, so Becker. Deshalb solle man auch den Kontakt zu den Eltern der verhaltensauffälligen Kinder suchen. Dabei gelte es, einige Regeln zu beachten – etwa Ich-Botschaften zu formulieren und zu betonen, dass man sich um das Kind „Sorgen macht“. Daran könnten viele Eltern anknüpfen. Menno Baumann ergänzt, dass es in Schulen zudem geeignete Räumlichkeiten geben müsse, in die sich Kinder zurückziehen können, wenn ihnen im Schulalltag alles zu viel wird. „Und wir brauchen flexi­blere Konzepte für Kinder, die mit der Größe von Schulklassen und den Lernanforderungen überfordert sind“, ergänzt er. Soziale Kleingruppenarbeit müsse an Schulen frühzeitig einsetzen. „Nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“ Auch die betroffene Pädagogin Kunze ist davon überzeugt, dass Kinder nicht von Natur aus aggressiv sind. Sie wünscht sich deshalb sehr, dass das Kind, das ihr die Hämatome zugefügt hat, sozialpädagogische Unterstützung bekommt. Bislang lehnen die Eltern die Hilfsangebote aber ab. Eine Woche nach den Schlägen des Achtjährigen kam es zu einem weiteren Gewaltausbruch ge­gen einen Lehrer, erzählt die Sozial­pädagogin. Dieses Mal sei eine Viertklässlerin so sehr ausgerastet, dass man die Polizei habe rufen müssen.