FAZ 15.01.2026
18:51 Uhr

Gesetzentwurf der Regierung: Warum der Wolf tot ist – zumindest als Streitthema


Mit einem neuen Gesetz soll der Abschuss von Wölfen erleichtert werden. Dafür lobt sogar die AfD die Koalition.

Gesetzentwurf der Regierung: Warum der Wolf tot ist – zumindest als Streitthema

Es geschieht nicht oft, dass Abgeordnete der AfD sich zustimmend zur Politik der Bundesregierung äußern. Im Gegenteil, üblicherweise finden sie immer in kurzer Zeit einen Weg, auf fast alles einzuschlagen, was die Regierung vorhat – egal, wer gerade an der Regierung ist. Von daher war die Bundestagsdebatte am späten Mittwochnachmittag über rechtliche Erleichterungen, Wölfe zu erschießen, eine Ausnahme. „Das ist grundsätzlich ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte der AfD-Politiker Peter Felser. Um doch noch ein bisschen Kritik übrig zu lassen, fügte er an, dass dieser Schritt „überfällig“ sei, und stellte die rhetorische Frage, ob die gesetzliche Neuregelung durch die Aufnahme des Wolfs als jagdbares Tier ins Bundesjagdgesetz wirklich „so lange“ habe dauern müssen. Wenige Sätze später sagte er aber dann noch einmal: „Ja, der uns hier von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf geht tatsächlich in die richtige Richtung.“ Ein paar Redner später kam die AfD abermals an die Reihe. Marcel Queckemeyer sagte zwar, der Schritt sei „längst überfällig“. Doch gelte „besser spät als nie“. Es sei der Moment, Verantwortung für Mensch und Natur zu übernehmen. „Wir begrüßen diese Änderungen“, äußerte der AfD-Abgeordnete. Ein politisch aufgeladenes Thema Das Verhalten der Partei vom rechten Rand ist mehr als eine inhaltliche Übereinstimmung mit der Regierung in einer rechtlichen Detailfrage. Kaum ein Thema hatte die AfD in den zurückliegenden Jahren derart politisch aufgeladen wie den Umgang mit der wachsenden Zahl von Wölfen, die nach den im Gesetzentwurf der Bundesregierung genannten Zahlen im Jahr 2024 mehr als 4000 Nutztiere gerissen oder verletzt haben. Stets kämpfte die AfD dafür, auffällige Wölfe leichter schießen zu dürfen. Nur bei der Migration war die AfD seit dem großen Zustrom von Asylbewerbern seit den Jahren 2014/2015 zeitweilig noch schneller im Angriffsmodus. Vor allem verband sie beide Themen lange miteinander. Im Sommer 2018, als der Streit zwischen CDU und CSU über die Mittel zur Begrenzung der illegalen Migration sich so zugespitzt hatte, dass die Fraktionsgemeinschaft der beiden christdemokratischen Parteien fast zerbrochen wäre, äußerte sich der sächsische AfD-Abge­ordnete Karsten Hilse in einer Bundestagsdebatte über den Wolf. Die Ansiedlung der Wölfe und die Migrationskrise hätten „viele Parallelen“, sagte Hilse. Erst habe es geheißen, die Flüchtlinge würden den Deutschen die Rente finanzieren und das Sozialsystem entlasten. Dann sei es anders gekommen. „Der überwiegende Teil lebt vom Sozialstaat“, sagte Hilse, auf die Flüchtlinge zielend. Und dann, auf die vielen gerissenen Weidetiere gemünzt: „Genauso läuft es beim Wolf.“ Für die AfD bot das Tier die Möglichkeit, über einen Umweg einen besonders harten Umgang mit Migranten zu insinuieren. Nicht nur die AfD verglich die Wolfs- mit der Migrationsdebatte Die CDU hat sich schwer damit getan, den Wolf zu entpolitisieren. Bei einem Besuch in Sachsen, wo besonders engagiert über den Wolf gestritten wurde, hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel 2018 in einer Pressekonferenz dafür geworben, das Abschießen von Wölfen zu erleichtern. Unmittelbar zuvor hatte sie bei diesem Auftritt gemahnt, dass es nicht wieder zu Flüchtlingsströmen wie im Jahr 2015 kommen dürfe. Henning Otte, heute Wehrbeauftragter, hatte in dieser Zeit als CDU-Bundestagsabgeordneter und verteidigungspolitischer Sprecher seiner Fraktion der F.A.Z. aus seinem Jägerleben berichtet. Es sei nicht angenehm, von einem Hochsitz aus „zu hören, wie ein Wolf ein Stück Wild reißt“. Im Lager der Grünen, der Linken und in Teilen der SPD werde dem Wolf mit einer „Willkommenskultur“ begegnet, benutzte auch Otte einen im Zusammenhang mit der Migrationspolitik vielfach genutzten Begriff. Über Jahre quälte sich die CDU damit, eine Lösung für die Angelegenheit zu finden. In den Koalitionsvertrag, den CDU, CSU und SPD im Frühjahr aushandelten, wurde dann geschrieben, dass man die Herabstufung des Schutzstatus des Wolfes in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie „unverzüglich“ in nationales Recht umsetzen wolle mit den erforderlichen Änderungen des Bundesnaturschutzgesetzes und des Bundesjagdgesetzes. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte den entsprechenden Gesetzentwurf am 12. Januar an seine Parteifreundin, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, geschickt und darauf hingewiesen, dass er dem Bundesrat schon am 19. Dezember als „besonders eilbedürftig“ zugeleitet worden sei. Noch am Dienstag äußerte der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Steffen Bilger (CDU), dass man die Wolfsproblematik nicht unterschätzen dürfe. In seiner Heimat Baden-Württemberg seien auch Wölfe unterwegs. Auf dem Weg zur dortigen Landtagswahl am 8. März will man der AfD dieses Thema offenbar wegnehmen. Nun ist er also tot, der politische Kampf um den Wolf. Zumindest, wenn man die ruhigen Äußerungen der AfD am Mittwoch zum Maßstab nimmt. Denn die hatte mit Felser und Queckemeyer nicht einmal ihre bekanntesten Jäger auf den ­parlamentarischen Hochsitz geschickt.