„Das ist gar kein Schreiben – das ist Tippen.“ Mit diesen Worten stufte Truman Capote das Werk seines Schriftstellerkollegen Jack Kerouac kurzerhand zum geistlosen Tastatur-Geratter herab. Damit wollte er nicht nur seinen Dichterkonkurrenten wegbeißen, der mit „On the Road“ gerade den Schlüsselroman der Beat Generation veröffentlicht hatte. Er zielte auch auf den Schreibmaschinen-Mythos, den Kerouac kultivierte, indem er das rauschhafte Hämmern auf den Tasten zur Essenz seines Schaffens, dagegen das Schreiben mit der Hand zum romantischen Relikt einer überkommenen Epoche erklärte. Der fast schon ideologisch zu nennende Gegensatz zwischen den Auffassungen von dem, was kreatives Schreiben ausmacht und welche Rolle der Stift oder die Maschine darin spielen, gehört zu den Leitmotiven, die Magnus Wielands Buch durchziehen. Wie der Untertitel „Geschichte des Tippens“ andeutet, steht in diesem flüssig geschriebenen, sehr informativen und schön aufgemachten Buch weniger die technische Geschichte des Apparats im Vordergrund als die Folgen, die er für den Akt des Schreibens, die literarische Produktion und die Herausbildung neuer Berufs- und Rollenbilder hatte. Ein zentrales Kapitel ist der – oft zur „Tippse“ herabgewürdigten – Typistin gewidmet, ein anderes dem subversiven Potential der Schreibmaschine als Vervielfältigungsapparat des Samisdat in den Staaten des Ostblocks und als Symbol der Gegenkultur im „Underground“ der westlichen Demokratien in den Jahrzehnten vor dem Siegeszug des Heimcomputers. Die Schreibmaschine als Symbol der kulturellen Avantgarde Für Schriftsteller bestand die Provokation der Maschine in der Unverblümtheit, mit der sie die Mechanisierbarkeit des Schreibens verkörperte. Capotes Ressentiment gegenüber dem „Typewriter“ war keineswegs neu. „Soll man aber gleich in die Schreibmaschine hineindichten, daß es nur so klingelt? Sehe ich mir die Tagesliteratur an, dann denke ich manchmal: Das haben sich die Schreibmaschinen allein gedichtet“, hatte schon Jahrzehnte zuvor Kurt Tucholsky gespottet. Zwar hatten weder er noch seine Kollegen etwas dagegen, dass ihre Texte zum Zweck der Vervielfältigung abgetippt wurden. Aber das Werk selbst war dem echten Dichter zuvor in die Feder geflossen. Allerdings entfaltete sich auch der Gegenmythos schon früh: die Schreibmaschine als Symbol der kulturellen Avantgarde. Die Surrealisten feierten sie als idealen Apparat zur „automatischen“ Protokollierung ihrer Träume. Und Egon Erwin Kisch, dem „rasenden Reporter“, wurde in einer emblematischen Collage die Reiseschreibmaschine sogar in seinen Leib hineinmontiert. Er liefert zugleich ein Beispiel für frühe Legendenbildung: Kisch nämlich hasste das Tippen. Es war seine Frau, die seine in schnörkeliger Handschrift geschriebenen Skripte nachts auf der Maschine abschrieb. Die Aversion der schreibenden Handarbeiter gegen die Schreibmaschine philosophisch zu begründen, unternahm Martin Heidegger. Für ihn zerstörte das Tippen den organischen Zusammenhang zwischen Geist und Schrift. Im Doppelsinn des „Begreifens“ zeigte sich für ihn das genuin Hand-Werkliche des Denkens und Schreibens. Wieland sieht Heidegger indes auf dem Holzweg, weil der den auf eigene Weise ebenfalls handwerklichen Charakter des Maschineschreibens völlig ignoriere. So ist es ist gerade die Taktilität und Haptik des Tippens, die dem „Blindschreiben“ über die Bezeichnung des Zehnfingersystems hinaus eine tiefere Bedeutung verliehen hat: Früheste Exemplare der Schreibmaschine waren als Sehhilfen für Blinde gedacht. Auch heute spielt die Handschrift eine wichtige Rolle Dazu gehörte ein Mechanismus des berühmten Automatenbauers Wolfgang Kempelen, der in den Jahren 1783 und 1784 das Publikum mit seinem ‚Schachtürken‘ an der Nase herumführte, einem angeblichen Automaten, in dem sich in Wahrheit eine kleinwüchsige Person verbarg, die die Schachzüge ausführte. Doch die Schreibmaschine, die Kempelen konstruierte, war nicht „getürkt“: Er hatte sie für seine Freundin, die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis, aus Wien konstruiert. Paradis’ Maschine inspirierte darüber hinaus die Entwicklung der Blindenschrift. Auch die Schreibmaschine, auf der der teilweise erblindende Nietzsche schrieb, war von ihrem Erfinder, dem dänischen Pastor Johann Malling Hansen, von vornherein als Schreibhilfe für Blinde gedacht gewesen. Vor diesem Hintergrund sieht Wieland in Heideggers anti-typistischer Kritik nur die „pure Metaphysik“ eines „Schwarzwaldphilosophen“. Damit allerdings wird er der Vielschichtigkeit des Themas seinerseits nicht gerecht. Für das Erlernen der Schriftsprache spielt das Schreiben von Hand nämlich eine entscheidende Rolle. Indem die Kinder die Buchstaben eigenhändig zu Papier bringen und zu Wörtern verbinden, bekommen sie ein Gefühl für das Verhältnis zwischen den Zeichen auf dem Papier, dem Fluss der Laute und dem Bau der Wörter. Auf der Maschine dagegen wird ein Buchstabe nur angetippt, aber weder „begriffen“ noch verknüpft. Deshalb erzielt auch die handgeschriebene Druckschrift, die in den Schulen als „Grundschrift“ firmiert, unbefriedigende Ergebnisse. Großen Raum widmet der Autor den literarischen Innovationen, die die Schreibmaschine hervorgebracht hat. Dazu gehört vor allem die Verschmelzung von sprachlicher und visueller Bedeutung in den als Schrift-Bilder gestalteten Typoskripten der Konkreten Poesie und ähnlicher literarischer Strömungen. Da sich die Effekte der Schreibmaschinenschrift im Bleisatz aus technischen Gründen nicht genau reproduzieren ließen, wurden solche Typoskripte oft fotomechanisch vervielfältigt. Zu den Monumenten dieser an die Grenzen der Lesbarkeit stoßenden Gattung zählen Arno Schmidts „Zettel’s Traum“ wie auch die sich über Tausende von Seiten erstreckenden Schreibmaschinenlandschaften der österreichischen Autorin Marianne Fritz. Angesichts des Facettenreichtums, den Wieland seinem Thema abgewinnt, erstaunt es, dass er die einschneidende schriftgeschichtliche Wirkung, die die Schreibmaschine im deutschsprachigen Raum hinterließ, unberücksichtigt lässt: Es war vor allem sie, die der lange favorisierten Frakturschrift den Garaus machte. Zwar wurde die erst 1941 auf Anordnung der Nationalsozialisten offiziell durch die Antiqua ersetzt. Aber der heimliche Siegeszug der „lateinischen“ Schrift hatte – allen Widerständen der Frakturanhänger zum Trotz – schon begonnen, nachdem die Schreibmaschinen in Firmen und Behörden Einzug gehalten hatten. Sie gab es nämlich fast nur mit Antiqua-Lettern; Fraktur-Schreibmaschinen setzten sich aus technischen und typographischen Gründen nicht durch. Die verwinkelten, „gotischen“ Formen der Fraktur, in denen die Romantiker einen Widerschein des verehrten Mittelalters erkannten, kollidierten nicht nur mit dem modernistischen Image, sondern auch mit der technischen Realität der Schreibmaschine. Magnus Wieland: „Schreibmaschinen“. Eine Geschichte des Tippens. Wehrhahn Verlag, Hannover 2025. 388 S., Abb., geb., 29,50 €.
