FAZ 07.03.2026
18:29 Uhr

Georgische Bildungsreform: Der nächste Schlag gegen die kritische Intelligenz


Mit der Zerschlagung der Ilia State University setzt die georgische Regierung ihre Abkehr von Europa fort. Von der renommierten Hochschule soll nur ein Torso bleiben.

Georgische Bildungsreform: Der nächste Schlag gegen die kritische Intelligenz

Ende Februar versetzte die georgische Regierung der Ilia State University eine Art Todesstoß, bestehend in der Aufforderung, die Studentenzahl um neunzig Prozent zu reduzieren. Die verbleibenden zehn Prozent werden auf das Lehramt verteilt. Die 2006 gegründete Hauptstadtuniversität wird wieder zu dem, was sie einmal war, bevor ihr Aufstieg zur führenden Universität Georgiens und des Kaukasus begann: einer pädagogischen Hochschule. Es ist der erste, vernichtende Schlag der Regierung von Irakli Kobachidse bei der Umsetzung der neuen Hochschulreform. Die Reform soll die Universitäten dem Willen der Regierung unterwerfen. Dafür werden sie zunächst einmal aufgespalten. Eine Fakultät darf nur noch an einer Universität vertreten sein, was vor allem die großen Hauptstadtuniversitäten trifft. Einzelne Fakultäten werden zur beschleunigten Ausbildung von Fachkräften in die Provinz verlagert. Reformkritiker sehen dahinter die Gewinnabsichten des mächtigen Oligarchen und Schattenpräsidenten Bidzina Iwanischwili, Gründer der Regierungspartei Georgischer Traum, der das Land und die Hochschulen nach seinen wirtschaftlichen Interessen umbauen wolle. Hochschulbildung spielt in diesem Plan nur noch eine untergeordnete Rolle. Universitäten werden zu spezialisierten Fachhochschulen geschrumpft. Die Regierung will keine intellektuellen Widerstandsnester, sondern Zulieferbetriebe für den Arbeitsmarkt. Es ist kein Zufall, dass die Reform als Erstes die Ilia State University trifft. Sie gilt der Regierung zwar nicht ganz zu Recht als Geschöpf des in Ungnade gefallenen Ex-Präsidenten Micheil Saakaschwili. Mit Sicherheit ist sie aber eine der lautesten Stimmen gegen die autoritäre Wende der Regierung und eine Fürsprecherin jenes proeuropäischen Kurses, von dem sich die Regierung vor 2024 offiziell abgewendet hat, als sie die europäischen Beitrittsverhandlungen aussetzte. Staatsstreich von oben Die neue Hochschulreform setzt die Abkehr des einstigen europäischen Musterschülers von der EU in der Bildung fort. Bachelor und Master werden jeweils um ein Jahr verkürzt, was die europäische Anerkennung der Abschlüsse gefährdet. Ausländische Studenten sind nur noch in Ausnahmefällen erlaubt. Die intellektuelle Isolation gilt nicht als Makel, sondern als erstrebenswerter Zustand. Der zweite Machthebel ist die Hochschulfinanzierung. Konnten georgische Studenten bislang mit Regierungsstipendien oder auf eigene Rechnung frei eine Hochschule wählen, so legt das Ministerium nun die Fächer und die Studentenzahl fest. Mit einer auf zehn Prozent geschrumpften Studentenzahl ist die Ilia-Universität wirtschaftlich kaum überlebensfähig. Entlassungen dürften bald folgen. Die Studenten können zunächst an der benachbarten Iwane-Dschawachischwili-Universität unterkommen, die bislang von harten Einschnitten verschont geblieben ist. Reformkritiker führen dies auf ihren regierungstreuen Rektor zurück, der auch der Akademie der Wissenschaften vorstehe. Die nächste Repressionsstufe könnte in der Delegation der georgischen Forschungsförderung in die Hände der Akademie liegen, mit der Folge, dass nur noch regierungskonforme Forschung gefördert würde. Entsprechende Gerüchte machen die Runde. Es würde zumindest zu der Konsequenz und Zielstrebigkeit passen, mit der die Regierung die kritische Intelligenz ausschaltet. Vieles ist noch im Fluss. Die neuen Fakultäten in der Provinz müssen erst noch geschaffen werden. Unklar ist auch, ob die Hauptstadt-Universitäten die Kapazitäten haben, um die Studenten der Ilia-Universität aufzunehmen, oder ob sie selbst zu Streichkandidaten werden. Langfristig soll die Gesamtzahl der Studenten und Vollprofessoren reduziert werden. Der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili, Professor an der Ilia-Universität und am Berliner Zentrum für Literaturforschung, bewertet die Bildungsreform als nächste Etappe eines „Staatsstreichs von oben“. Nach der Ausschaltung der Zivilgesellschaft durch Gesetze gegen ausländische Organisationen und die Kriminalisierung des öffentlichen Protests gehe es nun um die Gleichschaltung des Bildungssystems mit dem Ziel, einen demokratischen Machtwechsel unmöglich zu machen. Strukturell werde dies dadurch begünstigt, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine tiefgreifende institutionelle Reform ausgeblieben sei. Die exekutive Dominanz werde durch eine Justiz gefestigt, die den Regierungskurs bestätigt. Die autoritäre Wende seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist in diesem Sinn ein postsowjetischer Erbfolgestreit. Anders als in der Ukraine braucht Russland keine Waffen, um sich ein Nachbarland gefügig zu machen. Der Isolationskurs des Georgischen Traums treibt ihm das Land ohne militärischen Druck in die Arme. Georgien wird darüber zur Beute eines Milliardärs, der sein Vermögen nach russischen Spielregeln gemacht hat. Die Ilia State University hat ihren Widerstand laut Andronikashvili auch nach der brutalen Kürzung nicht aufgegeben. Sie ist aber mehr denn je auf europäische Hilfe angewiesen, und sei es im Exil.