Der Potsdamer Juraprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf ist am Sonntag der Georg-August-Zinn-Preis der hessischen Sozialdemokratie verliehen worden. Sie habe sich durch ihr langjähriges wissenschaftliches Engagement, vor allem im Verfassungs- und Sozialrecht große Verdienste erworben, heißt es in der offiziellen Begründung für die nach dem langjährigen Ministerpräsidenten Hessens benannte Auszeichnung. „Mit ihrer Arbeit setzt sie wichtige Impulse für das Verständnis des Grundgesetzes und damit für die Stärkung des Rechtsstaats und des demokratischen Gemeinwesens.“ Nach der Entgegennahme des Preises im Musiksaal des Landtags erläuterte die im Sommer vergangenen Jahres mit ihrer Kandidatur für das Bundesverfassungsgericht gescheiterte Juristin die Gründe für ihren Rückzug von dieser Kandidatur. Sie habe sich einerseits nicht der gegen sie gerichteten Kampagne beugen wollen, sagte sie. Es sei ihr andererseits aber darum gegangen, das Bundesverfassungsgericht zu schützen. Sie habe am Tag ihrer Entscheidung auch „den sehr starken Eindruck gehabt“, dass sie nicht gewählt worden wäre, weil die Mehrheit der Fraktion von CDU und CSU sie nicht unterstützt habe. Außerdem habe sie nicht mit einer Kandidatur die Stabilität der schwarz-roten Koalition in Berlin gefährden wollen. Dabei sei sie sich „in jeder Sekunde mit erhobenem Haupt selbst treu geblieben“. Es sei nicht um sie als Person gegangen, stellte Brosius-Gersdorf fest, sondern um die Delegitimierung der Wissenschaft. Auch Frauenfeindlichkeit sei ihr entgegengeschlagen, hob die Juristin hervor. Aber ihre Kritiker hätten es „nicht geschafft, mich als Wissenschaftlerin und als Frau mundtot zu machen“. Respekt für den Rückzug Der Rückzug von der Kandidatur spielte auch in den Reden die Hauptrolle, mit denen die Preisverleihung begründet wurde. Sören Bartol, der SPD-Landesvorsitzende, sprach von einer „unsäglichen Hasskampagne, die gegen Sie gelaufen ist“. Er lobte Brosius-Gersdorf dafür, „dass Sie dem standgehalten haben, was passiert ist nach der Bekanntgabe ihrer Kandidatur, und dass Sie zur Wissenschaftsfreiheit gestanden haben“. Die Preisträgerin habe die Stärke besessen, sich der Diskussion zu stellen und verhindert, dass dem Bundesverfassungsgericht am Ende ein Schaden entstanden sei. Dem „unwürdigen Umgang mit Ihrer Person“ sei sie sachlich, angenehm und souverän entgegengetreten. Auch Katharina Lorenz, die Präsidentin der Universität Gießen, würdigte den Rückzug von der Kandidatur als besondere Leistung. Brosius-Gersdorff habe uneigennützig zum Schutz der staatlichen Institutionen gehandelt. Sie habe dokumentiert, dass das Ansehen des Bundesverfassungsgerichts schwerer wiege als die eigene Biographie. „Damit haben sie das Grundgesetz geschützt, ohne eine Robe getragen zu haben.“ Lorenz beklagte, dass die Expertise in Deutschland noch immer nicht wichtiger sei als das Geschlecht und Hierarchien. „Es gibt Dinge, die wichtiger sind als Parteiprogramme.“ Die Universitätspräsidentin pochte auf die Freiheit von Forschung und Lehre. Die Gesellschaft benötige „Räume des unbequemen Denkens als Keimzellen, um ihre Zukunft zu schützen“. Wissenschaftliche Denkverbote dürften nicht über die Seele des Rechtsstaats gestellt werden. Der fachliche Streit dürfe nicht verlassen werden, um die persönliche Integrität des anderen zu untergraben, so Lorenz. Mit 5000 Euro dotiert Der mit 5000 Euro dotierte Georg-August-Zinn-Preis wird seit 2002 gemeinsam von der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag und dem sozialdemokratischen Landesverband SPD vergeben, um „herausragende Leistungen für die demokratische Gesellschaft, den Rechtsstaat und ein gerechtes Miteinander“ zu würdigen. In dem Kuratorium sind auch Zinns Nachfahren vertreten. Am Sonntag befanden sie sich unter den rund 100 geladenen Gästen ebenso wie der Ehemann der Preisträgerin. In der Vergangenheit wurden beispielsweise der Philosoph Jürgen Habermas, die Schauspielerin Iris Berben und das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt mit dem Preis ausgezeichnet. Weniger prominente Persönlichkeiten oder Einrichtungen kamen zum Zuge, wenn ihre Herkunft und ihre Leistungen einen Bezug zu Hessen hatten.
