Wer in Nigeria zum Adventsgottesdienst geht, ist extrem mutig. Am ersten Advent Ende November sind in dem Bundesstaat Kogi ein Pfarrer, seine Frau und mehrere Kirchengänger in die Gewalt bewaffneter Männer gekommen. Am zweiten Advent sind die Frau eines Priesters und ein weiterer Christ im davon südlichen Anambra-Bundesstaat am frühen Morgen erschossen worden, als sie sich für der Messe versammelten. Ein anderer Priester wurde entführt und die Kirche in Brand gesetzt. Am dritten Advent sind 13 Gläubige aus einer Kirche heraus entführt worden, wieder in Kogi. Für den vierten Adventssonntag gab es zunächst keine Berichte. Laut einer Untersuchung der nigerianischen Organisation „Intersociety“ werden seit 2009 jedes Jahr in Nigeria durchschnittlich 1200 Kirchen angegriffen – das sind umgerechnet etwa drei am Tag. Es ist also lange her, dass die Weihnachtszeit für Christen in dem mit 230 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Land Afrikas friedlich oder gar besinnlich war. Auch Bischof Wilfred Chikpa Anagbe erinnert sich an einen mehrtägigen Überfall auf eine christliche Gemeinde im Dezember vor zwei Jahren und einen Angriff auf eine Kirche mit mehreren Toten an Heiligabend. Anagbe ist Bischof von Makurdi, der Hauptstadt des an Kogi grenzenden Benue-Bundesstaates. Er sagt: „Sie nehmen Christen ins Visier.“ Islamisten terrorisieren die Bevölkerung Der Bischof meint damit die Islamisten. Laut der Organisation Kirche in Not besteht Nigerias Bevölkerung zu 46,2 Prozent aus Christen und zu 45,8 Prozent aus Muslimen. Im Zentrum Nigerias ziehen sich Staaten wie Kogi, Niger oder Benue wie eine Trennlinie durch das Land. In zwölf nördlichen Staaten gilt die Scharia. Manchen Gouverneuren wird eine Zusammenarbeit mit den Terroristen nachgesagt. Militante der islamistischen Terrororganisation Boko Haram haben sich schon seit Anfang 2000 in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias etabliert. Später kamen auch Anhänger des „Islamischen Staates Provinz Westafrika“ dazu. Die Islamisten terrorisieren die Bevölkerung dort seit mehr als 15 Jahren – zunächst hat das vor allem Muslime betroffen, die den größten Bevölkerungsanteil in Norden stellen. Jedoch weiten sich die Angriffe seit Jahren weiter südlich aus, dort sind die Bewohner zunehmend Christen. Ende November machte die Entführung von mehr als 320 Kindern aus einer katholischen Schule im eher zentral gelegenen Bundesstaat Niger international Schlagzeilen; der Vorfall erinnerte an die Entführung von 276 Schulmädchen im nördlichen Borno-Bundesstaat 2014. Es war ein trauriger neuer Rekord. Erst am vergangenen Samstag bestätigte das internationale katholische Hilfswerk Missio, dass mittlerweile alle Kinder freigekommen sind. „Die ganze Idee dahinter ist die Islamisierung Nigerias“, sagt Bischof Anagbe im Gespräch über die zunehmenden Terroranschläge im Zentrum. Es würden auch liberale Muslime getötet, aber es seien Christen, die für ihre Religion und ihren Glauben verfolgt würden. „Wenn man Völkermord definiert, dann als die systematische, organisierte Auslöschung eines Teils oder der Gesamtheit einer Gruppe, eines Stammes, einer religiösen Gemeinschaft.“ Ein Raum der Organisation „Kirche in Not“ in Königstein im Taunus. Im Priesterhemd mit Kollar gekleidet, lehnt sich der Bischof nach vorn, spricht schneller, seine Stimme hallt durch den Raum. Das geschehe in Nigeria aktuell, die Verfolgung sei systematisch. Viele hätten Angst, den Völkermord-Begriff auszusprechen, aber er nicht. Es sei ein Genozid an Christen. Es sind Berichte wie die des Bischofs, die Papst Leo XIV. sowie US-Präsident Donald Trump dazu gebracht haben, ihren Blick auf Nigeria zu richten. Ende Oktober schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social, „das Christentum steht vor einer Existenzkrise in Nigeria“. In einem TV-Interview bezeichnete er die Vorgänge als Genozid. Trump ordnet Pläne für einen Einmarsch an Wenige Tage später drohte Trump dann der Regierung in Abuja: „Wenn die nigerianische Regierung weiterhin die Ermordung von Christen zulässt, werden die USA unmittelbar jegliche Hilfsmittel an Nigeria stoppen und könnten sehr wohl in dieses nun in Ungnade gefallene Land einmarschieren, ,mit gezückten Waffen‘, um die islamistischen Terroristen vollständig auszulöschen.“ Das „Kriegsministerium“ solle Pläne dafür vorbereiten. Republikanische Kongressabgeordnete sprachen außerdem von der Ausarbeitung möglicher US-Sanktionen. Der nigerianische Präsident Bola Tinubu weist den Genozid-Vorwurf zurück. Ihm zufolge hat der Konflikt in erster Linie historische, wirtschaftliche und kriminelle Wurzeln. Es gebe keine religiöse Verfolgung in Nigeria, betont er. Nach der Massenentführung im November rief die Regierung den landesweiten Sicherheitsnotstand aus, laut Amnesty International wurden daraufhin über 20.000 Schulen geschlossen. Armee und Polizei wurden außerdem aufgefordert, Tausende zusätzliche Sicherheitskräfte einzustellen. Am Samstag folgte ein Zeichen der Entspannung zwischen Washington und Abuja: Das US-Außenministerium kündigte ein gemeinsames Gesundheitsabkommen mit Nigeria an. Zwei Milliarden Dollar sollen zur Prävention von HIV, Tuberkulose, Malaria und Polio in das afrikanische Land fließen. Dabei liegt ein Fokus laut einem Ministeriumssprecher auf der Förderung christlicher Gesundheitsdienstleister. Zudem seien Reformen mit Abuja ausgehandelt worden, durch die „der Schutz der christlichen Bevölkerung vor Gewalt“ priorisiert werde. In Nigeria wird das kaum reichen, um Skeptiker zu überzeugen. Lange schon weisen sie auf das Sicherheitsvakuum hin, prangern die Beobachterrolle der Regierung an. Der Kern der Anschuldigung eines christlichen Völkermords sei, dass der Staat seit Jahren nicht ausreichend reagiere und ihm deshalb Mittäterschaft vorgeworfen werde, erklärt Malik Samuel, ein leitender Forscher der Denkfabrik „Good Governance Africa-Nigeria“ am Telefon. „Die angegriffenen Gemeinden sind abgelegene Gemeinden, in denen keine Sicherheitskräfte präsent sind.“ Während die Angreifer zu Dutzenden oder Hunderten kämen, seien die Opfer auf sich alleingestellt, so Samuel. „Und dann fragt man sich, wie es möglich ist, dass eine so große Gruppe von Angreifern in eine Gemeinde kommt und am Ende niemand verhaftet wird, sondern sie praktisch spurlos verschwinden.“ Er glaube nicht, dass dem Staat die nötigen Ressourcen fehlten – sondern der politische Wille. Auch Bischof Anagbe macht der Regierung schwere Vorwürfe. „In den zwei Jahrzehnten dieser Krise, wie auch immer man sie nennen mag, wurde niemand verhaftet, niemand wurde strafrechtlich verfolgt, niemand wurde verurteilt.“ Präsident Tinubu wurde schon während seiner Präsidentschaftskandidatur für die Wahl 2023 kritisiert, nachdem er mit der politischen Tradition gebrochen hatte, mit einem muslimisch-christlichen Ticket anzutreten. Der Muslim hätte demzufolge einen christlichen Vizepräsidenten als Mitstreiter ernennen sollen, hat sich jedoch für einen muslimischen Politiker entschieden. Angreifer und Waffen kommen über schlecht gesicherte Grenzen Die Regierung wolle keine Maßnahmen ergreifen und sei nicht bereit zu handeln, um die Christen zu schützen, sagt Anagbe. Der Bischof wirft ihr etwa vor, den illegalen Waffenschmuggel der Terroristen über die Grenzen überhaupt zu ermöglichen. Die Kontrolle insbesondere der nördlichen Grenzen fällt allerdings allen Staaten in der Region schwer. Der Norden Nigerias ist Teil des Tschadseebeckens mit Grenzen an Niger und Tschad – ganze Gebiete werden dort von Terroristen kontrolliert. Das erleichtert den Waffenschmuggel über die Grenzen, aber auch die Angreifer werden Berichten zufolge aus der ganzen Region mobilisiert. Dabei spielt nicht nur Religion eine Rolle. Das Sicherheitsvakuum, das die Islamisten im Norden offenbart haben, nutzen auch bewaffnete kriminelle Gruppen für sich. Sie entführen Menschen aus Dörfern und fordern Lösegeld. Auch wird vermutet, dass sie Geiseln an Terrororganisationen weiterverkaufen. Lösegeldzahlungen sind 2022 in Nigeria eigentlich verboten worden, um das Geschäft unattraktiv zu machen. Allerdings glauben einige Beobachter, dass die unter Druck stehende Regierung immer noch gegen Geld Geiseln freikauft. Der zuständige Bischof für die entführten Schulkinder aus Niger sagte, dass die Freilassung nach Verhandlungen durch die nigerianische Regierung erfolgt sei. Darüber hinaus spielt auch die Ethnie eine wichtige Rolle. Die muslimisch geprägte Gruppe der Fulani hat sich in den letzten Jahrhunderten über mehrere Länder in West- und Zentralafrika ausgebreitet und wurde mit zahlreichen Angriffen in Nigeria in Verbindung gebracht. Sie können aus der ganzen Region Gleichgesinnte mobilisieren. Neben dem Islam identifizieren sich die Fulani vor allem als ein nomadisches Hirtenvolk. Konflikt zwischen Hirten und Bauern „Der Konflikt im nördlichen Zentrum ist anders“, sagt der Forscher Samuel. „Es handelt sich größtenteils um einen Konflikt um Ressourcen, um Wasser und Weideland.“ Nomadische Viehzüchter, insbesondere der Fulani, ziehen über die Äcker, um Land einzunehmen. Dabei stoßen sie auf ansässige Bauerngemeinden, die überwiegend Christen sind. Die Angreifer sind also oft muslimische Fulani-Hirten, die Opfer christliche Bauern. Von außen könne man es leicht als Religionskonflikt interpretieren, die Gründe seien jedoch vielschichtig, so Samuel. „Jeder wird angegriffen, egal ob man Christ oder Muslim ist.“ Der Konflikt zwischen Hirten und Bauern sorgt auf dem ganzen Kontinent für Gewalt, aber in Nigeria hat sich die Konfrontation zugespitzt. Einerseits sind die Angreifer professionell bewaffnet. Während sie mit automatischen Gewehren Dörfer überfallen, verteidigen sich die Einwohner oft nur mit Macheten oder Pfeil und Bogen. Andererseits hat sich die Ressourcenknappheit in Nigeria in den vergangen Jahren verschärft. Die Bevölkerung wächst rasant, laut UN soll sie sich bis 2050 auf 400 Millionen Menschen nahezu verdoppeln. Währenddessen werden die Felder immer umkämpfter. Ein Bericht der Weltbank hat bereits vor zehn Jahren davor gewarnt, dass die Ernteerträge in Nigeria wegen des Klimawandels langfristig um 20 bis 30 Prozent fallen werden. Oxfam Deutschland bezeichnete Nigeria in einem Bericht 2017 als „Brennpunkt des Klimawandels“. Es fehlt an Perspektiven für die Menschen Im Nordosten des Landes, dem Einfallstor von Boko Haram, ist die Lage besonders brisant: Dem Tschadsee droht die vollständige Austrocknung, und die Wüstenbildung schreitet voran. Die Bevölkerung wird dadurch immer weiter nach Süden gedrängt, und die Ressourcenknappheit führt dort zu einem immer gewalttätigeren Ressourcenkampf. „Der traditionsreiche Konflikt zwischen Farmern und Hirten wird infolge des Klimawandels immer blutiger, Religionszugehörigkeit wird ein nützliches Unterscheidungsmerkmal“, heißt es in einem Beitrag zu Nigeria aus dem Magazin der UN. Bettina Tiburzy vom Hilfswerk Missio sagt, dass Religion in dem Konflikt von vielen instrumentalisiert werde. „Das hat auch damit zu tun, dass sich Nigerianer nicht in erster Linie als Nigerianer empfinden, sondern sich über ihre ethnische und auch ihre religiöse Identität definieren.“ Eine Studie der Universität der UN kommt zu dem Ergebnis, dass durch die zunehmende Existenzbedrohung in dem Land extremistische Organisationen besser rekrutieren können. Tiburzy hat viele überfallene christliche Gemeinden in Nigeria besucht. Auch sie kritisiert fehlende Strafverfolgung, den schlechten Grenzschutz sowie Korruption. Vor allem aber mahnt sie vor den schlechten Zukunftsaussichten: „Die Leute müssten eine Perspektive haben, eine bessere, als sich diesen kriminellen Gruppen anzuschließen.“ Bischof Anagbe stimmt wenig dafür zuversichtlich. Der Bevölkerung in umkämpften Gebieten bleibe nur die Flucht als Perspektive, frei und sicher leben zu können, sagt er. Und will damit auch die Folgen für Europa andeuten.
