FAZ 04.01.2026
15:25 Uhr

Generationen und Fonts: Sage mir, wie du tippst und ich sage dir, wer du bist


Eine Studie untersucht, wie unterschiedlich Boomer,  GenX, Millenials und GenZ mit Schriften umgehen. Das US-Außenministerium darf offiziell nur noch in Times New Roman schreiben. Was steckt da alles zwischen den Zeilen?

Generationen und Fonts: Sage mir, wie du tippst und ich sage dir, wer du bist

Der Satz, den Sie hier in diesem Moment lesen, ist in Source serif gesetzt. Das ist eine Schrift, wie sie viele Zeitungen für ihre Fließtexte benutzen – mit Serifen, mit Füßchen und Häkchen an den Buchstaben. Man liest Gebrauchstexte in solchen Schriften in den allermeisten Fällen, ohne sich einen Begriff davon zu machen. Da ist also ein wesentliches Element alltäglicher Kommunikation, das man nutzt, ohne lange darüber nachzudenken – und vermutlich ist das sogar ein gutes Zeichen dafür, dass eine Schrift ihren Zweck gut erfüllt. Wenn über Kommunikationsmittel diskutiert wird, dann geht es ja meist um technische Geräte, um Programme, Apps, um Innovationen und ihre kulturellen Effekte auf Traditionen, auf die Konzentrationsfähigkeit von Kindern, auf Textverständnis. Schriften gehören auch zu Kommunikationsmitteln, aber sie sind selten Gegenstand von Debatten über Fortschritt, Tradition und Verfall. Mit Serifen oder ohne, das ist hier die Frage Der amerikanische Außenminister Marco Rubio hat jetzt aber für Schlagzeilen gesorgt – mit Serifen oder ohne –, als er anordnete, dass seine Behörde in offiziellen Dokumenten künftig eine andere Schrift benutzen solle als bisher. Das Außenministerium kehrt auf Wunsch ihres republikanischen Chefs zur Serifenschrift Times New Roman zurück, die sie bis 2023 in ihren Schriftstücken genutzt hatte. Und schafft Calibri ab. Damals, vor drei Jahren, hatte Rubios demokratischer Vorgänger Blinken nämlich angeordnet, in offiziellen Dokumenten zur serifenlosen Schriftart Calibri zu wechseln. Das war auf Empfehlung der innerbehördlichen Abteilung für Diversität und Inklusion geschehen – weil Calibri für Menschen mit Lese- und Sehschwächen geeigneter sei, so die Erklärung. „Return to Tradition“, so betitelte Rubio jetzt seine Anordnung aus dem Dezember 2025: Darin bestritt der Außenminister, dass Calibri irgendwelche inklusiven Effekte auf seine Behörde gezeigt hätte. Die Rückkehr zu Times New Roman würde dagegen aber „angemessene Haltung und Professionalität“ in den Schriftstücken des Ministeriums wiederherstellen. Daraus wurde in den Medien dann die Formel, Calibri sei dem Minister wohl zu „woke“. Rubios Entscheidung passt aber auch zur allgemeinen Linie der Regierung Trump, mit einer Stimme („one voice“) zu sprechen. Und dazu gehören dann wohl auch die Schriften in Dokumenten, die vielleicht einfach nur in der Ablage verschwinden. Calibri hat es nicht leicht Calibri hat es nicht leicht: Bis 2023 war sie auch die Standardschrift von Microsoft Office gewesen. Öffnet man heute ein Textdokument oder eine E-Mail in Windows oder Outlook, dann schreibt man automatisch in Aptos los. Vor Calibri war übrigens bis 2007 Times New Roman die Standardschrift von Microsoft Office, deswegen sind die beiden Schriften sicher viel bekannter als andere. Was sie unterscheidet, sieht man auf dieser Seite oben in der Überschrift. Der niederländische Designer Lucas van Groot, der Calibri entwickelt hat und in Berlin lebt, hat seine Schrift jetzt in Interviews gegen die Entscheidung des amerikanischen Außenministers verteidigt, beide Schriften sind in Zeitungsartikeln miteinander verglichen worden, millimetergenau. Aber wie immer in diesem amerikanischen Kulturkampf sind Fakten und Argumente ungefähr das Letzte, was bei der Wahrheitsfindung hilft, und um Wahrheit geht es hier ja eh nicht – was man an einem Begriff wie „Haltung“ in Rubios Dekret erkennen kann. „Decorum“ heißt es im englischen Original, ein Begriff mit lateinischer Wurzel. Dass Calibri eine Schrift ohne Haltung sei, kann man nun wirklich nicht ernsthaft diskutieren. Hektisches Copy-und-Paste, weltweit Aber dieser Vorgang, der in amerikanischen Botschaften rund um die Erde zu Copy-and-Paste-Aktionen geführt haben dürfte, verändert doch kurz die Perspektive auf kommunikative Traditionen und Innovationen. Und darauf, wie viel man vergisst, übersieht, gar nicht wahrnimmt, wie man kommuniziert. Und womit. Zu den Eingewöhnungsprozessen neuer Technologien gehört, dass man sofort wieder vergisst, dass man sich überhaupt einmal an sie gewöhnen musste. Man kann das am nostalgischen Schauder erkennen, den zum Beispiel ein Clip auslöst, der gerade auf Instagram (auch schon lange nicht mehr die innovativste neue Plattform sozialer Medien) umgeht. Als Apple die Tastatur auf Telefonen abschaffte Der Clip zeigt, wie Steve Jobs, damals Chef von Apple, im Januar 2007 der Öffentlichkeit das erste iPhone vorstellte, auf einer Bühne, in Jeans und Rollkragenpullover, das war ja seine Uniform. Und wie Jobs auf dieser Bühne erst einmal die damals üblichen netzfähigen, tragbaren Bildschirmgeräte der Konkurrenz – Blackberry, Nokia E62 – vorführte und dabei sofort abkanzelte. „Das Pro­blem, das sie alle haben“, sagte Jobs, „liegt in den unteren vierzig Prozent des Geräts: Sie haben alle eine Tastatur, ob man die braucht oder nicht.“ Und dazu noch einen Steuerbutton aus Plastik. „Wir werden sämtliche Tasten rausschmeißen“, verkündete Jobs, „und das beste Zeigeinstrument der Welt benutzen, mit dem wir alle geboren wurden. Sogar mit zehn davon: unsere Finger.“ Wann haben Sie zum letzten Mal darüber nachgedacht, dass Sie mit dem Finger schreiben? Und kommunizieren? Vermutlich als Sie versucht haben, ein Bild auf einer gedruckten Zeitungsseite mit Daumen und Finger großzuziehen, wie man es auf dem Display eines Smartphones tun kann. Und vielleicht lesen Sie diesen Text gerade sogar am Touchscreen – auch das eine Innovation von Apple, die Jobs damals, vor fast zwanzig Jahren, auf seiner Bühne vorstellte. „Sie funktioniert wie Magie“, sagte er mit ironisch-siegesgewissem Unterton, im Saal wurde gelacht. Mit dem Finger auf dem Display zu schreiben, ist jedenfalls so alltäglich geworden: Man erinnert sich fast nicht mehr, dass es auch mal anders war. Magisches Denken in der digitalen Kommunikation Aber auch wenn es um digitale Kommunikation geht, bleibt magisches Denken immer im Spiel. Die Buchstaben führen ein Eigenleben, je nachdem wie man sie positioniert und gestaltet. Man kann das wie Marco Rubio sehen und Times New Roman Maß und Haltung andichten und Calibri absprechen. Dass es aber einen Effekt hat, wenn sich Schrift im Text verändert, wenn ein Wort zum Beispiel kursiv gesetzt ist, merkt man sofort. Denn je nachdem welches Wort es ist, wandelt sich etwas im Verständnis. Das merkt man sofort. Das merkt man sofort. Das merkt man sofort. Die digitalen Schreibgeräte haben es leicht gemacht, selbst mit solchen Effekten herumzuprobieren: Man markiert ein Wort und sucht sich den passenden Befehl und passt das Schriftbild dem eigenen Mitteilungsbedürfnis an. Und spielerisch spürt man, dass es nicht komplett aus der Luft gegriffen ist, was den amerikanischen Außenminister da umgetrieben haben mag. Da verwandelt sich etwas. Ob es aber wirklich seriöser wirkt, ein offizielles Dokument in Times New Roman vor sich zu sehen als in Calibri? Denkbar, dass bei Rubio, Jahrgang 1971, auch die generationelle Prägung durch Microsoft eine Rolle gespielt haben könnte: Er gehört zur Generation X, die als erste mit PCs im Studium umging, und in den Neunzigern war halt fast alles Times New Roman. Schriftbild und Mitteilungsbedürfnis Der Schriftenhersteller Monotype Imaging hat jetzt eine internationale Studie in Auftrag gegeben, die untersucht, wie heutige Generationen mit dem Verhältnis von Schriftbild und Mitteilungsbedürfnis umgehen. Wie wichtig sind diese Fonts? Wie viel Zeit investieren Boomer, Millennials, Gen Z und Gen X in die Schriftgestaltung ihrer Postings? Das Marktforschungsinstitut Census­wide hat für diese Studie 12.000 User sozialer Medien aus vier Generationen und sechs Ländern befragt, die lateinische Buchstaben benutzen – Brasilien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA. „Über die Generationen hinweg“, so kam dabei heraus, „zeigt sich ein Hunger nach mehr Schrifttyp-Optionen in sozialen Medien und Designtools.“ Dass so ein Ergebnis dem auftraggebenden Unternehmen Monotype gefallen wird, das Fonts für den digitalen Einsatz (etwa auf Mobilgeräten) entwickelt, ist kein Wunder. Und doch ist die Studie interessant, besonders wenn man auf die Unterschiede zwischen den Generationen schaut: „Auch wenn Boomer häufig posten, haben sie die geringsten Ansprüche an Schrifttypen und nehmen sie am wenigsten wahr“, lautet ein Ergebnis. „Für viele von ihnen sind die sozialen Medien ein Weg, aus dem Moment heraus Gedanken zu teilen – weniger ein kuratierter Ort zur Selbstvermarktung.“ „Typographie als soziale Währung“ Die Angehörigen der Gen Z dagegen, das zeigt die Studie auch, neigten am stärksten dazu, Menschen danach zu bewerten, welche Fonts sie für ihre Postings wählen, „was belegt, dass Typographie für diese Generation eine soziale Währung sein kann“. Generell aber hätten sechzig Prozent aller Befragten erklärt, dass Fonts entscheidend dazu beitragen würden, die eigene Persönlichkeit in sozialen Medien auszudrücken, und 65 Prozent behaupteten, dass die Wahl der richtigen Schrifttype dabei helfen würden, verstanden zu werden. Das Unternehmen Monotype geht auf eine lange Tradition zurück. Heute spezialisiert es sich also auf digital einsetzbare Schrifttypen, für Smartphones, für die Unterhaltungsindustrie – zur Geschichte von Monotype gehört aber auch die Entwicklung eines Fonts wie Times New Roman, da schließt sich der Kreis. „Die Typographie der vergangenen zwanzig Jahre ist konservativ gewesen, mit einigen Retro-Elementen“, so hat es jetzt Tom Foley, leitender Schriftdesigner des Unternehmens, in einem Interview mit dem Branchenmagazin „Page“ erklärt. Verbrauchermarken neigen zu Serifen-Schriften Digitales Produktdesign neige in den Standards zu serifenlosen Schriften (also wie Calibri oder Aptos), Alltagsprodukte oder große Verbrauchermarken (Ikea, Netflix, Amazon) dagegen gestalteten ihr Design „sehr retro“: Sie nutzen Serifen-Schriften, „die auch in die 1970er- oder 1980er-Jahren gepasst hätten“, sagt Foley. Wenn man sich kurz das Logo der Fast-Food-Kette Burger King vor Augen hält, versteht man sofort, was er meint. „Typographie“, so beschließt es die Studie, „ist zu einem Mainstream-Mittel visueller Kommunikation geworden – sie wird erkannt, wertgeschätzt und bewertet.“ Und gerade für jüngere Generationen seien Fonts zu einer neuen Sprache geworden, um sich selbst auszudrücken. Wenn man diese Erkenntnis der Monotype-Studie zum Maßstab nimmt, dann wirkt die Entscheidung des amerikanischen Außenministers nicht mehr so, als würde da jemand einfach nur das Rad zurückdrehen wollen: Rubio kommuniziert damit zugleich in einem Medium, das gerade die Jüngeren entziffern können. „Fonts sind keine Dekoration – sie sind Strategie, Authentizität und Identität in Aktion“, heißt es in der Studie. Aber das gilt dann natürlich auch für eine inklusive Schriftart wie Calibri. Am Ende ist die Entscheidung für oder gegen einen Schrifttyp also – politisch.