FAZ 22.09.2026
08:50 Uhr

Generation z: Karriere? Ja, aber anders


Die Generation Z gilt oft als faul und wenig erfolgsorientiert. Dabei wollen viele junge Menschen durchaus aufsteigen und dabei gutes Geld verdienen. Drei von ihnen schildern, wie sie Karriere für sich definieren.

Generation z: Karriere? Ja, aber anders

Der Dienstwagen vor der Tür, eine Gehaltserhöhung nach der anderen und irgendwann das Eckbüro mit großem Fenster. Genau so sah eine erfolgreiche Karriere lange aus. Für die Generation Z scheinen solche klassischen Statussymbole an Bedeutung zu verlieren. Stattdessen zählen Dinge wie finanzielle Freiheit, flexible Arbeitszeiten und Freizeit immer mehr. Aber heißt das wirklich, dass junge Menschen keine Karriere mehr machen wollen? Oder haben sie einfach eine andere Vorstellung davon, was Erfolg bedeutet? Für Leon, Pablo und Franca lässt sich Erfolg nicht eindeutig bestimmen. Der eine studiert schon länger und arbeitet nebenbei. Der andere geht den klassischen Karriereweg. Die Dritte hat nach dem Studium bei einem großen Unternehmen gearbeitet und sich anschließend für einen ganz anderen Weg entschieden. Drei Lebensläufe und drei Antworten auf die Frage, was ein erfolgreiches Berufsleben heutzutage ausmacht. Schneller Aufstieg als Nebensache Bei Leon hat das augenscheinlich wenig mit einem möglichst schnellen Aufstieg zu tun. Der Wirtschaftsinformatikstudent ist im zehnten Semester und arbeitet neben dem Bachelorstudium als Werkstudent in einem Pharmaunternehmen. Mit dem endgültigen Einstieg ins Berufsleben lässt er sich aber Zeit. Möglichst schnell, möglichst erfolgreich werden ist für ihn nicht das Ziel. „Ein hohes Gehalt wäre natürlich etwas Tolles“, sagt der 24 Jahre alte Student. Aber nur, wenn es ihm im Umkehrschluss etwas anderes ermögliche: Freiheit. „Wenn ich ein hohes Gehalt habe, aber keine Freiheit, was bringt mir das?“ Irgendwann eine Führungsposition zu übernehmen, schließe er aber nicht zwingend aus. Dinge zu planen und zu koordinieren, mache ihm durchaus Spaß. Es müsste sich für ihn aber mit seinem Leben außerhalb der Arbeit gut vereinbaren lassen. Siebzig Stunden in der Woche für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter? Das wäre es Leon nicht wert. Er gönne es Menschen, die schon in jungen Jahren eine Führungsposition hätten und viel arbeiten, sagt er. Selbst wäre er „auf jeden Fall nicht gern“ in dieser Situation. Er habe in den vergangenen Jahren ein schönes Leben geführt und könne sich vorstellen, dass andere diese Zeit und manche Erinnerungen verpassten. Wenn er sich die meisten Unternehmen anschaut, empfindet er wenig Verpflichtung ihnen gegenüber. In Konzernen seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter letztlich austauschbar: „Da bekommst du vielleicht eine Kaffeetasse dafür, dass du zehn Jahre dort warst.“ Um wirklich Herzblut in seine Arbeit zu stecken, müsse er deshalb einen höheren Sinn darin erkennen. „Ich sehe ein Unternehmen eher als Mittel zum Zweck. Für mein eigenes Glück oder das meiner Familie.“ Mit 55 auf den Bauernhof Pablo hat zunächst ziemlich genau das gemacht, was man sich unter einem klassischen Karriereweg vorstellen könnte. Nach dem Bachelor in International Business mit Schwerpunkt Finance studierte der Fünfundzwanzigjährige, der wie Leon eigentlich anders heißt, im Master Finance und Investments. Heute arbeitet er für eine Unternehmensberatung. Ein Job, in dem er viel lernen und sich eine gute Basis für seine weitere Laufbahn aufbauen will. Zumindest in den ersten Jahren sei er dafür auch bereit, viel zu arbeiten. Und trotzdem sei die klassische Karriereleiter nicht das, worauf Pablo langfristig hinauswill. Auch wenn er sich eine Führungsposition im mittleren Management theoretisch vorstellen könne, sei es ihm persönlich nicht wichtig, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu führen. Auch eine Ein-Mann-Selbständigkeit könne er sich vorstellen, besonders weil sie ihm mehr Selbstbestimmung ermöglichen würde. Das Geld, das er heute verdient, verstehe er deswegen weniger als Statussymbol und mehr als Mittel zur Unabhängigkeit. Er investiere regelmäßig, den Großteil in börsengehandelte Fonds (ETFs). Das bedeute für ihn vor allem Sicherheit und die Möglichkeit, irgendwann nicht mehr arbeiten zu müssen: „Mein Traum ist es, mit 55 auf einem Bauernhof zu leben, ausgesorgt zu haben und das Leben in vollen Zügen zu genießen.“ Selbstverwirklichung als Teil des Erfolgs Franca Hakvoort kennt den klassischen Karriereweg genau. Nach ihrem Abitur studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und ging anschließend nahtlos zu Deloitte, einer der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Vorstellung, nur für ihren Job zu leben, habe sie schon damals begeistert: „Ich wollte wirklich ins Topmanagement. Ich hatte kein Problem damit, 80-Stunden-Wochen zu schieben“, sagt sie rückblickend. „Ich war wohl ein bisschen naiv.“ Auch wenn ihre Kollegen nett gewesen seien und sie gut verdiente, habe sie immer wieder denselben Satz im Kopf gehabt: „Es ist krass, wie viel man in einen Laptop reinarbeiten kann.“ Lange habe sie beruflichen Erfolg auch am Geld gemessen. Ein hohes Gehalt gehörte für sie bei der ganzen Arbeit deshalb „selbstverständlich“ dazu. Doch irgendwann reichte der Sechsundzwanzigjährigen das nicht mehr. Zu ihrer Definition von Erfolg sei etwas hinzugekommen: Selbstverwirklichung. Sie fragte sich: „Was möchte ich als Franca in dieser Welt hinterlassen, was jemand anderes nicht könnte?“ Aus diesem Gefühl heraus entschied sie sich während der Pandemie einen „riskanten“ Schritt zu gehen und sich an Schauspielschulen zu bewerben. Und es funktionierte: Im Jahr 2021 wird Franca angenommen und studiert von da an Schauspiel. Sie sei zwar weiter bereit, viel zu arbeiten, „aber nur für etwas, wo ich sage: Das finde ich cool, und damit erfülle ich meine Träume und Wünsche“. Achtzig Stunden in der Woche könne sie sich jetzt trotzdem nicht mehr vorstellen. Auch wenn ihr heutiger Job ebenfalls sehr viel Arbeit erfordere, helfe es ihr zu wissen, dass sie selbst Kern dieser Arbeit ist. Wichtiger sei ihr mittlerweile auch, Zeit für Familie, Freunde und Partnerschaft zu haben und „auch um sechs Uhr mal ein Bierchen trinken zu gehen“, wie sie sagt. Mittlerweile habe sie ihr Schauspielstudium abgeschlossen und bewerbe sich auf Jobs. Als ihre Familie ihr nahelegte, auch nach Stellen im Bereich BWL zu schauen, tat es Franca „körperlich weh“, sich auf diese Jobs zu bewerben. Sie dachte: „Ich will da nicht wieder hin. Für mich ist das einfach langweilig und sinnlos.“ Auch heute messe sie Erfolg immer noch über Geld, obwohl es in ihrem Beruf nun wohl um einiges schwieriger werden könnte, gut zu verdienen. Sorgen will Franca sich aber darum nicht machen: „Ich möchte nicht, dass die Zukunft mir nimmt, was ich mir für sie erhoffe.“ Auch früheren Generationen hafteten Etiketten an Besonders die Sinnhaftigkeit des Berufes hat, laut der Soziologin Friedericke Hardering, eine große Bedeutung für die Gen Z. Doch weder das noch die Klage über eine angeblich faule Generation sei ihr spezifisch zuzuordnen. Schon frühere Generationen bekamen ähnliche Etiketten verpasst. „Die Generation X wurde auch die Null-Bock-Generation genannt“, sagt Hardering, Professorin an der Hochschule Fulda. Das Muster sei dabei immer wieder das gleiche: Ältere Generationen kämen zu dem Schluss, dass die Jüngeren weniger arbeiten wollen. Für die Generation Z gebe es dafür allerdings keine wissenschaftlichen Beweise. Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) widerspricht dem Klischee sogar. Die Erwerbsquote der Zwanzig- bis Vierundzwanzigjährigen ist zwischen 2015 und 2025 um gute sieben Prozentpunkte auf knapp 77 Prozent gestiegen und damit auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten. Und auch der Wunsch nach einem höheren Sinn im Beruf ist laut Hardering nicht neu. „Es war immer wichtig, und es bleibt immer wichtig“, sagt die Soziologin. Der Sinn sei dabei jedoch etwas sehr Individuelles. Entscheidend sei, dass eine Tätigkeit für einen selbst Bedeutung hat. Heißt das, Unternehmen müssen ihren Mitarbeitenden einfach nur erfolgreich den höheren Sinn ihrer Arbeit vermitteln, und schon hat sich das Thema erledigt? Laut Hardering funktioniert das nicht so einfach. „Man kann eben Sinn nicht von oben geben“, sagt sie. Idealerweise würden Beschäftigte selbst die Verbindung zwischen ihrer Arbeit und einem größeren Ziel herstellen. Unternehmen sollten daher eher Bedingungen schaffen, unter denen Beschäftigte den Sinn selbst erfahren können. Finanzielle Sicherheit als Bedürfnis Nadja Dörflinger, Professorin für Soziologie an der TU Dortmund, beobachtet zugleich, dass sich die Anforderungen junger Menschen an Arbeit verändert haben. Neben Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten spielten heute auch Autonomie, Vereinbarkeit, Weiterentwicklung und Gesundheit eine größere Rolle. Eine aktuelle Befragung des Personaldienstleisters Manpower Group zeigt, wie widersprüchlich das Bild ist. Einerseits wollen 65 Prozent der Achtzehn- bis Achtundzwanzigjährigen beruflich möglichst weit aufsteigen, jeder Zweite möchte in einer Führungsposition landen. Gleichzeitig arbeiten jedoch 64 Prozent der Gen Z nach eigenen Angaben vorrangig, um ihre persönlichen Interessen und Hobbys zu finanzieren. Für viele junge Menschen scheint es also nicht darum zu gehen, das eine gegen das andere einzutauschen, sondern im besten Falle beides miteinander verbinden zu können. Das bedeute allerdings nicht, dass Geld unwichtig geworden sei. Im Gegenteil: Gerade angesichts von Inflation, steigenden Mieten und unsicherer Altersvorsorge bleibe finanzielle Sicherheit ein zentrales Bedürfnis. Sinn und Gehalt seien deshalb keine Gegensätze, sagt Dörflinger. Beides könne Teil der Vorstellung von guter Arbeit sein. Doch auch bei der Generation Z lasse sich nicht jeder über einen Kamm scheren, sagt Dörflinger. Leistung, Einkommen und Aufstieg seien vielen jungen Menschen weiter wichtig. Gleichzeitig würden sie diese Ziele häufiger mit der Frage verbinden, wie viel Raum der Beruf im eigenen Leben einnehmen darf. „Man fragt sich heute häufiger, ob man bereit ist, für diese Dinge einen gewissen Preis zu bezahlen.“