Es ist klirrend kalt an diesem Abend im Hof des ehemaligen Zisterzienserklosters Schöntal in Baden-Württemberg. Vor der barocken Fassade, neben der großen Eingangstreppe, beleuchten Scheinwerfer einen langen Teppich. Seine Farbe ist Cadenabbia-Türkis, die Farbe der CDU, und er führt auf zwei Pulte zu. Zwei Männer stehen dahinter, beide in schwarzen Winterjacken. Der ältere, Hendrik Wüst, ist Ministerpräsident, mit Ambitionen auf das Kanzleramt. Der jüngere, Manuel Hagel, ist Landesvorsitzender und will im März Ministerpräsident werden. Beide Männer entstammen der Nach-Merkel-Generation. Und beide wollen auch zur Nach-Merz Generation gehören. Heute aber ist Wüst nach Schöntal gekommen, um Hagel im Wahlkampf zu unterstützen. Was könne Hagel denn von ihm, dem erfolgreichen Ministerpräsidenten lernen, wird Wüst im Klosterhof gefragt. Der antwortet: „Er braucht von mir keine Tipps. Er macht das prima. Und öffentliche Tipps braucht er schon gar nicht.“ Wüst ist wie immer auf der Hut, er überlässt die Dinge ungern dem Zufall. Genauso wie Hagel, der über jeden Halbsatz die volle Kontrolle haben will. Der 37 Jahre alte Politiker korrigiert während seines Statements, als die LED-Leuchten der Fernsehteams angeschaltet sind, immer wieder seine Kopf- und Körperhaltung. Der gemeinsame Auftritt zu Beginn der Klausurtagung im Kloster Schöntal gehört zum perfekt durchchoreographierten Wahlkampf, bereits seit Sommer geplant. Seitdem die CDU im Jahr 2011 erstmals nach 58 Jahren die Macht in Baden-Württemberg verlor, ist für die Christdemokraten viel schiefgelaufen. Nun hat Hagel eine gute Chance, sie wieder zur stärksten Kraft werden zu lassen, und das hat zwei Gründe: Der bis weit ins bürgerliche Lager hinein beliebte Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen tritt nach drei Amtszeiten nicht mehr an. Und die Realo-Grünen im Südwesten leiden – unverschuldet – unter dem Ansehensverlust ihrer Partei durch das Scheitern der Ampelregierung. Hagels Niederlage wäre ein schlechter Jahresauftakt für Merz An der Macht zu sein, das ist das, was bis heute der Selbstwahrnehmung der baden-württembergischen CDU entspricht: Mit Ministerpräsidenten wie Lothar Späth, Erwin Teufel und Günther Oettinger war sie jahrzehntelang prägende Staatspartei. Seit 2016 ist sie zwar wieder an der Regierung beteiligt, doch nur als Juniorpartner der Grünen. Hagel sieht die Zeit gekommen, die Villa Reitzenstein zurückzuerobern, den Stuttgarter Amtssitz des Ministerpräsidenten. Ein Sieg im Südwesten würde auch die Bundes-CDU stabilisieren. Eine Niederlage wäre ein denkbar schlechter Jahresauftakt für Kanzler Friedrich Merz. Hagel macht allerdings noch immer seine vergleichsweise geringe Bekanntheit zu schaffen. Würde der Ministerpräsident direkt gewählt, läge laut Umfragen der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir von den Grünen klar vorn. Was Hagel also durchaus gebrauchen kann, ist die Unterstützung eines bundesweit bekannten Parteifreunds wie Wüst. Den hat er wegen seines Regierungsstils im Düsseldorfer schwarz-grünen Bündnis immer wieder als „Vorbild“ bezeichnet. Und das ist erstaunlich. Denn Hagel fährt einen scharfen Kurs gegen die Grünen. Eine Koalition ohne sie bezeichnet er als „höherrangige Alternative“. Die Partei sei dabei, nach links abzubiegen. „Die Grünen sind nicht wie Kretschmann“, warnt Hagel häufig. „Es geht darum, Tradition und Innovation zusammenzudenken. Genau das können die Grünen nicht.“ Wüst dagegen, der nach der Landtagswahl 2022 die erste schwarz-grüne Koalition in Nordrhein-Westfalen bildete, käme nie auf die Idee, „seinen“ Grünen rundheraus die Wirtschaftskompetenz abzusprechen. Im Gegenteil beherrschen er und seine grüne Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bei gemeinsamen Auftritten das harmonische Doppelpassspiel. Wie sonst nur der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther steht Wüst in der Union für jene, die Koalitionen mit den Grünen nicht als Auslaufmodell sehen, sondern als Gegenmodell zu Schwarz-Rot wie im Bund. Die Sozialdemokraten spielen kein Rolle mehr In der baden-württembergischen CDU dagegen gibt es viele, auch im Umfeld Hagels, die glauben, man müsse sich einfach von der konservativen Stimmungswende, den weltweiten konservativen Vibes, in die Staatskanzlei tragen lassen. Das Bündnis mit den Grünen würden sie deshalb gern zur Ausnahmeepisode machen. Das Problem ist, dass es in Baden-Württemberg nur noch zwei gewichtige Parteien der Mitte gibt: die CDU und die im Bundesvergleich schon seit Jahren starken Grünen. Die Sozialdemokraten dagegen sind im Südwesten schon lange keine Volkspartei mehr, sie stehen bei jämmerlichen acht Prozent. Und die Lage der FDP hat sich, seitdem sie bei der Bundestagswahl vor einem Jahr zum zweiten Mal an der Fünfprozenthürde scheiterte, auch in ihrem Stammland so verschlechtert, dass sie um den Wiedereinzug in den Landtag bangen muss. Obgleich die Option Schwarz-Gelb also unerreichbar ist, verspricht Hagel im Wahlkampf immer wieder einen „bürgerlichen Aufbruch“. Doch noch nicht einmal für ein auch Deutschlandkoalition genanntes Bündnis aus CDU, Sozialdemokraten und FDP geben die jüngeren Umfragen eine Mehrheit her. Hagel könnte die Grünen also als Juniorpartner noch brauchen. Hagel gehörte noch keinem Kabinett an. Er ist ein Blitzaufsteiger in seiner Partei. Vom Landesgeneralsekretär bis zum Ministerpräsidentenkandidaten brauchte er noch nicht einmal zehn Jahre. 2021 wurde er Fraktionschef, 2023 Landesvorsitzender, 2025 Spitzenkandidat. Er pflegt das Image eines traditions- und familienbewussten, katholischen, konservativen, jagd- und naturliebenden Oberschwaben mit bodenständiger Ausbildung zum Bankkaufmann. In seiner Partei, in der die Nachwuchskader zumeist Jura studiert haben, muss er deshalb bis heute um Anerkennung strampeln. Ein Witz, der in der Partei gerade kursiert, lautet: „Was ist der Unterschied zwischen Manuel Hagel und Helmut Kohl? Kohl rief selbst an, Hagel lässt anrufen.“ Hagels Team hat sich dazu entschieden, demonstrativ seine Wirtschaftskompetenz zu betonen, die Zweifel wegen seiner mangelnden Erfahrung kompensieren soll. Das Problem ist nur: Vieles, was er jetzt wirtschaftspolitisch fordert, hätte seine Partei schon längst machen können. Denn das Wirtschaftsressort wird seit zehn Jahren von einer CDU-Ministerin geführt. Mit Hendrik Wüst zusammen verkündet Hagel im Kloster Schöntal eine „Industrieallianz BW-NRW“ zur Stärkung der Chemie- und Pharmaindustrie in der Rheinschiene. Hagel sagt gern vorher zurechtgelegte Sätze, von denen er glaubt, dass sie später in Überschriften wieder auftauchen: „Ich will, dass Baden-Württemberg wieder zur Apotheke Europas wird.“ Hagel wird sich wohl deutlich rechts von Wüst aufstellen Viele Jahre lang konnte in der Südwest-CDU nur der etwas werden, der in einem ihrer beiden Lager eine Mehrheit hatte und dort Seilschaften pflegte. Entweder man war Traditionalist oder Wirtschaftsliberaler. Hagel suchte seinen eigenen Weg. Seine Machterwerbsmethode ist es, nie eine innerparteiliche Gruppierung so zu verprellen, dass sie ihm das auf ewig verübeln könnte. Hagel wollte parat stehen, wenn sich eine neue Generation formiert. Deshalb gehörte er – anders als viele seiner Parteifreunde im Südwesten – nicht zu denen, die eine Rückkehr von Friedrich Merz herbeisehnten. Zu alt, zu unbekannt bei den Jüngeren, lautete Hagels Einschätzung. In den vergangenen Wochen zählte er zu denen, die Merz deutlich vernehmbar kritisierten, beim Thema Rente schlug er sich auf die Seite der Jungen Union, aus der bis heute seine engsten Vertrauten und innerparteilichen Strippenzieher stammen. In der Diskussion über das Stadtbild rieb er sich an der Wortwahl des Bundeskanzlers. Sollte die CDU am Ende unter 30 Prozent bleiben, wird Hagel nicht lange nach Schuldigen in Berlin fahnden. Sollte er dauerhaft politischen Erfolg haben, wird er sich in der Union deutlich rechts von Wüst aufstellen, denn dort gibt es eine Lücke, und Hagel orientiert sich stets an dem, was gerade auf dem politischen Markt nachgefragt wird. Schon in seiner Zeit als Generalsekretär hatte Hagel immer vor Augen, dass er sich auch außerhalb seines Landesverbands Bündnispartner suchen muss, die in der Nach-Merkel-Zeit tonangebend sein würden. Einer der ersten Bündnispartner Hagels in der Bundes-CDU war der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der wie Wüst aus dem westlichen Münsterland stammt. Spahn und Hagel verbindet ein ausgeprägtes Machtbewusstsein und die Überzeugung, dass die CDU nach den Merkel-Jahren wieder konservativer werden müsse. Der in Berlin mit vielen Problemen kämpfende Fraktionsvorsitzende Spahn spielt im Wahlkampf jetzt aber kaum eine Rolle. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wüst dagegen ist an mehreren Tagen im Südwesten unterwegs, um für Hagel Wahlkampf zu machen. Oft an seiner Seite, manchmal auch allein, wie in Mulfingen. Ein Doppelherz für große und kleine Städte Das Interesse am Redner aus Düsseldorf, der zu den beliebtesten Politikern in Deutschland zählt, ist auch in dem 3600-Einwohner-Ort groß. Aus dem weiten Umland ist das Publikum angereist. Eine Blaskapelle hält es mit Stücken wie „Mein schönes Vaterland“ oder mit der Polka „Von Freund zu Freund“ bei Laune. Als Wüst die Halle betritt, spielt die Kapelle den „Erzherzog-Albrecht-Marsch“, und das Publikum erhebt sich. Wie sich die Zeiten ändern. Bis die baden-württembergische CDU bei der Landtagswahl 2011 ihre Macht verspielte, war sie der einflussreichste und selbstbewussteste Landesverband der CDU. Diese Rolle füllt heute die nordrhein-westfälische CDU aus. Seit seinem Amtsantritt arbeitet Wüst planvoll mit seinem Potential als Führungsreserve Nummer eins. Am deutlichsten wurde das im Frühjahr 2023, als er einen Gastbeitrag in der F.A.Z. mit der Kernbotschaft „Wir machen Politik mit dem Herzschlag der Mitte“ schrieb, Helmut Kohl und Angela Merkel für „eine Politik von Modernität, Mitte und Ausgleich“ lobte, aber den Namen Merz nicht einmal erwähnte. Das war als Angriff auf den CDU-Bundesvorsitzenden und als Versuch gedeutet worden, Wüst wolle sich in Stellung bringen. Wüst kostete sein Kandidatenpotential bis zum letzten Moment aus. Erst als Mitte September 2024 klar war, dass eine Einigung zwischen Merz und CSU-Chef Söder über die Kanzlerkandidatur der Union kurz bevorstehen würde und es also höchste Zeit für eine Selbsterklärung war, teilte er seinen Verzicht mit. Seine Rolle als Kronprinz des zwei Jahrzehnte älteren Merz muss Wüst nicht mehr betonen. Heute lobt er den Parteifreund bei vielen Gelegenheiten. Wie Hagel kommt Wüst aus einer ländlichen Region – was er in Mulfingen als rhetorische Begrüßungsverbeugung erwähnt. Im bevölkerungsreichsten Bundesland gebe es auch viele kleine Städte. Je die Hälfte der Menschen lebe in Ballungszentren und in kleinen Orten.„Deshalb muss ein nordrhein-westfälischer Ministerpräsident immer ein Doppelherz haben.“ Wüsts Abwege und Rückschläge Wüst wuchs in Rhede im Kreis Borken auf. Auch sein Lebenslauf liest sich auf den ersten Blick wie geplant: Mit 15 die örtliche Junge Union wiederbelebt – das war 1990 –, mit 20 im Stadtrat, mit 25 nordrhein-westfälischer JU-Chef, mit 28 Volljurist, mit 30 jüngster Landtagsabgeordneter, mit 31 Generalsekretär der CDU im Land, mit 42 Verkehrsminister, mit 46 Ministerpräsident. Aber die Aufzählung täuscht, es gab Abwege und Rückschläge. An ihr frühes Ende schien Wüsts politische Karriere gekommen zu sein, als er im Februar 2010 die Verantwortung für eine Sponsoringaffäre der nordrhein-westfälischen CDU übernehmen und vom Amt des Generalsekretärs zurücktreten musste. Sein langer Wiederaufstieg begann, als er drei Jahre später Landesvorsitzender der mächtigen CDU-Wirtschaftsvereinigung MIT wurde und bald wieder als Hoffnungsträger des konservativ-wirtschaftsliberalen CDU-Flügels galt. Doch wer als CDU-Politiker in Nordrhein-Westfalen Ministerpräsident werden will, muss beide Flügel der Partei einbinden. Wüst knüpfte deshalb frühzeitig feste Bande auch zum Arbeitnehmerflügel, dem CDA. Die letzte Volkspartei bundesrepublikanischer Prägung Vor bald 20 Jahren veröffentlichte Wüst mit dem damaligen CSU-Generalsekretär Markus Söder und anderen „jungen Wilden“ der Union ein Manifest für einen „modernen bürgerlichen Konservativismus“. Solche Töne sind schon lange nicht mehr von Wüst zu hören. Der Markenkern seiner Partei sei nie das Konservative, sondern immer das Christliche gewesen, sagte er vor ein paar Jahren. Wüst ist überzeugt, dass die CDU breit aufgestellt sein muss, dass sie ohne ihre Flügel nicht mehr das sein könnte, was sie ist: die letzte Volkspartei bundesrepublikanischer Prägung. Im Abgrenzungskampf gegen die erstarkende AfD wirbt Wüst in seiner Funktion als Chef des mit Abstand größten CDU-Landesverbands schon seit Langem für eine „Allianz der Mitte“, in der auch Bündnisse mit den Grünen möglich sein müssen. Als Hagels Wahlkampfhelfer hält sich Wüst deshalb mit allzu harscher Kritik an den Grünen zurück. Das Abstimmungsverhalten der Grünen im Europaparlament zum Freihandelsabkommen Mercosur kritisiert er in Mulfingen als „Verantwortungslosigkeit“ und „Fehlleistung“. In seiner Abschlusslaudatio auf Hagel, der ein „ganz bodenständiger Kerl“ sei, bereitet Wüst sein Publikum darauf vor, dass es am 8. März vielleicht nur zum Wechsel von Grün-Schwarz zu Schwarz-Grün kommen könnte, was Hagels Bewegungsspielräume, sich als neuer Konservativer aus dem Süden zu profilieren, einschränken dürfte. „Es macht einen Unterschied, wer die stärkste politische Kraft ist, wer in der Villa Reitzenstein sitzt, wer die Hauptverantwortung trägt und auch die Richtung vorgeben kann.“
