FAZ 19.09.2026
08:57 Uhr

General Breuer: „Daten sind das Schießpulver der Zukunft“


Generalinspekteur Carsten Breuer ist der ranghöchste Soldat der Bundeswehr. Seine Aufgabe ist es, die Streitkräfte wieder zu ertüchtigen. Den Vorwurf, dabei kaufe er die falschen Waffen, will er nicht auf sich sitzen lassen.

General Breuer: „Daten sind das Schießpulver der Zukunft“

Herr General Breuer, die Bundeswehr hat in den vergangenen vier Jahren für etwa 200 Milliarden Euro Waffen und Munition bestellt. Was von den Hubschraubern, Flugzeugen, Panzern und Fregatten ist inzwischen eingetroffen? Das, was wir bestellt haben, läuft jetzt zu. Das dauert – ja, auch mir dauert das noch zu lange. Wir kommen gerade aus einer Talsohle heraus, die nach jahrzehntelanger Unterfinanzierung entstanden und durch die Abgaben an die Ukraine noch einmal vertieft worden ist. Hinzu kommt, dass wir über Jahre hinweg bei Rüstungsvorhaben quasi im Manufakturbetrieb gearbeitet haben. Parallel zu unseren Bestellungen, die wir brauchen, muss nun die Industrie wieder wachsen. Deren Tempo kann mit unseren Aufträgen noch nicht Schritt halten. Wir brauchen aber bis 2029 einen raschen Aufwuchs und eine hohe Einsatzbereitschaft, um uns und unsere Bündnispartner gegen einen möglichen Angriff Russlands verteidigen zu können – und damit abzuschrecken. Wenn man bei der Industrie nachfragt, ist von einigen Haubitzen oder einem Dutzend Panzern pro Jahr die Rede. Russland fertigt derweil 100 Panzer pro Monat. Wir haben im Dezember den neuesten Panzer Leopard 2 A8 vorgestellt. Der wird nun geprüft und in das Heer eingeführt. Und zur Einführung gehört nicht nur das ausgelieferte Waffensystem, sondern auch entsprechend ausgebildetes Personal, logistische Versorgbarkeit und zum Beispiel eine Übungsinfrastruktur. Ab nächstem Jahr erwarten wir einen schrittweisen Zulauf von über 120 Panzern dieses Modells. Es sind also mehrere Dutzend unterwegs. Gleiches gilt beispielsweise für den Schweren Waffenträger Infanterie, von dem ebenfalls über 120 Stück gerade gefertigt werden. Die zukünftigen technischen und taktischen Ausbilder werden bereits geschult. Die ersten Vorserien-Fahrzeuge sind in der Erprobung, der Serienzulauf folgt jetzt. Und das nicht nur bei uns. Viele Fähigkeiten entwickeln wir gemeinsam mit unseren Bündnispartnern. Entscheidend ist am Ende der Gesamtbeitrag der NATO zur Fähigkeit „gepanzerter Kampf“, und da machen wir sowohl in Deutschland als auch in der NATO deutliche Fortschritte. Das Fregattenprojekt des Verteidigungsministeriums ist erstmal gescheitert, ebenso das deutsch-französisch-spanische Kampfflugzeug FCAS. Dabei wurden Milliarden verpulvert. Es sieht nicht aus, als ob es gut läuft, oder? Diese Rüstungsprojekte wurden weit vor dem Beginn des Ukrainekriegs in Auftrag gegeben; FCAS im Jahr 2017 und die F126-Fregatten in 2020. Das war damals richtig. Seit dem 24. Februar 2022 haben wir eine andere Lage. Russland hat den Krieg zurück nach Europa gebracht und bedroht unser Leben in Frieden und Freiheit. Wir haben in vielen Bereichen auf diese Bedrohung reagiert. Neben dem Aufwuchs der Bundeswehr haben wir uns auch strategisch neu ausgerichtet. Die wachsende Bedrohung durch Russland erfordert vor allem Geschwindigkeit beim Aufbau dringend benötigter Fähigkeiten zur Abschreckung und Verteidigung. Einige frühere Rüstungsprojekte haben wir abgebrochen: weil es eben nicht gut lief und zu lange gedauert hätte. Statt der Fregatte F126 haben wir nun die Mehrzweck-Schiffe bestellt, um rechtzeitig die nötigen Fähigkeiten zu bekommen. Für das Gesamtbild ist es auch richtig, auf die vielen Projekte zu schauen, bei denen jetzt gerade schon neue Ausrüstung in die Truppe kommt. Die Kosten für die Fortführung der abgebrochenen Projekte sind das eine. Andererseits ist das auch dem Faktor Zeit geschuldet. Entscheidend ist am Ende die Wirkung – und die erreiche ich nicht mit sich verzögernden Rüstungsprojekten. Wenn man aber Ihre eigenen Zeitvorgaben betrachtet – Stichwort Russlands Befähigung zum Angriff ab spätestens 2029 –, dann muss der langsame Aufbau doch besorgen, oder? Geschwindigkeit ist entscheidend, das stimmt. Und mit der jetzt kommenden Ausrüstung nehmen wir gerade mehr und mehr Fahrt auf. Wir verteidigen Europa aber nicht allein gegen die russischen Streitkräfte, sondern im NATO-Verbund. Die NATO plant und legt Fähigkeiten fest, die von den jeweiligen Partner-Nationen erbracht werden müssen. Mit unserer Militärstrategie haben wir darüber hinaus unsere eigene, unsere nationale Ambition formuliert, abgeleitet aus der Bedrohungslage und dem Kriegsbild der Zukunft. Das alles setzen wir in Pläne um, etwa unsere Verteidigungsaufstellung und unser Fähigkeitsprofil. Und so sind die neuen Leopard-Panzer ein wichtiger Beitrag zur Fähigkeit „gepanzerter Kampf“, die zu einer glaubwürdigen Abschreckung im Bündnis beitragen wird. Volkswirtschaftler und auch Unternehmen werfen Ihnen vor, Sie würden auf das falsche Material setzen. Das Verteidigungsministerium bestelle veraltete Technologien, sagt etwa der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick. Was sagen Sie dazu? Angesichts der finanziellen Ressourcen, die in die Modernisierung der Bundeswehr fließen, finde ich solche Diskussionen hilfreich und richtig. Sie ermahnen uns immer wieder, klug und fokussiert zu beschaffen, und sie tragen dazu bei, den Aufwuchs der Bundeswehr einer breiten Öffentlichkeit zu erläutern. Das tun wir. Bei der aktuellen Debatte sehe ich allerdings eine Fehlannahme. Es geht bei unserer Beschaffung nicht um die Alternative Kampfpanzer oder Drohne, das ist kein Entweder-Oder, sondern um beides: Kampfpanzer und Drohne, oder besser Panzer mit Drohne. Moderne Panzer sind heute weitaus mehr als 50 Tonnen Stahl: Sie bieten auf dem Gefechtsfeld neben der eigentlichen Waffenwirkung eine vernetzte Sensorplattform, die Drohnen steuert, Daten aufnimmt und verteilt. Kein System, das wir heute beschaffen, ist ohne unbemannte Elemente und ohne Künstliche Intelligenz denkbar. Daten sind das Schießpulver der Zukunft. Insoweit läuft die Kritik ins Leere, denn wir machen genau das: Wir investieren in neue Technologien, in zukunftsgerichtete Fähigkeiten. Sie können davon ausgehen, dass wir das immer wieder sorgfältig abwägen und ständig überprüfen. Das Innovationspotential eines Systems ist längst ein entscheidendes Kriterium für jede Beschaffung. Das haben wir auch so in unserem Fähigkeitsprofil abgebildet. Das ist dann immer die Grundlage für unsere Beschaffungen. Für Innovationen in der militärischen Auseinandersetzung gibt es in der Bundeswehr ein halbes Dutzend Ämter und Hunderte Dienstposten. Wieso kommen die Neuerungen, Gamechanger, dennoch fast immer aus der Ukraine und Russland und nicht aus dem Westen?  Was wir auf dem Schlachtfeld im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sehen, besitzt die Geschwindigkeit einer Rüstungsspirale, die von einem Kampf ums Überleben gesteuert wird. Der Krieg in der Ukraine ist sicherlich ein Innovationstreiber. Aber er ist keine Blaupause für uns. Er katalysiert und zeigt neue Richtungen auf. Diese nehmen wir auf und ziehen daraus unsere Schlüsse, mit Anpassungen und eigenen Innovationen. Uns gelingt es noch nicht, das Tempo der Ukraine bei technologischen Entwicklungen zu erreichen, wir sind aber auch nicht im Überlebenskampf wie die Ukraine. Wir sind aber dennoch deutlich schneller geworden. Wir haben etwa „Loitering Munition“, Kamikazedrohnen, innerhalb von acht Monaten erprobt, sodass wir diese zeitnah in die Truppe einführen können. Das ist eine enorme Beschleunigung bei Beschaffungen. Davon abgesehen kann ich nicht erkennen, dass es nur den einen Gamechanger gibt. Es ist immer die Verbindung der verschiedenen Fähigkeiten miteinander, deren Evolution den Unterschied macht. Deutschland ist in alltägliche Auseinandersetzungen mit Russland verwickelt, das uns mit Drohnen und Cyberattacken, mit Spionage und Sabotage, Auftragsmorden und politischen Hilfstruppen angreift. Wäre es aus militärischer Sicht an der Zeit, das nicht länger mit dem Begriff „hybrid“ zu verniedlichen? „Hybrid“ sollte nicht verniedlichen oder uns gar den Blick verstellen. „Hybrid“ ist ein Sammelbegriff für ganz verschiedene Angriffe auf unterschiedlichen Angriffsachsen. Entscheidend ist, dass diese Angriffe unterhalb des Zustandes liegen, den wir als Krieg bezeichnen; also unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Konfliktes. Wir denken in den Abstufungen Frieden, Krise, Krieg. Russland hingegen betrachtet diese Zustände als ein Kontinuum, innerhalb dessen es beliebig eskalieren und auch wieder deeskalieren kann. Dabei versucht Russland, unterhalb des Beistandsartikels 5 der NATO zu bleiben, der eine klare Antwort auf einen Angriff zur Folge hätte. Mit „hybrid“ bezeichnen wir die gezielte, meist verdeckte Anwendung militärischer und ziviler Mittel, kombiniert und koordiniert. Unsere Antwort darauf muss zweifach sein: Abschreckung durch militärische Stärke, aber eben auch durch Resilienz in Staat und Gesellschaft. Die aktuelle Lage verniedlicht das keineswegs. Allein der Anschlag auf den Leipziger Flughafen hat einem die neue Qualität des Bedrohungspotenzials sehr deutlich vor Augen geführt. Die Zuordnung, wer für diesen Angriff verantwortlich ist, hat die Bundesregierung sehr klar gemacht. Aber nennen wir nicht „hybrid“ das, worauf wir nicht antworten können oder wollen? Damit behält Russland die Eskalationsdominanz und verschiebt die Grenzen immer mehr.  Zunächst ist klar: Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis. Wir schrecken ab und das zeigen wir, indem wir uns verteidigen können. Abschreckung geschieht nicht durch Eskalation: Wir analysieren nüchtern. Wir reagieren auf die hybriden Angriffe Russlands besonnen, ohne eine Zuspitzung. Das würde Russland nur das liefern, was es für seine eigene Erzählung braucht. Das heißt aber nicht, dass wir Russland die Eskalationsdominanz überlassen. Angriffe müssen Folgen haben. Aber ich mahne zu Gelassenheit. Indem wir die Verantwortlichen klar benennen, Zugänge verwehren und künftige Konsequenzen verdeutlichen, agieren wir auch, allerdings ohne zu eskalieren. Die AfD-Chefin Alice Weidel hat im Bundestag gesagt, man müsse nur mit Russland über Frieden reden, dann könnten wir das Rüstungsgeld für Bildung und billiges Benzin ausgeben. Sahra Wagenknecht äußert sich ähnlich. Teilen Sie aus militärpolitischer Sicht diese Einschätzung? Würden wir das in der Ukraine sagen, würden die Leute darüber wohl verzweifelt den Kopf schütteln. Es gibt einen, der diesen Krieg sehr schnell beenden und zu einem Frieden in Europa zurückkehren kann – das ist Putin. Er hat das jetzt mehr als 1600 Tage lang nicht getan, trotz zahlreicher Initiativen. Ganz im Gegenteil: Seine Intention können wir aus seinen Äußerungen sehr klar erkennen. Wir sehen militärischen Aufwuchs in Russland, den Aufbau von Personal und Strukturen, die sich gegen Deutschland und Europa richten. Das ist für mich eine klare Bedrohung. Und der müssen wir etwas entgegensetzen – auch, um damit die Voraussetzungen für Gespräche zu schaffen. Blicken wir auf die Schattenflotte als ein Mittel zur Fortsetzung des Angriffskrieges. Deutschland, die EU und die NATO tun wenig gegen die  Schiffe, die unter dubioser Flagge russisches Öl transportieren, um die Sanktionen zu umgehen. Aus Angst vor der Eskalation? Das sehe ich nicht so. Mit dem maritimen Führungs- und Einsatzstab in Rostock haben wir ein wirkungsvolles Element zur Führung maritimer Operationen im Ostseeraum. Seit 2024 steht der Stab der NATO als maritimes Hauptquartier zur Verfügung. Hier geht es vor allem um ein umfassendes Lagebild in der Ostsee. Seit Anfang 2025 sind wir Teil der NATO-Aktivität „Baltic Sentry“. So sorgen wir zum Beispiel für den Schutz kritischer Unterwasser-Infrastruktur gegen hybride Angriffe. Deutschland trägt zusammen mit vielen anderen Nationen zu Aufklärung, Abschreckung, Schutz sowie zur Reaktionsfähigkeit mit konkreten Fähigkeiten bei. Wir sehen, dass diese Schiffe immer wieder von der russischen Marine begleitet werden – und auch hier müssen wir darauf achten, dass wir Russland nicht als Entschuldigung für eine weitere Eskalation dienen. Aber warum stoppen finnische oder schwedische Streitkräfte und auch die französische Marine solche Schiffe, Deutschland aber nie?  Unser Grundgesetz setzt dem Einsatz von Streitkräften klare Grenzen. Die Überwachung der deutschen Küstengewässer und das Durchsetzen von Gesetzen ist Aufgabe von Bundespolizei, Zoll oder der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung. Die Streitkräfte können im Rahmen ihrer Tätigkeiten und Fähigkeiten mit Informationen, einem klaren Lagebild oder durch Amtshilfe unterstützen. Dafür haben wir die nötigen Mittel und das tun wir. Deutschland investiert enorme Summen ins Militär. Anfangs war das in London, Paris oder Warschau mit Erleichterung gesehen worden. Inzwischen liest man auch von der Sorge, Deutschland könnte zu stark werden. Begegnet Ihnen solche Skepsis? Nein, diese Befürchtung wird mir von unseren internationalen Partnern ganz und gar nicht gespiegelt. Es überwiegt die Erleichterung und der klare Blick darauf, wie wir uns mit unseren Streitkräften verändern und mehr Verantwortung übernehmen – mit unseren Ressourcen, die wir verantwortungsvoll nutzen. Wir bieten verlässliche Partnerschaften für andere, um gemeinsam für eine stärkere NATO in Europa und damit für ein stärkeres Europa einzustehen. Wir leisten nach den USA den zweitgrößten Beitrag zur NATO-Verteidigung und bieten unsere Fähigkeiten als Anlehnungspartner für andere Nationen an. Das gilt vor allem, weil uns inzwischen klar ist, dass wir Europäer mehr für unsere eigene Sicherheit tun müssen.