Zu den Idealen moderner Gesellschaften zählen Gleichheit und Freiheit. Zum Beispiel der gleiche Zugang von Männern und Frauen zu Arbeitsmärkten. In Deutschland hat sich die Erwerbsquote von Männern und Frauen inzwischen weitgehend angeglichen. Die Erwartung der soziologischen Forschung war, diese Angleichung der Integration in die Erwerbstätigkeit würde auch die geschlechtlichen Unterschiede innerhalb der Arbeitswelt verringern oder irgendwann beseitigen. Je höher in einer Gesellschaft die Gleichstellung, desto geringer müssten die verbleibenden geschlechtsspezifischen Unterschiede werden. Gleichstellung bedeutet hier nicht nur den Abbau geschlechtsspezifischer Zugangsbeschränkungen zu bestimmten Berufen, sondern auch das Verschwinden entsprechender Hierarchien und Einkommensunterschiede. Müsste die Gleichheit nicht mit der Freiheit steigen? Bekanntlich haben sich diese Erwartungen bis heute nicht erfüllt. Was die Forschung aber viel mehr irritiert, ist eine andere Ungleichheit: Ausgerechnet in Gesellschaften, die in Sachen Gleichstellung besonders weit gekommen sind, zeigen sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern in verschiedenen Bereichen bisweilen noch ausgeprägter als in traditionelleren Gesellschaften. Man spricht vom „Gender-Equality-Paradox“. Was ist daran paradox? Wen man annimmt, dass Geschlechterunterschiede sozial bedingt sind, dann sollten sie verschwinden, wenn diese Bedingungen verschwinden. Wie gesagt: Die klassische Annahme der soziologischen Modernisierungstheorie ist, dass Gleichheit und Freiheit ein Paar sind. Etwa bei der Wahl eines Berufes: Die Erwartung war, geschlechterspezifische Berufsziele, also die „typischen Männer- und Frauenberufe“, würden verschwinden, wenn jeder in seiner Berufswahl ganz frei wäre. Längsschnitt statt Querschnitt Das ist aber nicht so: Es ist vielfach empirisch belegt, dass auch hier traditionelle Geschlechterrollen fortbestehen und sich manchmal sogar noch verstärken. So zeigen sich in den skandinavischen Ländern, in denen eigentlich eine fast vollständige Gleichstellung der Geschlechter erreicht ist, größere Unterschiede bei den Berufswünschen zwischen Jungen und Mädchen als in anderen europäischen Ländern. Dabei sollten sie doch eigentlich verschwinden. Forscher des Berliner Wissenschaftszentrums (WZB) vermuten hinter diesem angeblichen Paradox methodische Probleme. Sie haben Daten der PISA-Studie von 2006 und 2018 aus 26 europäischen Staaten analysiert, um herauszufinden, wie sich die Berufswünsche von Schülern im Zeitverlauf entwickelten. Ihre Untersuchung unterscheidet sich damit von der bisherigen Forschung zum „Gender-Equality-Paradox“ in einem entscheidenden Punkt: Bisher wurden dazu verschiedene Länder im Querschnitt verglichen, während das WZB-Team eine deutlich aufwendigere Längsschnittanalyse durchführte. Das Bleiben der horizontalen Segregation Die Befunde der Forscher zeigen tatsächlich ein anderes Bild: Trotz bestehender Unterschiede in den Berufswünschen der befragten Jugendlichen glichen sich diese im Durchschnitt an, auch wenn geschlechtsspezifische Muster in den Berufserwartungen weiterhin bestehen. Aber die Studie zeigt auch, dass sich die Berufswünsche von Mädchen unter dem Einfluss von Gleichstellung stärker in Richtung männerdominierter Berufe entwickelten, während Jungen eher in Berufe wollten, in denen bereits ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis besteht. Man könnte gegen diese Befunde einwenden, dass eine horizontale Segregation der Arbeitsmärkte – also genderspezifische Unterschiede in der Berufswahl – aus gesellschaftspolitischer Perspektive an sich noch kein Problem darstellen muss, solange sie nicht auch mit einer vertikalen Segregation einhergeht, nach der sich dann Frauen eher in den unteren Einkommensklassen befänden. Und das Fortbestehen horizontaler Unterschiede muss nicht zwangsläufig auf einem Fortbestehen von Zwängen beruhen. Frauen könnten typische Frauenberufe tatsächlich aus freien Stücken wählen, genauso wie Männer, selbst wenn das auf tatsächliche biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurückginge. Die Forscher weisen darauf hin, dass es ökonomische Gründe wie etwa die höhere Produktivität gemischter Teams in der Arbeitswelt gebe, die für eine solche Angleichung sprechen. Damit bringen sie eine ökonomische Norm ins Spiel, die aus betriebswirtschaftlicher Perspektive Sinn ergeben kann. Aber wäre die Erwartung, einer solchen Norm zu entsprechen, nicht auch eine Form der Freiheitsbeschränkung? Ihr nicht zu genügen, könnte man nicht weniger als einen Ausdruck von Selbstverwirklichung interpretieren.
