FAZ 29.11.2025
11:28 Uhr

Gender-Gap: Betrug in der Wissenschaft hat ein Geschlecht


Frauen sind seltener in Betrugsfälle verwickelt. Doch die Statistik sagt mehr über Macht und Positionen aus als über Moral.

Gender-Gap: Betrug in der Wissenschaft hat ein Geschlecht

Forscher haben ein neues „Gap“ entdeckt. Es hat nichts mit Bahnsteigkanten zu tun, dafür mit Unterschieden zwischen Mann und Frau. Die werden erfasst als Gender-Pay-Gap, wenn’s um ungleichen Lohn für gleiche Arbeit geht, Gender-Education-Gap bei der Bildung oder gar Gender-Climate-Gap, welches die unterschiedlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Geschlechter ausdrückt. Jetzt kommt das Gender-Fraud-Gap – „Fraud“ wie Betrug. Diese Diskrepanz tritt in der Wissenschaft zutage. Dort werden Studien, die sich nachträglich als den strengen Standards nicht gewachsen erweisen, zurückgezogen – sozusagen aus den Annalen getilgt. Wie eine Analyse von 65.000 zurückgezogenen Arbeiten zeigt, haben Männer in dieser unerfreulichen Kategorie die Nase vorn. Während bei rund 40 Prozent aller wissenschaftlicher Studien Frauen die Erstautoren sind, liegt ihr Anteil an zurückgezogenen Veröffentlichungen lediglich bei 26 Prozent. Forschung von Frauen wird also seltener zurückgezogen. Bei Fällen von bewusstem Betrug und Fehlverhalten sind die Frauen noch stärker unterrepräsentiert, ist im Fachblatt „Science Editor“ nachzulesen. Wird Ehrlichkeit durch Ungerechtigkeiten erzwungen? Die Frau, das ehrliche Geschlecht? Die Studienautoren (übrigens zwei Frauen und ein Mann, was das Risiko eines baldigen Zurückziehens ihrer Studie senkt) ziehen diese Möglichkeit in Betracht. Würde man die Barrieren einreißen, die Frauen den Aufstieg erschweren, so könnte das angesichts der weiblichen Ehrlichkeit die Integrität der Wissenschaft stärken, vermuten sie. Damit lassen sie aber zwei Gedanken außer Acht. Vielleicht verleitet gerade die Machtposition, die in vielen Disziplinen noch hauptsächlich von männlichen Forschern eingenommen wird, zum Betrug – oder verleiht zumindest das nötige Selbstbewusstsein, zu glauben, nicht erwischt zu werden. Warum sollte es Frauen da anders ergehen? Das würde bedeuten, dass Frauen sich in der derzeit von Männern dominierten Welt der Wissenschaft besonders anstrengen müssen und daher korrekter arbeiten. Ihre Ehrlichkeit wäre durch Ungerechtigkeiten erzwungen. Der zweite Gedanke: Vielleicht hängt es an den Disziplinen. Kann doch sein, dass Betrug in weiblich dominierten Fachgebieten schlichtweg weniger verbreitet ist. Das legen frühere Studien zu Mogeleien im Studium nahe: Die schienen bei Männern ebenfalls verbreiteter zu sein, bis man auf die Fachrichtungen schaute. Da zeigte sich: Maschinenbaustudentinnen mogeln ebenso oft wie Maschinenbaustudenten. Am Ende ist die Sache womöglich auch ganz anders. Denn in die Statistik gehen nur Betrügereien ein, die aufgeflogen sind. Gut möglich, dass Frauen sich einfach seltener erwischen lassen.