Geldpolitik braucht Zeit. Ihre volle Wirkung entfaltet sie oftmals erst nach einem Jahr oder sogar noch später. Dennoch neigen Zentralbanken unter dem Druck der aktuellen Nachrichtenlage immer wieder dazu, ihre Politik mehr an den jüngsten Ausschlägen der Inflation statt am mittelfristigen Ausblick für die Preisstabilität auszurichten. In ihren mehr als 25 Jahren hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Sache insgesamt recht gut gemacht. Jetzt wächst allerdings die Gefahr, dass sie ihren gelegentlichen Fehlern der Vergangenheit (zu hohe Zinsen 2008 und 2011, eine viel zu lockere Politik 2021) einen weiteren Fehler folgen lassen wird. Steigende Energiepreise Denn nach ihrer letzten Sitzung am 30. April hat die EZB angedeutet, dass sie im Juni voraussichtlich ihre Zinsen anheben wird, sofern sich bis dahin keine Entspannung an den Energiemärkten abzeichnet. Den unmittelbaren Anstieg der Energiepreise und deren direkte Folgen für Transportkosten sowie für Kunstdünger und Nahrungsmittel könnte die EZB damit jedoch nicht verhindern. Stattdessen könnte sie die Eurozone in eine unnötige Rezession stürzen. Die EZB befürchtet offenbar, dass der Energiepreisschock sogenannte Zweitrundeneffekte auslösen könnte, etwa in Form wesentlich höherer Löhne. Damit würde aus dem einmaligen Preisschub ein länger anhaltendes Inflationsproblem. Anders als im Wiederaufschwung nach der Pandemie mit aufgestauter Nachfrage und einem durch gestörte Lieferketten erheblich eingeschränkten Angebot in den Jahren 2021 und 2022 ist dieses Risiko jetzt allerdings nicht allzu ausgeprägt. Der Irankrieg und seine Folgen treffen die Konjunktur hart. Der Einbruch des Geschäftsklimas und des Verbrauchervertrauens im April deutet schon jetzt auf eine Stagnation hin. Bei schwacher Konjunktur und steigender Arbeitslosigkeit werden Arbeitnehmer kaum überhöhte Lohnforderungen durchsetzen können. Auch Unternehmen werden nicht alle Zusatzkosten auf ihre Kunden überwälzen können. Inflation wird voraussichtlich zurückgehen Der verhaltene Zuwachs der Geldmenge M3 und des Kreditvolumens um jeweils gut drei Prozent gegenüber dem Vorjahr spricht ebenfalls dafür, dass der kurzfristige Energiepreisschub kein allzu großes mittelfristiges Inflationsproblem auslösen wird. Der Geldmantel lässt dafür nicht genügend Platz. Nach dem Auslaufen des Energiepreisschocks wird die Inflation deshalb auch ohne Zutun der EZB im Laufe des kommenden Jahres wahrscheinlich wieder auf zwei Prozent oder leicht darunter zurückgehen. Ein einmaliges Straffen der Zinspolitik um 0,25 Prozentpunkte im Juni könnte die Wirtschaft möglicherweise noch mit überschaubaren Schäden überstehen. Eine noch aggressivere Zinspolitik könnte hingegen eine Rezession auslösen, es sei denn, ein überraschend schneller Rückgang der Energiepreise bewahrt die Eurozone vor diesem Rückschlag. Eine rückläufige Wirtschaftsleistung würde den künftigen Lohn- und Preisanstieg weiter dämpfen. Nach einem unnötigen Straffen der Geldpolitik in diesem Jahr würde die EZB dann 2027 ihre Leitzinsen vermutlich wieder senken müssen. Im Ergebnis hätte die EZB sowohl der Wirtschaft als auch ihrer eigenen Glaubwürdigkeit geschadet. Um dies zu vermeiden, sollte sie vorerst lieber bei einer Politik der ruhigen Hand bleiben. Holger Schmieding ist Chefvolkswirt bei Berenberg.
