FAZ 30.12.2025
12:51 Uhr

Geldanlage: Fünf Tipps für Ihr Depot im Jahr 2026


Wie entwickelt sich die Weltwirtschaft? Wo entstehen für Anleger Risiken und Chancen? Sicher ist, die Welt ist komplexer geworden, Anleger müssen 2026 deshalb vor allem eines: genau hinschauen.

Geldanlage: Fünf Tipps für Ihr Depot im Jahr 2026

Die Weltwirtschaft als Kartenspiel? Jahr für Jahr wählt die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Gertrud Traud, für ihren Kapitalmarktausblick eine Metaphorik, in die sie ihre Prognosen einbettet. Dass sie sich für den Ausblick auf 2026 für das Kartenspiel entschieden hat, hat gute Gründe. Denn früher, schreibt die Wirtschaftsexpertin, habe man stets den Eindruck gehabt, dass die Akteure der Weltwirtschaft immer mit denselben Karten spielten, jeder habe die Regeln gekannt, die Rollen seien fest verteilt gewesen. Doch derzeit würden die Karten neu gemischt und verteilt, mahnt Traud, die Regularien veränderten sich permanent, sogar während des Spiels – und das sorge für Verunsicherung unter allen Marktteilnehmern. Gertrud Traud steht mit dieser Einschätzung nicht allein da. Insgesamt prophezeien zwar viele Experten am Finanzplatz Frankfurt, dass 2026 kein schlechtes Börsenjahr werden dürfte, aber Anleger, darin sind sich die meisten Beobachter einig, müssen auf der Hut sein, Risiken kalkulieren, die Märkte genau im Blick behalten. Man rechne für 2026 zwar mit einer insgesamt robusten Entwicklung der Weltwirtschaft, sagt Christian Nolting, Chefanlagestratege der Privatkundenbank bei der Deutschen Bank. „Dennoch bleibt die Vielzahl existierender und potentieller Krisen und Konflikte eine Herausforderung für Anleger.“ Auch Tobias Schmidt, Leiter Portfoliomanagement bei der Union Investment, sieht das Kapitalmarktjahr 2026 unter gemischten Vorzeichen stehen. Zwar bleibe die Welt im Umbruch, und es gebe Unsicherheiten, doch zeigten die Märkte Gewöhnungseffekte, wie sie mit diesen Faktoren umgingen. Deshalb prognostiziert Schmidt, dass es an den Märkten besser weitergehen dürfte als allgemein erwartet. Insgesamt sind Kapitalmarktausblicke, in denen fast alle Finanzhäuser zum Jahresende ihre Einschätzungen veröffentlichen, mit Vorsicht zu genießen – und Anleger sollten nicht jeder Strategie sofort nacheifern. Andererseits lassen sich beim Studium mehrerer Analysen auch Trends erkennen, die durchaus bei der Überprüfung des eigenen Portfolios berücksichtigt werden könnten. Fünf Tipps für 2026: 1. KI bleibt attraktiv, aber Anleger müssen genau hinschauen Künstliche Intelligenz bleibt ein starker Wachstumstreiber, in den vor allem in den USA und in China weiter stark investiert wird und der auch für Anleger attraktiv ist. „KI ist ein Gamechanger und wird auch 2026 ein strukturelles Wachstumsthema bleiben“, sagt Christian Nolting. Allerdings gilt die KI-Empfehlung nicht uneingeschränkt. So könnten Überinvestitionen und Stromengpässe die Erwartungen dämpfen. Kapitalmarktstratege Carsten Roemheld vom globalen Fondsmanager Fidelity mit Sitz im hessischen Kronberg mahnt, die KI-Welt sei komplex geworden und deshalb kein einfaches Terrain für Anleger. Von einer Blase zu sprechen, das geht für Roemheld zu weit, „aber ich denke, dass wir vereinzelt eine Übertreibung bei der Bewertung von Unternehmen haben“, sagte er bei einer Veranstaltung der Frankfurter Volksbank im Dezember. In seinen Augen ist es derzeit kaum zu sagen, ob die Rally bei KI-Werten auch 2026 unvermindert weitergehe oder es zu einer Korrektur kommen könnte. „Anleger müssen genau hinschauen, wo das Wachstum gebremst werden könnte, und sich insgesamt bei Künstlicher Intelligenz breit aufstellen“, rät er. 2026 könnten weiter Ausrüster und Chiphersteller profitieren, aber schrittweise gebe es auch Chancen bei denen, die KI für neue Anwendungen und Geschäftsmodelle nutzten, „davon sind wir aber noch ein Stück weit entfernt“. Auch Tobias Schmidt von Union Investment rechnet damit, dass sich das zu erwartende Gewinnwachstum bei KI-Werten besser ausbalanciere. Die Titelselektion sei entscheidend: Während laut Schmidt Teile der Softwarebranche durch KI aufgemischt würden, könne KI, etwa auf dem Feld Automatisierung, Chancen bieten, auch der daraus resultierende steigende Energiebedarf bleibe ein spannendes Anlagethema. 2. Eine US-Dominanz im Portfolio sollte kritisch hinterfragt werden In den vergangenen Jahren sind viele Anleger mit US-Werten sehr gut gefahren, doch nun könnte es klug sein, die etwaige Dominanz von US-Werten in den Portfolios kritisch in Augenschein zu nehmen und hier kein zu großes Klumpenrisiko entstehen zu lassen. Fidelity-Fachmann Roemheld sagt, in den vergangenen zwanzig Jahren hätten US-Märkte deutlich outperformt und das Geschehen an den Kapitalmärkten bestimmt. Doch nun werden die Rahmenbedingungen am wichtigsten Finanzplatz der Welt durch die erratische Politik von US-Präsident Donald Trump unberechenbarer, und diese Unsicherheit ist für Anleger in der Regel ein Alarmsignal. Doch wenn in den USA Fragezeichen entstehen, etwa mit Blick auf die künftige Handels- und Zinspolitik, könnten daraus Chancen an anderen Standorten entstehen, allen voran in Asien, weil sich Exporte, die bisher in die USA geliefert werden sollten, auf dem Kontinent neue Wege suchen könnten. „Anleger sollten das Übergewicht von US-Werten, sofern es besteht, tendenziell reduzieren“, sagt Roemheld. In großen Indizes haben US-Papiere einen hohen Anteil, im MSCI World etwa sind sie mit gut 70 Prozent vertreten, eine Gewichtung von maximal 50 Prozent halten Experten derzeit für gesünder. 3. Europa könnte Chancen bieten Auch Europa könnte dabei eine Rolle spielen. Im ersten Moment, sagt Roemheld, spreche vielleicht wenig für den Kontinent als Investitionsziel. Für das Anlagejahr 2026 jedoch mehren sich die Argumente, Europa zumindest wieder stärker in den Blick zu nehmen – nicht als neuer Wachstumschampion, sondern als stabilen Baustein in einem riskanter gewordenen globalen Umfeld. Nach Jahren schwacher Konjunktur sehen Experten 2026 vor allem für Deutschland positive Tendenzen, getragen von steigenden Staatsausgaben. „Davon profitieren auch die anderen EU-Länder“, prophezeit Juliane Barthold von Metzler Capital Markets. Ein Argument für europäische Aktien liegt in ihrer Bewertung. Während viele US-Titel – vor allem aus dem Technologiesektor – hoch bewertet sind, finden sich bei europäischen Unternehmen bei genauer Betrachtung eher Titel, die noch attraktives Wachstumspotential besitzen. Carsten Roemheld lenkt deshalb den Blick auf dividendenorientierte Aktien mit bewährten Geschäftsmodellen. Sie böten „Substanz und Stabilität“, gerade in unsicheren Marktphasen. Laut einer Analyse der Deka-Bank sind zum Beispiel im Dax 2026 hohe Ausschüttungen zu erwarten, „die Dividendenzahlungen der Dax-Unternehmen bleiben auf einem historisch hohen Niveau“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Wertpapiergesellschaft der Sparkassen. So seien Dax-Unternehmen verlässliche Dividendenzahler und lieferten solide Erträge. 4. Value schlägt extremes Growth – vor allem außerhalb der USA Ein weiterer Pluspunkt für europäische Aktien: Der Aktienmarkt des Kontinents ist weniger von großen Technologiekonzernen dominiert. Wachstum entsteht hier häufiger durch mittelständische Unternehmen. Sinkende Zinsen und staatliche Investitionen kommen insbesondere Small und Mid Caps zugute, „hier könnten die Investitionen dank niedriger Zinsen und staatlicher Konjunkturimpulse zunehmen“, sagt Carsten Roemheld. Wenn Bewertung und Ertragskraft 2026 wichtiger werden als große Zukunftsversprechen, könnten davon europäische Value-Titel profitieren, die lange im Schatten der US-Growth-Aktien standen. Europa gilt dabei zwar nicht als Renditewunder, aber als Baustein zur Risikostreuung. Gerade in globalen Portfolios, die stark auf die USA ausgerichtet sind, kann Fachleuten zufolge eine stärkere europäische Gewichtung dabei helfen, Klumpenrisiken zu reduzieren. 5. Alternative Anlagen werden vom Extra zur Notwendigkeit Lange galten alternative Anlagen als Kür für vermögende Privatanleger oder institutionelle Investoren. Für das Anlagejahr 2026 verschiebt sich diese Sichtweise. So reagieren Aktien und Anleihen zunehmend parallel auf politische Entscheidungen, Inflationssorgen oder geopolitische Krisen. „Für ein robustes Portfolio sind alternative Anlagen nicht mehr nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit“, sagt der Chefanlagestratege Deutschland für Privatkunden der Deutschen Bank, Ulrich Stephan, und verweist vor allem auf Investitionen in Infrastruktur, Private Equity und Private Credit. Entscheidend sei „nicht die Maximierung der Rendite, sondern die intelligente Steuerung des Gesamtrisikos“. Allerdings erhöhen alternative Anlagen auch die Anforderungen an Anleger. Sie sind oft komplexer strukturiert und erfordern längere Anlagehorizonte. Gerade deshalb eignen sich diese Anlagen weniger für kurzfristige Renditeerwartungen, sondern als stabilisierende Bausteine im Portfolio. Eine Sonderrolle nimmt Gold ein. Die Deutsche Bank rechnet für 2026 mit weiterem Aufwärtspotential beim Goldpreis, getragen von einer starken Nachfrage der Zentralbanken. Gertrud Traud schreibt im Kapitalmarktausblick der Helaba, dass reale Werte wie Gold in Phasen geopolitischer Unsicherheit und steigender Staatsverschuldung an Bedeutung gewinnen. Nicht als Spekulationsobjekt, sondern als stabilisierendes Element. Für Anleger bedeutet das: Alternative Anlagen und Gold ersetzen klassische Investments nicht, sondern ergänzen sie. Wer 2026 ausschließlich auf Aktien und Anleihen setzt, macht sein Portfolio anfälliger für politische und makroökonomische Überraschungen. Wer hingegen bewusst streut, erhöht die Widerstandskraft. So unterschiedlich die Einschätzungen zu einzelnen Regionen und Anlageklassen ausfallen, beim Blick auf die Kapitalmärkte herrscht in einem Punkt Einigkeit: In einem komplexen Umfeld werden das aktive Management von Risiken, eine breite Diversifikation und das gezielte Investieren über klassische Anlageklassen hinaus entscheidend sein.