Über manche Gegenden wird so viel Wunderbares erzählt, dass man sich fast nicht traut hinzufahren. Das Vale do Capão in der Chapada Diamantina im brasilianischen Nordoststaat Bahia soll einer dieser magischen Orte sein. Mit einer ganz besonderen Energie, die Menschen anzieht. Flüsse strömen durch eine karge Ebene, aus der sich schroffe Felsen erheben. Vor allem zu Fuß sollen sich die Stromschnellen und meterhohen Kaskaden gut entdecken lassen, die dazwischen zum Baden einladen. Insgesamt ist die auf tausend Höhenmetern gelegene Landschaft der Chapada mehr als 1500 Quadratkilometer groß. Erste Wege zur Erkenntnis Im zehn Kilometer langen Tal Vale do Capão und darum herum leben aber kaum mehr als 3000 Menschen. Die meisten lieben Kultur und Kunst und ein einfaches Leben, fernab von kapitalistischer Hektik, so schwärmen Bekannte, die selbst dort gelebt haben. Eine erklärt: „Ich bin weggezogen, weil ich sonst nichts mehr gemacht hätte, einfach den Rest meines Lebens unter einem Wasserfall sitzen geblieben wäre.“ Die erste Erkenntnis auf dem Weg ins Capão: Wirklich abgeschieden ist es nicht mehr. Seit einigen Monaten verbinden 23 Kilometer blanke Asphaltstraße das Tal mit dem Kreisstädtchen Palmeiras. Das ist das Ende der Magie, sagen viele, jetzt kommen die Horden aus der Großstadt am Wochenende, jetzt wird gebaut wie wild. Drei neue Baumärkte haben schon eröffnet. Für Neuankömmlinge sieht der von blühenden Flamboyants beschattete Dorfplatz am Ende der Straße immer noch idyllisch aus. Auf dem Sonntagsmarkt bieten Kleinbauern Biolebensmittel an, andere Händler breiten Kleidung, Schuhe und Tontöpfe zum Verkauf aus. Aber vor allem ist der Markt Treffpunkt für alle: Bauern, zugezogene Hippies, Touristen. Einige tragen Gesichtstätowierungen, manche gehen barfuß, andere kleiden sich in kaftanähnliche Gewänder, lassen ihre Haare in Rastamanier bis zur Hüfte wachsen oder flechten sie in unzählige Zöpfe. Es duftet nach Marihuana und Räucherstäbchen, ein Grüppchen trommelt und singt einen Samba. Wie aus der Welt gefallen wirkt dieser Markt in Zeiten von globalen Konflikten und Klimakatastrophe, angesichts des Vormarschs von Künstlicher Intelligenz und totaler digitaler Konnektivität. Letztere hat es ins Vale do Capão noch gar nicht geschafft: Es gibt weder Telefonnetz noch mobile Daten, nur WLAN in Häusern und Geschäften. Das liegt an den Bergen, die im Hintergrund so majestätisch in den knallblauen Himmel wachsen, als könnten sie auch auf Dauer den Fortschritt aufhalten. Noch sind die meisten Häuschen im Dorfzentrum ebenerdig, doch vereinzelt erheben sich schon palastartige Residenzen dazwischen. Morgens auf dem Markt sind nur wenige Touristen, erkennbar an ihrer neuen Kleidung. Die Hippies überwiegen in ihren phantasievollen Gewändern. Sie kommen aus Argentinien, Chile, Frankreich und dem Kongo und verkaufen Secondhandklamotten, Schmuck und Kunsthandwerk, als seien die Sechzigerjahre nicht längst vorbei. Bruno aus Bahia trägt einen Zweig Arrudakraut hinterm Ohr und verkauft Ledertaschen. Auf einer prangt der präparierte Kopf einer Wildkatze: „Die habe ich überfahren am Straßenrand gefunden“, erklärt der Indigene, der vor acht Jahren zu Besuch gekommen und nie wieder abgereist ist. „Hier stecken so viele Mineralien und Kristalle in den Felsen, dadurch steigen Gefühle an die Oberfläche, die du sonst nicht spüren würdest. Hier ist alles besonders intensiv.“ Früher seien die Besucher deswegen gekommen. Heute kämen sie wegen der Selfies vor den Wasserfällen. „Die neue Straße hilft, wenn alte Menschen zum Arzt müssen“, urteilt Bruno aber auch. „Und natürlich verdiene ich mehr, wenn viele Touristen unterwegs sind. Aber jetzt fängt an, überall Müll herumzuliegen, und letztens war es am Fluss zum Sonnenuntergang so voll, dass nicht alle sitzen konnten.“ Es regnet Bonbons Der Platz leert sich derweil, und am Rand versammeln sich ein paar Menschen in einem Rund zum afrobrasilianischen Kampftanz Capoeira. Da hier alles drei Takte langsamer geht als anderswo, gerät sogar die Capoeira nahezu meditativ. Ein angenehmes Nichts-ist-wirklich-wichtig-Gefühl stellt sich ein. Hungrigen schöpft eine grauhaarige Dame zu bescheidenen Preisen aus riesigen Töpfen Fisch- oder Bohneneintopf auf Glasteller. Sie werden nach dem Essen zurückgebracht, es kennt ohnehin jeder jeden. Abends spielt eine Blaskapelle auf der Hauptgasse ein wenig schief eine Hymne für die Schutzheilige des Ortes, und es regnet Bonbons für die Kinder. Der alte Brauch trifft bald auf reichlich Touristen, die von ihren Wanderungen zurück sind. Ihre Autos verstopfen die Straßen, bis es weder vorwärts- noch zurückgeht. Niemand regt sich auf. Noch gibt es keine Revolte gegen den Besucherüberfluss: Restaurants und Shops gehören überwiegend Einheimischen, denen mehr Besucher mehr Einnahmen bringen. Der Fortschritt ist so schnell gegangen, dass eventuelle Nachteile noch nicht allen bewusst sind. „Vor 15 Jahren konntest du hier ohne weiteres ein Grundstück gegen ein Motorrad eintauschen“, sagt der 21 Jahre alte João Pedro Pascoli, der im Dorf geboren ist und als Wanderführer arbeitet. „Jetzt sind Grundstücke rar, und mit der neuen Straße müssen wir wohl bald ein Besucherlimit für den berühmtesten Wasserfall Cachoeira da Fumaça einführen. Sonst treten sich da im Sommer die Massen auf die Füße.“ Früh am nächsten Morgen sind kaum Wanderer auf dem Pfad zum „Fumaça“ zu sehen. Die Füße von versklavten Arbeitern haben diesen Pfad vor hundert Jahren in den Sandstein getreten, als sie die Berge nach Diamantminen durchsuchten. Als um 1940 die Diamantvorkommen abebbten, führten ein paar Jahrzehnte lang Bauern ihre Kühe im Sommer hoch auf die Almwiesen. Der Weg ist so steil, dass unvermittelt der Schweiß rinnt, das Herz rast, der Atem schwer wird. Die Landschaft wirkt urzeitlich. In dieser zerklüfteten schroffen Welt krallen sich zarte Tillandsien und blühende Orchideen an staubigen Büschen am Wegrand fest. Irgendwann geht es auf der Hochebene weiter über lange nicht mehr abgeweidete Wiesen – es gibt keine Viehbauern mehr im Capão. Schwindelerregung inklusive Bald sprüht der Wind zarte Tropfen des Wasserfalls auf den heißen Kopf. Der „Fumaça“ ist kein Wasserfall zum Baden, sondern zum Anschauen. Für Mutige. Um den schwindelerregenden Blick auf die 380 Meter Sturzhöhe zu wagen, muss man auf dem Bauch bis zu einer überhängenden Felsnase vorwärtsrobben. Die Kraft von Mineralien und Kristallen, von der Bruno gesprochen hat, lässt sich am Folgetag eher am Rio Preto erahnen. In Millionen von Jahren hat fließendes Wasser die Steine glatt poliert wie Marmor. Felsen, Wasser, Himmel, Wald, mehr ist hier nicht. Pastellfarbene Flechten malen Muster auf die Felsen. Der Wind säuselt in den Bäumen. Das Wasser scheint sich glucksend über die Kleinheit menschlicher Sorgen zu amüsieren. Die Kraft des über die Felsen stürzenden Wassers breitet sich im eigenen Körper aus wie die Wärme des glatten Steins. Unbemerkt verfließen Stunden in der Betrachtung von Felsformationen, filigraner Orchideen und befiederter Kakteen. Nach ein paar Tagen sind die ersten Menschen vertraut, der sehnige Junge mit den Rastalocken, der im Laufschritt zu den Wasserfällen sprintet, badet und gleich wieder verschwindet. Die lila Dame, die nur Pink, Violett und Lavendel trägt, der Rothaarige in Sandalen, der wie entrückt durch die Gegend schreitet. Einer, der sich als Seu Formiga vorstellt, erzählt von der Zeit der letzten Diamantensucher. Wie er und andere Jungs mit den erfahrenen Männern in den Bergen kampiert haben, in der Hoffnung auf den großen Gewinn. Ein anderer, Santinho, gießt liebevoll die Heilpflanzen im Gemeinschaftsgarten und berichtet, wie er erspürt, was den Menschen fehlt und welche Pflanze ihnen helfen kann. Ein Emmanuel erinnert sich, wie er eine alternative Gemeinschaft gründen wollte, als er 1981 ankam. Dann ist daraus die Pousada do Capão geworden, mit so vielen Partnern, dass sie vielleicht als Gemeinschaft durchgehen kann. Und Ninha, die in der Zirkusschule aktiv ist, seit sie der Reisende Paolo vor bald 30 Jahren gegründet hat, bedauert: „Anfangs kamen Leute her, die ein einfaches Leben suchten, jetzt kommen die Menschen, weil das Capão in Mode ist.“ Es gäbe noch viele Gesichter zu erwähnen und Geschichten zu erzählen. Etwa von dem Wasserfall Angélica, von neuen Gesetzen, die womöglich bald Naturschutzgebiete zu Baugebiet machen könnten. Vom Erbe der Sklaverei und von esoterischen Gemeinschaften. Davon, wie immer wieder zu spüren ist, dass sich etwas bewegt durch die neue Straße. Wie eine Gewitterwolke, die über den Bergen schwebt, aber den Regen noch hält. Noch ist es ruhig, noch ist die Magie ungebrochen: Die Schwärmer haben nicht übertrieben. Und Francesca schenkt diesen Tagen im Capão einen perfekten Abschluss. Die Italienerin hat in Indien und Italien ayurvedische Heilkunst gelernt, baut in ihrem Garten ihre eigenen Kräuter an und ist so etwas wie eine moderne Magierin. Mit starken und zielsicheren Händen verreibt sie Pflanzenteile auf der sonnenerwärmten Haut, reibt Medizinöl ein, dehnt und streckt die Muskeln, lässt Düfte aufsteigen und Salzzubereitungen wirken, bis so viel Spannung gewichen ist, als sei man neu geboren. Dann geht es in die hauseigene Sauna, einen halbdunklen Raum, in dem glühende Steine im gusseisernen Ofen Hitze verbreiten, wie in einer römischen Grotte. Halbnackt gießt Francesca Wasser schwungvoll auf die Steine, bis im Dampf nur noch Schemen zu erkennen sind. Zu schamanischen Trommelschlägen singt sie. Nährendes Pflanzenöl glänzt auf der Haut, Schweißtropfen perlen. Ort und Zeit verschwinden aus dem Bewusstsein. Der letzte Aufguss, sagt sie, öffne die Intuition für neue Wege. Welche das auch sein mögen: Das Sitzen unter Wasserfällen gehört von nun an auf jeden Fall dazu.
