FAZ 04.01.2026
11:50 Uhr

Geheimnisse der Karibik: Schmuckstück im Ozean


Christoph Kolumbus nannte sie „Die Ersehnte“. Dabei wusste er gar nichts vom lange gehüteten Geheimnis der Karibik-Insel La Désirade: Edelsteine säumen den Weg.

Geheimnisse der Karibik: Schmuckstück im Ozean

Es ist gar nicht so einfach, die Augen konzentriert auf den Boden zu richten. Nicht weit entfernt rollt der Atlantik dunkel heran und scheint die türkisfarbenen Ausläufer des Karibischen Meeres zu verschlingen, ehe sich beide vereint in Wellen an der zerklüfteten Küste brechen. An dem Naturschauspiel möchte man sich gerne sattsehen. Doch Michelle Robin insistiert: Wirklich sehenswert ist das Bild, das sich da unten vor den Schuhspitzen ausbreitet. Da liegen – Steine. Viele Steine. Handtellergroß oder so winzig, dass sie auf eine Fingerkuppe passen. Scharfkantig oder abgeschliffen vom steten Hin und Her des Wassers, das sie mit sich fortriss und wieder freigab. Manche mit bizarren Einkerbungen, als habe die Natur in einer Laune wilde Muster eingeritzt. Andere marmoriert und mit weißen Linien auf bräunlich rotem, grauem oder grünem Untergrund. Insel des verborgenen Schatzes Robin hebt einen auf, lässt raten. „Jaspis“, klärt die Geologin auf. Ein schon seit dem Altertum begehrter Schmuck- und Heilstein. „Viele Leute sagen, auf La Désirade gebe es wenig mehr als Steine. Hierher zu kommen, lohne kaum. Was die wenigsten wissen: Die Insel ist eine Schatztruhe.“ Eine, die noch gehoben werden will. Von den Passagieren, die an diesem Samstagmorgen mit der Fähre von Saint-François auf Guadeloupe nach La Désirade übersetzten, haben sich wenige auf den Weg über die einzige Landstraße in den kargen, windumtosten Teil im Osten der schmalen Insel gemacht. Die übrigen, Einheimische, die nach einer Arbeitswoche oder Terminen auf den Hauptinseln Basse-Terre und Grande-Terre zurückkehrten, und Tagestouristen auf der Suche nach nahezu menschenleeren Sandstränden sind im Südwesten geblieben. Da chillen die Besucher unter Kokospalmen, schnorcheln an den Korallenriffen und sind froh, dass die Passage diesmal so unaufgeregt war wie das Tempo auf der Insel. Wenn die Schiffe bei Pointe des Châteaux aus dem Schutz der Küste von Grand-Terre fahren, La Désirade in der Ferne auftaucht wie ein flacher Pyramidenstumpf und das Karibische Meer auf den Atlantik trifft, kann es auch mal ruppig werden. Heißt es jedenfalls. Auch wegen dieser Lage war La Désirade, „die Ersehnte“, wie Christoph Kolumbus sie im November 1493 nannte, als auf seiner zweiten Überfahrt aus Europa endlich Land in Sicht kam, lange Zeit alles andere als ein Sehnsuchtsort. Die Franzosen machten sie nach der Eroberung im 17. Jahrhundert vielmehr bald zur Strafanstalt und Leprakolonie, die erst in den 1950er-Jahren geschlossen wurde. Und erst seit Kurzem sind Geologen dem Ursprung dieser an vielen Stellen trockenen und felsigen Insel auf der Spur, die so ganz anders ist als alle anderen der Kleinen Antillen in der Karibik. Die häufig unbeachteten und geschmähten Steine erzählen eine geradezu abenteuerliche Geschichte. Michelle Robin zeigt auf hoch aufragende bräunlich rote Formationen und kleinere Brocken am Boden. Sieht ähnlich aus wie Jaspis, wird auch häufig damit verwechselt, ist aber sogenannter Radiolarit. Hornstein oder das Eisen der Steinzeit, wie man es wegen seiner Härte und Eignung für die damalige Herstellung von Werkzeugen auch nennt. Ein Gestein, das am Boden der Tiefsee in mehreren tausend Metern Tiefe entstand, und zwar vor allem aus den abgesunkenen Skeletten mikroskopisch kleiner Tierchen. „Auf La Désirade finden wir Jaspisschichten und Radiolarite vermischt mit Basalten aus Kissenlava, aus vulkanischen Aktivitäten unter dem Meer“, erklärt Robin. „Mit modernen Datierungsmethoden hat man das Alter dieses Gesteins auf rund 150 Millionen Jahre bestimmt.“ Das ist enorm. Keine der anderen Antilleninseln ist auch nur annähernd so alt. Vor 150 Millionen Jahren waren gerade erst zwei Kontinente – Laurasia im Norden und Gondwana im Süden – von dem einstigen Superkontinent Pangäa abgebrochen. Es gab Saurier und den Urvogel Archaeopteryx. Und diese Insel? Die Wissenschaftler sind sich noch nicht ganz einig. Aber eine der beiden vorherrschenden Theorien vermutet den Ursprung von La Désirade als Teil der einstigen Pazifischen Platte. Im Zuge der Bewegungen der großen Gesteinsplatten, aus denen die Erdkruste besteht, sei sie während Jahrmillionen am Meeresgrund Tausende Kilometer Richtung Atlantik gewandert und schließlich durch Kollision oder tektonischen Druck an die Oberfläche geschoben worden. Möglich scheint auch die Entstehung in einem frühen, kleinen Ozeanbecken, während die Karibische Platte entstand. Wissenschaftlern gibt La Désirade immer noch Rätsel auf Unstrittig ist, dass die heute zugänglichen Gesteinsformationen an der Küste von La Désirade das einzige Gebiet des Inselbogens der Kleinen Antillen bilden, auf dem das Grundgebirge der Karibischen Platte großflächig sichtbar ist. Ein seltenes Zeugnis eines uralten Meeresbodens sowie der frühen Entwicklung der Karibischen Platte – und deshalb schützenswert. „Früher konnte sich hier jeder bedienen“, erzählt Robin, die auf La Désirade aufgewachsen ist. Für den Altar der örtlichen Kirche Notre Dame de l’Assomption wurden in den 1960er-Jahren Dutzende großer Radiolarit-Brocken herangeschleppt. „Als würde man Seiten aus einem wertvollen Geschichtsbuch reißen und kein Wissen mehr für die nachfolgenden Generationen bewahren.“ Seit 2011 stehen 62 Hektar unter Naturschutz. Véronique Tonton muss 80 große Schritte vom Meer weg Richtung Inland machen, ehe sie sich bücken und Steine für ihr Schmuckatelier aufsammeln darf. „Macht nichts“, sagt die 40-Jährige lachend. „Die schönsten finden sich ohnehin oft außerhalb.“ Sie hat Steinmetzin gelernt, als sie der Liebe wegen auf die Insel kam, und verarbeitet ihre geschichtsträchtigen Funde zu Schmuck. Nach und nach hat sie auch alles über die spirituellen Eigenschaften erfahren, die vielen der Steine zugeschrieben werden. Weshalb manche unter den Einheimischen La Désirade eine besondere Energie attestieren. Die mannigfachen Heileigenschaften der roten Jaspis-Steine natürlich, nach denen hier alle Kenner suchten. Aber auch die erdende Wirkung der Radiolarite oder die balancierende Kraft der milchig-weißen oder grau-blauen Chalzedone ist gesucht. Weißer Quarz soll für Reinheit, Klarheit und spirituelle Erneuerung stehen, Indigo-Gabbro beruhigend und stabilisierend wirken, der metallisch schimmernde Labradorit die Suche nach innerem Gleichgewicht, spiritueller Tiefe und energetischer Klarheit unterstützen. „Manche Steine sehen auf den ersten Blick völlig banal aus“, erklärt Tonton, stellt ihre Kreissäge an und muss nun gegen den kreischenden Lärm anschreien, als das Blatt in den Stein fährt. „Um ihren wahren Wert zu erkennen, muss man sie erst aufschneiden.“ Das blasse runde Exemplar, das man glatt hätte liegen lassen, gibt ein verblüffendes Innenleben aus weißem Quarz, braunem Jaspis und grünem Chlorit preis. Unter Tontons geduldiger Anleitung wird es zu einem blank polierten Kettenanhänger in Tropfenform. Ein Schmuckstück mit bemerkenswerter Geschichte, für das man gern den Kopf neigte.