Im Salzburger Pongau bargen Freiwillige der Bergrettung am Mittwoch die Leiche eines 33 Jahre alten Skifahrers. Seine Freundin hatte den Mann schon am Vortag als vermisst gemeldet, über die Liftdaten seines Skitickets und die Handyortung konnten die Retter noch am Abend einen Hang lokalisieren, wagten sich wegen der angespannten Lawinensituation aber nicht ins freie Gelände. Auf einer Intensivstation in Innsbruck starb am gleichen Tag ein 20 Jahre alter Österreicher, der eine Woche zuvor im Kitzbüheler Skigebiet von einem Schneebrett verschüttet und erst nach 20 Minuten geborgen worden war. Damit stieg die Zahl der Lawinenopfer in Österreich in diesem Winter auf 26. Schon Ende Februar liegt sie damit weit über dem Durchschnitt von 16 Toten pro Saison, im vergangenen Winter waren es nur acht. Allein in den Tagen vom 15. bis zum 24. Februar verunglückten 14 Skifahrer tödlich. Und trotz des herrlichen Wetters an diesem Wochenende warnen Fachleute eindringlich vor den alpinen Gefahren. Die Lawinenwarnstufe wurde in weiten Teilen des Landes zwar von 4 (groß) auf 3 (erheblich) herabgesetzt. Doch trotz oder gerade wegen der frühlingshaften Temperaturen, die den Schnee nass und schwer werden lassen, bedeutet das alles andere als Entwarnung. „Viele Skifahrer unterschätzen die Gefahren“ Auffallend ist in diesem Jahr, dass besonders viele „Variantenfahrer“ unter den Toten sind, also Wintersportler, die in regulären Skigebieten neben der Piste oder teils weit im Gelände fahren. Auf 15 der Opfer in diesem Winter trifft das zu. „Anders als Tourengeher, die sich mit den Risiken in den Bergen auseinandersetzen, unterschätzen viele Skifahrer die Gefahren, die auch neben der Piste drohen“, sagt Christian Eder, der die Akademie der Tiroler Bergrettung leitet, der F.A.Z. Zudem wirken in diesem Winter gleich mehrere Faktoren zusammen. Durch den geringen Schneefall zu Beginn der Saison konnten sich die unteren Schichten schlechter festigen als normal. „Eigentlich gilt: je mehr Schnee, desto besser“, sagt Eder. „Wenn schon im Frühwinter viel Schnee fällt, kann er sich besser umbauen.“ In dieser Saison lag hingegen lange wenig Schnee auf warmem, teils dampfendem Boden, weshalb große Kristalle entstanden seien, erklärt der Bergretter. „Die rieseln wie Zucker.“ Auf die instabile Schicht fielen im Februar große Mengen Neuschnee. „Wenn dann ein Skifahrer in diese Schichten eindringt, löst sich alles, und das berühmte Schneebrett geht ab“, sagt Eder. „Das Problem ist, dass diese Struktur von außen gar nicht erkennbar ist. Die Skifahrer sehen nur den schönen Pulverschnee und fahren los.“ Im Gelände neben den Pisten komme ein weiteres Problem hinzu. Normalerweise werden diese Hänge den ganzen Winter über befahren, wodurch eine feste, zerfurchte Struktur entsteht. „In diesem Winter lag lange so wenig Schnee, dass niemand ins Gelände gefahren ist.“ Der Untergrund sei daher glatt und brandgefährlich. „Die Skigebiete warnen überall vor den Risiken, aber leider nehmen das viele Wintersportler nicht wahr. Man kann nicht jeden Hang sperren.“ Da das Freeriden immer mehr zur Trendsportart geworden sei, wagten sich auch immer mehr Skifahrer ins Gelände. „In meiner Kindheit war noch jedem klar, dass es neben der Piste gefährlich ist“, sagt Eder. Bergretter kommen an ihre Grenzen In Österreich beschäftigt die Häufung der Unglücke inzwischen auch die Politik. Tirols Sicherheitslandesrätin Astrid Mair forderte in dieser Woche, Regressforderungen zu stellen, wenn Skifahrer grob fahrlässig Einsätze der Bergrettung hervorriefen. Wer leichtfertig und trotz Warnungen ins Gelände fahre und einen Sucheinsatz auslöse, der müsse das finanziell spüren, sagte die ÖVP-Politikerin – was viele Verbände wie der Alpenverein aber ablehnen. „Ich glaube nicht, dass Strafen etwas bringen“, sagt auch der Bergretter Eder. Man müsse die Menschen vielmehr dazu bringen, dass sie mehr wahrnehmen als nur die Lawinenwarnstufe. „Die Leute müssen auch den Text dazu lesen und vor allem verstehen.“ Entsprechende Angebote gebe es überall. „Wenn ich paragliden gehen will, mache ich doch auch erst mal einen Kurs“, sagt Eder. Für seine Kollegen von der Bergrettung bedeutet dieser Winter besondere Belastungen. Auch wenn die Kosten für einen Einsatz erheblich sind – Rechnungen von mehreren Tausend Euro vor allem für Hubschrauberflüge kommen schnell zusammen –, arbeiten die Bergretter ehrenamtlich. „Das sind Idealisten“, sagt Eder, „aber sie kommen an ihre Grenzen.“ Vor allem psychisch. „Junge Leute aus den Schneemassen zu befreien, sie manchmal tot zu bergen, das ist eine große Belastung.“ Doch eines gelte ebenso: „Bergretter riskieren nicht ihr Leben.“ Man habe ein ausgeklügeltes Risikomanagement. Wenn ein Hang zu gefährlich sei, gehe kein Retter hinein. „Die Leute müssen wissen: Es gibt kein Recht auf Rettung.“
