„Zwanzig unglückliche Frauen / Spazieren im engen Quadrat, / Und angstvoll bedenkend schauen / Auf „schützenden“ Stacheldraht.“ Diese Zeilen sind wie die übrigen zehn Strophen des Gedichts „Spaziergang“ in einem Kreuzreim verfasst. Ihre emotionale Tiefe erhalten sie durch die Umstände, unter denen sie verfasst worden sind. Sie stammten von Leokadia Justman, einer Jüdin aus Polen. Sie hat sie 1944 in Gestapohaft in Innsbruck geschrieben. Die Reime dieses Gedichts erzählen von der kleinen Freiheit, die der tägliche Spaziergang, im Innenhof schweigend immer im Kreis herum, für die Insassen bedeutete. Und von der Pein der Haft, die sich in den Gesichtern der anderen spiegelt. Einander dürfen sie höchstens mit einem „schmerzenden, warmen Lächeln“ trösten, denn miteinander zu sprechen, um „das schreckliche Los“ zu erleichtern, ist streng verboten. Abenteuerliche Flucht nach Innsbruck Leokadia Justman, 1922 in Łódź geboren, hatte es auf einer abenteuerlichen Flucht nach Innsbruck verschlagen. Zusammen mit ihrem Vater entkam sie aus einem Ghetto einer Kleinstadt, in das die nationalsozialistischen Besatzer Juden gesperrt hatten, um sie nach und nach in die Vernichtungslager zu deportieren (darunter bereits die Mutter). Vater und Tochter Justman konnten sich falsche Papiere verschaffen, die sie als katholische Polen auswiesen, und reisten 1943 mit einer kleinen Gruppe nach Österreich, um als „Fremdarbeiter“ Anstellungen zu finden. Fast ein Jahr lang ging das gut, dann wurde die Identität der Justmans enttarnt. Der Vater wurde in ein KZ nahe Innsbruck verschleppt und erschlagen. Leokadia kam ins Polizeigefängnis. Sie erlebte schreckliche Begegnungen mit dem örtlichen Gestapochef, der sie verhörte, aber seitens anderer Polizisten auch eine gewisse Schonung und Versuche, sie vor dem Abtransport in die Vernichtungslager zu bewahren, unter anderen durch den Gefängnisdirektor. Im Januar 1944 gelang ihr zusammen mit einer jüdischen Mitgefangenen die Flucht. Dass durch einen Bombenangriff Teile des Gefängnisses zerstört worden waren, half dabei. Aber es wäre den beiden jungen Frauen nie möglich gewesen, bis zum Kriegsende unterzutauchen und zu überleben, wenn nicht weitere Personen geholfen hätten: zwei oppositionell eingestellte Frauen und Beamte, die ihnen Ersatzpapiere ausstellten. So ist die Geschichte der Leokadia Justman eine über die Gräuel, die Juden im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Polen erlitten haben – aber auch eine über den Mut und die Menschlichkeit einzelner Personen, die im Rahmen dessen, was sie konnten, halfen. Und es ist eine Geschichte über Zwiespältigkeit und Grauzonen, denn einige der Personen, die sich Leokadia gegenüber menschlich oder sogar anständig verhielten, waren zugleich doch, ob willig oder unwillig, Rädchen in der nationalsozialistischen Unrechts- und Vernichtungsmaschinerie. Sie zeichnete unmittelbar nach dem Krieg ihre Erfahrungen auf Woher man die Geschichte kennt? Leokadia Justman hat unmittelbar nach dem Krieg ihre Erinnerungen und Erfahrungen aufgezeichnet. Nach ihrer Hochzeit mit Józef Wiśnicki, der ebenfalls als polnischer Jude mit falschen Papieren in Österreich gearbeitet und überlebt hatte, emigrierte sie in die Vereinigten Staaten. Dort wurden diese Aufzeichnungen in überarbeiteter Form veröffentlicht, aber in Europa kaum wahrgenommen. In Innsbruck, das in dieser Geschichte eine zentrale Rolle spielt, hat sie erst vor einem Jahr ein Forschungsprojekt bekannt gemacht. Es ist, vorangetrieben durch den Theologieprofessor und Jesuitenpater Dominik Markl, an der Universität Innsbruck angesiedelt. Im Rahmen dieses Projekts sind nun Gedichte wie das oben zitierte aufgetaucht. Das Forschungsteam des Justman Projekts stieß im vergangenen Herbst auf einen englischsprachigen Artikel aus dem Jahr 1947 des amerikanischen Historikers Koppel Pinson (1904–1961) über „Jüdisches Leben im befreiten Deutschland“. Pinson, Professor am Queens College New York, kam gegen Kriegsende als Angehöriger der US-Armee nach Deutschland, mit dem Auftrag, Holocaustüberlebenden zu helfen. Sein Artikel von 1947 wurde mit einem Zitat eingeleitet: „Menschheit erwache! Rette deine kinder (sic), Das neue, im Dunkeln irrende Geschlecht!“, zugeschrieben „Leokadja Justmann, Gestapo prison, Innsbruck, 1944“. 15 Gedichte Justmans in zwei Versionen Die im Projekt engagierten Innsbrucker Lokalhistoriker Nikolaus Hagen und Niko Hofinger gruben nach und stießen in amerikanischen Archiven auf die Sammlung von 15 Gedichten Justmans in zwei Versionen. Eine war offenbar vor 1947 für eine Publikation vorbereitet worden, die dann aber nicht erfolgte. Eine frühere ist ein Originaltyposkript. Auf der Kladde steht von Pinsons Hand: „Given to me by the authoress, in Innsbruck in July 1946. The authoress was at that time a lovely young girl of about 18-19 years old.“ Es gibt Fotos, die belegen, dass Pinson im Juli 1946 Innsbruck besuchte. Leokadia hat in ihren Erinnerungen geschildert, dass sie in ihrer Gefängniszelle damit begonnen habe, ihrer Seele Luft zu machen, indem sie Reime an die Wände kritzelte. Der ihr wohlgesinnte Gefängnisdirektor Wolfgang Neuschmid wies sie darauf hin, dass das verboten sei, gab ihr aber (durchaus vorschriftswidrig) ein Notizbuch, damit sie dort hineinschreibe. Dieses Büchlein selbst ist bislang nicht aufgetaucht. Nach Angaben Markls hat ihr Sohn Jeffrey Wisnicki es nicht im Nachlass von Lorraine Wisnicki (wie sie sich in den USA nannte) gefunden. Sechs der 15 Gedichte sind – so hat die Autorin es in ihrem Typoskript angegeben – im Gefängnis entstanden, die übrigen während der Flucht oder kurz nach Kriegsende. Manche Stellen atmen unglaublichen Optimismus Die Gedichte handeln von den Bedrückungen der Gefangenschaft, der Grausamkeit der Schergen, der Sehnsucht nach Freiheit und Frieden, der Trauer um Mutter und Vater. Justman hadert mit Gott und dem Schicksal, aber manche Stellen atmen auch einen unglaublichen Optimismus. So heißt es in einem Gedicht: „O, komm’ in der Nacht / bei süssem Klange des Herzens heimlicher Flöte. / Über die Asche der Leiden geh’ auf mit hellem Licht! / Bestrahl’ mit dem Zauber der Wahrheit des grauen Daseins Gesicht! / O, komm’ Du Wundererlösung, Du Freiheitsmorgenröte!“ Dass manche Reime holpern oder naiv erscheinen mögen, ändert nichts an ihrer berührenden, in ihrer fragenden Verzweiflung aufwühlenden menschlichen Unmittelbarkeit. Für das Forschungsprojekt ergeben sich aus dem Fund „spannende Fragen“, wie Markl berichtet. Vor allem: Warum hat Justman auf Deutsch geschrieben und nicht in ihrer Muttersprache Polnisch, wie sie es mit ihren Erinnerungen zunächst getan hatte? Im Gefängnis, so Markl, „könnte das noch Gründe in der Bedrohungslage gehabt haben, da polnische Texte noch verdächtiger gewesen wären“. Aber nach der Flucht und erst recht nach Kriegsende wäre das weniger zwingend gewesen. Dass die Gedichte dann unter dem Titel „Mit Blut und Leid“ für eine Publikation vorbereitet wurden, deute darauf hin, dass Justman 1946 eine Botschaft für deutschsprachige Adressaten gehabt habe. In einem Vorwort schreibt dort Leokadia: „Diese Gedichte, die meine Erinnerungen und seelische Erlebnisse nach der Flucht aus den Ghettos in Polen sind, schildern den Drang des verfolgten Menschen zur Freiheit und Leben.“ Markl fragt: „Warum wurden die Gedichte nicht publiziert? Gab es erfolglose Versuche, sie einem Verlag anzubieten? In Innsbruck? Wien? War Justman enttäuscht, dass es in Österreich kein wirkliches Interesse gab?“ „Schwarze, ewige Leidesnacht, / blutige, schmerzende Tränen, / und von der Tiefe der Hölle lacht / der Teufel über mein Sehnen.“ So beginnt eines der Gefängnisgedichte. Mit dem Titel „Was ist geblieben“ ist es den, wie sie bereits wusste, ermordeten Eltern Leokadias gewidmet. Es endet mit den Zeilen: „In der schrecklichen Mühle der wilden Zeit / ging unter Mensch, Denken und Lieben. / . . . Nacht . . . Abgrund . . . Verzweiflung . . . Schmerz und Leid . . . / – Das ist mir nur geblieben.“ Das und die Hoffnung auf „Wundererlösung“ – die ja tatsächlich eintreten sollte.
