Vor vier Jahren stand der Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch nach dem dritten Lauf im Eiskanal der Spiele von Peking. Er hielt ein Schild in die Kamera: „No war in Ukraine“ stand darauf, „kein Krieg in der Ukraine“. Der Ukrainer verstieß damit gegen Regel 50 der Olympischen Charta, die politische Botschaften verbietet im Wettkampf und bei der Siegerehrung. Er durfte das Schild nicht mehr zeigen, wurde aber nicht bestraft vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Ein paar Tage später entfesselte Wladimir Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Sie sollte und soll von der Landkarte verschwinden. Vier Jahre später lebt die Ukraine, kämpft um ihr Überleben. Ein schwarzes Armband als Kompromiss Hunderte, womöglich Tausende ukrainische Sportler aber sind gestorben, getötet von Putins Soldaten. Heraskewytsch wird in Cortina d’Ampezzo starten. Auf seinem Helm wollte er Gesichter im Krieg umgekommener Sportlerinnen und Sportler zeigen, ein Skeleton-Sportler, mit dem er an den Jugendspielen 2016 teilgenommen hatte, ein Boxer, der damals eine Goldmedaille gewonnen hatte. Das IOC hat ihm das Tragen des Helms im Wettkampf und bei der Siegerehrung untersagt: Verstoß gegen Regel 50. Als Kompromiss wird ihm ein schwarzes Armband angeboten. 2014, bei den Spielen von Sotschi, an deren Ende Putin die Annexion der Krim verfügte und der Krieg gegen die Ukraine begann, hatte das IOC schwarze Armbänder noch verboten. Norwegische Langläuferinnen durften nicht so an den toten Bruder Astrid Jacobsens erinnern. Nun, heißt es beim IOC, habe man Regel 50 weiterentwickelt. Botschaften in Text und Bild bleiben verboten bei Wettbewerb und Siegerehrung. Schwarze Armbänder sind erlaubt. Sofern Athleten einen „guten Grund“ haben, wird ihrem Antrag stattgegeben. Mit dieser Anpassung ist es also möglich, eine politische Botschaft auf die olympische Bühne zu tragen, weil sie im Schwarz des Armbands verschwindet. Die Gesichter aber, an die Wladyslaw Heraskewytsch erinnern möchte, sind zu real für das IOC, zu viel Realität in der Blase der Illusionisten im Olymp. Das IOC hat seine Regel 50 neu interpretiert Das Argument gegen einen Helm, der an getötete Sportler erinnert, lautet: Was, wenn nun jeder kommt? Was, wenn israelische Sportler an Opfer der Hamas, wenn palästinensische Sportler an vom israelischen Militär getötete Menschen erinnern wollen? Ja, was dann? Warum sollten Sportler nicht konkret an Sportler erinnern dürfen, die sehr viel lieber bei Olympischen Spielen oder Kreismeisterschaften antreten würden, aber Opfer eines Angriffskriegs werden? Wenn das Schwarz eines Armbands alle Opfer und alle Konflikte in sich tragen kann, als wäre es der Zylinder eines Zauberers, in dem der Realität ein Schnippchen geschlagen wird, welche Bedeutung hat es dann noch? Das IOC hat seine Regel 50 neu interpretiert. Und sendet an Wladyslaw Heraskewytsch gleichwohl die Botschaft, dass die Welt nicht im Eiskanal entdecken soll, welche Gesichter für immer aus dem Sport verschwunden sind. Zugleich vermitteln Funktionäre an allen Ecken und Enden der Sportwelt den Eindruck, dass Russland bald zurück sein wird. Manche haben Sportsoldaten des Mörders Putin ihre Pforten schon geöffnet. Das ist die Realität der Sportwelt 2026: Viel zu viele spielen weiter oder wieder Putins Spiel. Wladyslaw Heraskewytsch ist ein mutiger Sportler. Er will mit dem Helm starten, dem Verbot trotzen und weiter daran zu erinnern, dass Sportler unter den Ukrainern sind, die die Freiheit verteidigen. Ihre Gesichter sollten wir alle, sollte die Welt vor Augen haben.
