FAZ 23.11.2025
08:56 Uhr

Gedanken über das Ende: Wer sagt, dass ich sterben muss?


„Longevity“ ist überall. Viele Menschen versuchen, ihr eigenes Ende aufzuschieben. Andere wollen gleich gar nicht mehr sterben.

Gedanken über das Ende: Wer sagt, dass ich sterben muss?

Moritz Pohl will selbst entscheiden, wann er stirbt. Und ob überhaupt. Weil er besonders viel Freude am Leben hat? Oder doch vor allem Angst vor dem Tod? Er überlegt. Das sei eine gute Frage. Schließlich sagt er: „Ich denke, ich finde es nicht wünschenswert, unfreiwillig zu sterben.“ Pohl ist zwanzig Jahre alt. Seit vier Jahren beschäftigt er sich mit dem Ende des Lebens. Er will, dass mehr gegen Krankheiten, die mit fortschreitendem Alter auftreten, getan wird. Deshalb ist er Generalsekretär der Partei für Verjüngungsforschung. Und Teil einer Bewegung, die sich rund um das Thema Langlebigkeit formiert hat. Vieles, was unter „Longevity“ fällt, kümmert Pohl aber nicht. Ihn interessieren keine Falten, kein jünger oder schöner. Jedenfalls nicht in erster Linie. Pohl sieht in der Bewegung größere Chancen. Ihn sorgen die Krankheiten, an denen Menschen sterben. Krebs, Alzheimer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Alles davon soll abgeschafft werden und der natürliche Tod gleich mit. Niemand soll mehr am Alter sterben müssen. Mit dieser Idee ist er nicht allein. Menschen wie Pohl träumen von einer Zukunft grenzenloser technologischer Möglichkeiten. Sie wollen den Tod so weit wie möglich hinauszögern – und schließlich selbst entscheiden, wann für sie Schluss ist. Der Mensch wollte den Tod noch nie akzeptieren Was verrückt klingt, wollte der Mensch im Grunde schon immer: das Menschsein überwinden. Er malt sich aus, was nach dem Tod passieren könnte, und glaubt fest daran. Etwa an das Paradies, die Wiedergeburt, das ewige Leben. Doch was, wenn man an nichts davon glaubt? Wenn alles, was bleibt, Staub ist? Nach einem Leben voller Selbstoptimierung soll man am Ende einfach so sterben? Pohl will das nicht. Er glaubt nicht an Gott. Aber der Religionsunterricht spielte in seinem Leben trotzdem eine wichtige Rolle. Nachdem dort über den Tod gesprochen worden war, fing Pohl an zu googeln. Er suchte nach wissenschaftlichen Ansätzen, die dabei helfen könnten, das Altern zu stoppen. So erzählt er es. „Ich habe nicht erwartet, irgendwas Ernsthaftes dazu zu finden. Aber ich habe halt was gefunden.“ Er fand Interviews mit dem britischen Altersforscher Aubrey de Grey. Wer findet, Malaria sei eine gute Sache? De Grey hatte 2005 einen Ted Talk gehalten, in dem er behauptete, der erste Mensch, der 1000 Jahre alt werde, lebe bereits. Ein Video zeigt seinen Auftritt. Seine Haare hat er zu einem Zopf gebunden, seinen Bart trägt er bis zur Brust. Er fragt das Publikum, ob jemand der Meinung ist, dass Malaria eine gute Sache sei. Niemand meldet sich. Das habe er sich gedacht. Schließlich sterben Menschen an Malaria. Und genau so sei es auch mit dem Altern. „Es tötet Menschen!“ De Grey glaubt daran, dass Menschen irgendwann nicht mehr auf natürliche Art sterben müssen. Dass ihre Zellen immer wieder repariert werden können. Dass ihre Lebenserwartung pro Jahr, das vergeht, um mehr als ein Jahr gesteigert werden kann. Diese sogenannte Long­evity Escape Velocity, also Langlebigkeits-Fluchtgeschwindigkeit, ist das Ziel seiner Forschung. Doch das Altern ist komplizierter als ein Stein, den man nur kräftig genug werfen muss, damit er sich unendlich weit von der Erde entfernen kann, wie es die Fluchtgeschwindigkeit beschreibt. Für De Greys Visionen gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Dafür aber einen festen Glauben bei seinen Anhängern. Aus Lifestyle wird Religion Die sitzen zum Beispiel im Silicon Valley. Der Techunternehmer Bryan Johnson behauptet, an die Umkehr des biologischen Alters zu glauben. Er verkauft Produkte mit angeblich lebensverlängernder Wirkung und unterzieht sich selbst tagtäglich strenger Routinen, die ihn jünger werden lassen sollen. Johnson ließ sich etwa mehrmals das Blutplasma seines damals 17 Jahre alten Sohnes injizieren. Ohne Effekt. Trotzdem machte er seinen Lifestyle zu einer Bewegung. „Don’t Die“ soll eine Religion sein, in der der Körper zu Gott wird. Und Gott wird jeden Morgen einer vierstündigen Routine unterzogen, trainiert, mit Hunderten Präparaten gefüttert, in ein Eisbad gelegt und eine Rotlichtkabine gestellt. Gott isst keine leeren Kalorien oder Zucker. Sondern vegane Bowls. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz vermisst Johnson zudem sämtliche Werte seines Körpers. Gewicht, Temperatur, Blutdruck und so weiter. Die KI soll ihm sagen, was er braucht. Johnson beschrieb den Idealzustand dieser Prozeduren selbst so: „The mind is dead.“ Der Verstand ist tot. Judith Bodendörfer ist wissenschaftliche Referentin bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Für sie bietet Longevity nur scheinbare Lösungen im Umgang mit dem Tod. In einer Zeit, in der Menschen sich der Kirche nicht mehr zugehörig fühlten, brauchten sie eine Vorstellung von dem, was danach kommt. Das habe es schon immer gegeben. Auch die Unsterblichkeit des Körpers ist keine neue Idee. Im frühen Christentum glaubte man daran, der Mensch werde nach dem Tod mit Leib und Seele auferstehen. Diese Idee sei immer weiter in den Hintergrund gerückt, sagt Bodendörfer. Doch an ein ewiges Leben glauben Christen noch heute. Nur eben nach dem Tod. Die KI wird zu Gott Doch es ist noch etwas anderes, das Bodendörfer an der Bewegung interessiert. Es gebe Schnittmengen zur Esoterik, die man überhaupt nicht erwarten würde, sagt sie. Schließlich lege die Techindustrie einen hohen Wert auf Logik und Messbarkeit. Bodendörfer erklärt es so: In der Esoterik gebe es die Vorstellung von einer Realität, die über der physisch-materiellen liege. Die sogenannte Astralebene. Heute gibt es Künstliche Intelligenz, in der Wissen gespeichert wird. In einer Cloud, also einer Wolke, die jedenfalls gefühlt auch über den Menschen schwebe. Wenn Johnson also sagt, der Verstand müsse tot sein, damit der Körper allein auf Basis algorithmischer Intelligenz im wahrsten Sinne gefüttert werden könne, dann unterwerfe er sich den Gesetzmäßigkeiten einer nicht materiellen Welt. Mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben. In dieser Logik wäre nicht der Körper Gott, sondern die Künstliche Intelligenz. „Sie liest den Körper aus und meldet sozusagen dem Geist zurück, was zu tun ist“, sagt Bodendörfer. Der Mensch ordne sich der KI unter. Der Tod macht für Pohl keinen Sinn Pohl weiß, wie Longevity im Silicon Valley praktiziert wird. Er nimmt jedoch keine Präparate, lässt sich auch nichts injizieren. Warum nicht? Dafür, sagt er, sei er noch zu jung. Außerdem sei nichts davon ein „Gamechanger“. Pohl geht joggen, ernährt sich gesund und achtet auf ausreichend Schlaf. Auf die Künstliche Intelligenz blickt er kritisch. Pohl sagt, er wolle sich auf die Altersforschung konzentrieren. Seit einem Semester studiert er deshalb molekulare Biowissenschaften in Salzburg. Seine Partei fordert, dass zehn Prozent des Bundes­haushaltes pro Jahr in die Ver­jüng­ungsforschung investiert werden sollen. Die Partei ist klein. Zuletzt zählte sie rund 320 Mitglieder. Bei der Bundestagswahl fiel sie dennoch mit ihren Plakaten auf. Sie zeigten weinende Kinder mit der Aufschrift „Wo ist Oma?“. Auf einem anderen stand die Forderung: „Unbegrenzt langes Leben für alle“. Und: „Wo willst du in 800 Jahren leben?“ Ihr Ergebnis lag im kaum messbaren Bereich. Dabei, meint Pohl, würden die meisten Menschen doch gern vermeiden zu erkranken. „Auch wenn sie jetzt vielleicht etwas anderes sagen.“ Pohl sieht im Tod nur Leiden. Aber keinen Sinn. Menschen sterben hygienisch und einsam Die Philosophin Bodendörfer wiederum sieht im Leben ohne Tod keinen Sinn. Es sei Hybris. Eine Idealisierung der eigenen Bedeutung. Und all das mache auch etwas mit dem Verhältnis zum Tod. Mit ihm könne nicht mehr gut umgegangen werden. Dabei ist Sterben in der modernen Gesellschaft ohnehin ein Problem. Norbert Elias beschrieb dieses Problem bereits 1982. Der Soziologe meinte, der Mensch sterbe zwar hygienisch, aber meist isoliert von denen, die ihm nahestehen. Eben weil das Verhältnis zum Tod zerrüttet sei. Die Gesunden entfremdeten sich immer weiter von ihrem Wissen, sterben zu müssen, und damit auch von denjenigen, die sterben. Auf diese Weise wollen sie den Tod verdrängen. Die Gebrechlichen, so schreibt es Elias, bleiben einsam zurück. Bereits damals erkannte der Soziologe auch die Bewegung derjenigen, die heute unter dem Begriff „Longevity“ gefasst werden. Er schreibt, das Wissen, dass der Tod unabwendbar ist, werde durch das Bemühen, ihn immer weiter hinauszuschieben, und die Hoffnung, dass das auch gelingen könnte, überlagert. Entscheidend für das Verhältnis der Menschen zum Tod sei nicht etwa der biologische Vorgang selbst, sondern die Vorstellung vom Sterben – und die Haltung dazu. Tatsächlich sterben Menschen heute meist nicht so, wie sie es sich wünschen. Nämlich immer seltener zu Hause. Weit mehr als die Hälfte der Menschen stirbt in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Dabei gaben bei einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands insgesamt nur vier Prozent der Befragten an, in einer der beiden Institutionen sterben zu wollen. Es gibt keine Wunderpille Die Frage, wo er sterben will, stellt sich für Pohl nicht. Aber wo wolle er in 800 Jahren leben? Er wisse noch nicht, ob er wirklich so alt werden möchte. Aber die Entscheidung, ob er 100 Jahre alt werden möchte, wolle er mit 99 treffen. Bei voller Gesundheit. Angenommen, er wäre mit 99 tatsächlich noch ohne gesundheitliche Beschwerden, was wäre für ihn dann ein Grund, sich für das Sterben zu entscheiden? Pohl überlegt. Ihm fällt kein Grund ein. Bleibt die Frage nach dem Sinn des Lebens ohne den Tod? Sterben könne man ja immer noch, sagt Pohl. „Es gibt ja keine Wunderpille, die man einnimmt, und dann ist man unsterblich.“ Es wäre anders als im Buch von Simone de Beauvoir. In dem Roman erlebt der Protagonist Raymond Fosca Jahrhundert für Jahrhundert und verzweifelt an der Menschheit, die nicht aus ihren Fehlern lernt. Fosca sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben. Er will sterben, doch kann es nicht.