FAZ 06.05.2026
21:21 Uhr

Gebrochene Waffenruhe: Moskaus Eingeständnis von Schwäche


Russland zeigt im Ukrainekrieg Zeichen der Schwäche

Gebrochene Waffenruhe: Moskaus Eingeständnis von Schwäche

Die Ankündigung von einseitigen Waffenstillständen durch Russland und die Ukraine in den vergangenen Tagen ist kein Schritt in Richtung Frieden, sondern ein weiteres Scharmützel im Informationskrieg. Es ist ein Ausdruck des üblichen Zynismus des russischen Machthabers Wladimir Putin, für den Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs eine zweitägige Waffenruhe vorzuschlagen, damit er in Moskau ungestört eine Militärparade abhalten kann: Der Aggressor will für zwei Tage relative Ruhe, um seine militärische Stärke zu feiern – und verbrämt das als „humanitäre“ Geste. Der vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als Antwort verkündete einseitige Waffenstillstand ist eine rhetorische Figur, die nur einen Zweck hat: Sie soll der Welt ein weiteres Mal vorführen, dass die Schuld an den andauernden Kämpfen allein bei Russland liegt. Moskau und Kiew haben Trump im Blick Schon in dem Moment, in dem er die Waffenruhe ankündigte, dürfte Selenskyj gewusst haben, was er der Welt am Mittwoch mitteilen würde: Russland setze den „terroristischen Beschuss“ der Ukraine fort, sein Verhalten sei eine „Absage an die Rettung von Leben“. Sowohl Moskau als auch Kiew hatten bei diesem verbalen Geplänkel auch Donald Trump im Blick. Nicht zufällig hat der Kreml seine zweitägige Waffenruhe nach einem Telefonat Putins mit dem amerikanischen Präsidenten angekündigt. Aber hinter diesem bereits ritualisierten und deshalb kaum noch bedeutungsvollen Werben um Trumps Gunst (dessen Aufmerksamkeit derzeit ohnehin einem anderen Kriegsschauplatz gilt) verbirgt sich eine interessante Entwicklung. Vergangenes Jahr handelte das russische Regime aus einem demonstrativen Gefühl eigener Stärke. Nun sieht es sich offensichtlich in der Defensive. Dass der Kreml wegen der Gefahr ukrainischer Drohnenangriffe darauf verzichtet, militärisches Gerät über den Roten Platz rollen zu lassen, und zum „Tag des Sieges“ das mobile Internet im halben Land abschaltet, ist ein bemerkenswertes Eingeständnis von Verletzbarkeit.