Es war alles vorbereitet in Los Pinos. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte in die ehemalige Präsidentenresidenz eingeladen. Die frühmorgendliche Pressekonferenz, wegen ihrer Uhrzeit „Mañanera“ genannt, sollte einen besonderen Rahmen bekommen. „Am Montag werden wir die Weltmeisterschaft vorstellen“, hieß es in der Einladung des Präsidialamtes in den Tagen zuvor. Denn das Thema an diesem Novembermontag waren die Vorbereitungen auf das Turnier 2026, das in den USA, Kanada und eben auch in Mexiko stattfinden wird. Doch dann fielen sieben Schüsse. Carlos Manzo, der Bürgermeister von Uruapan, brach blutüberströmt zusammen. In der betroffenen Provinz Michoacán im westlichen Zentralmexiko, die als eine Hochburg der mexikanischen Drogenkartelle gilt, ist seitdem nichts mehr, wie es war. Zehntausende Menschen gingen auf die Straße, um für mehr Sicherheit und gegen die Gewalt der Kartelle zu demonstrieren. Carlos Manzo war ein Kritiker Sheinbaums. Er hatte ihren zaghaften Kurs gegen die Drogenkartelle stets in Frage gestellt und seinerseits zu einem Aufstand gegen die organisierte Kriminalität aufgerufen. Sheinbaum aber besteht auf dem Standpunkt, man könne keinen Krieg gegen die Drogenkartelle führen, weil das außerhalb des Gesetzes geschehe. Erste Konsequenz des politischen Mordes: Die WM-Pressekonferenz wurde verschoben, Sheinbaum hielt ihre morgendliche Runde wie meist üblich im Salon Tesorería des Palacio Nacional in Mexiko-Stadt ab. Inzwischen sind fast drei Wochen vergangen und falls Claudia Sheinbaum geglaubt hatte, der Mord an Manzo würde wie so viele andere in Mexiko mit der Zeit vergessen werden, hat sich die mexikanische Präsidentin erheblich getäuscht. Inzwischen gibt es landesweite Proteste. Wer dahinter steckt, ist nicht ganz klar. Die „Generation Z“ tritt prominent in Erscheinung. Am vergangenen Wochenende kamen allein im Regierungsviertel vor dem Nationalpalast fast 20.000 Menschen zusammen. Ferngesteuerte und bezahlte Proteste? Dabei gab es Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten. Sheinbaum versuchte die Proteste kleinzureden: Sie seien ferngesteuert und bezahlt. Darauf reagierten die Demonstranten mit Sprechchören wie „Ich bin kein Bot.“ Eine UN-Sonderberichterstatterin empfahl der Sheinbaum-Regierung, die Proteste nicht zu stigmatisieren. Gegenwind kommt von der Kirche, die schon von Sheinbaums linkspopulistischen Vorgänger und Parteifreund Andreas Manuel Lopez Obrador eine Kurskorrektur der umstrittenen Sicherheitsstrategie „Umarmungen statt Kugeln“ gefordert hatte. Unter „AMLO“, wie ihn seine Anhänger nannten, hatte das zu einer Rekordzahl von fast 200.000 Gewalttoten in sechs Jahren geführt. Forderung nach Rückgabe der WM Kardinal Francisco Robles Ortega aus der WM-Gastgeberstadt Guadalajara dachte laut darüber nach, dass infiltrierte Gruppen die Gewalt gezielt provoziert hätten. Außerdem werfe das Sicherheitskonzept für den Nationalpalast Fragen auf. Was impliziert, die Regierung könnte ein Interesse daran gehabt haben, dass die Demonstrationen im Chaos enden, um sie anschließend zu diskreditieren. Oder eben die Lage nicht im Griff haben. Der allerdings noch weitgehend bedeutungslose „Nationale Rat der Neuen Rechten“ forderte die Rückgabe der WM. Das Attentat auf Manzo zeige „den völligen Zerfall des mexikanischen Staates“. Sheinbaum dürfte die aktuelle Entwicklung genau beobachten, zumal Donald Trump in den USA damit droht, von den oppositionellen Demokraten regierten Städten, zum Beispiel Seattle, den Gastgeberstatus zu entziehen. Die Öffentlichkeit schaut ganz genau hin Sheinbaums Problem dürfte ein anderes sein. Wie immer bei solchen globalen Großereignissen befeuern sich die Entwicklungen gegenseitig. Weil in Mexiko eine WM stattfindet, berichten nun auch internationale Medien verstärkt über die Proteste und die Sicherheitslage. NGOs melden sich zu Wort und Demonstranten spüren, dass nun nicht nur das nationale Fernsehen genau hinschaut, sondern dass die Bilder nun um die Welt gehen. In Brasilien bildete sich im Vorfeld der WM 2014 gar eine langanhaltende Protestbewegung. „Die mexikanische Regierung will und wird die WM auch dafür nutzen, Mexiko als modernes, wirtschaftlich aufstrebendes Land zu präsentieren. Gewalt und Proteste würden dabei nicht ins Bild passen“, sagt Florian Hubert von der Heinrich-Böll-Stiftung in Mexiko-Stadt der F.A.Z. Die Weltmeisterschaft habe durchaus das Potenzial, vorübergehend von strukturellen Problemen im Land – darunter die Gewalt der Drogenkartelle – abzulenken. Die Sorge habe Sheinbaum kürzlich beiseite gewischt: „Dialog, Dialog und noch mal Dialog“, sei die Strategie für eine friedliche WM. Und auch die Kartelle könnten die WM für ihren wirtschaftlichen Zwecke nutzen, ohne dabei sichtbar für das internationale Publikum zu werden, so Huber. Es gilt als sicher, dass sich die Kartelle bewusst zurückhalten könnten, um die mexikanische Regierung nicht zu Sofortmaßnahmen zu zwingen. Inzwischen hat Sheinbaum auch die WM-Präsentation nachgeholt. Mexiko will sich von seiner schönsten Seite zeigen: Mit Public Viewing in öffentlichen Parks und historischen Stätten. Ermordete Bürgermeister sollen das Bild nicht stören.
