So jemand wie Ethan Garbers, sagte Frankfurt-Galaxy-Cheftrainer Thomas Kösling jüngst im F.A.Z.-Interview über seinen neuen Quarterback, habe bislang selten seinen Fuß in eine europäische Footballliga gesetzt: „Das ist schon ein ganz neues Level.“ Rumms. Das ist eine Ansage. Vor dem noch mit einigen Fragezeichen versehenen Saisonstart der Frankfurter in der European Football Alliance (EFA) an diesem Freitag (19.30 Uhr/Sportdigital1+) hat Kösling natürlich mehrere Gründe – darunter sogar einige gute – die ihn zu dieser Aussage verleitet haben. Und doch wird genau diese Aussage besonders auf dem Prüfstand stehen, wenn Galaxy im heimischen Stadion am Bornheimer Hang die neue europäische Footballspielzeit gegen die Paris Musketeers eröffnet. Zentrale Rolle und große Verantwortung für Garbers Mitte April nimmt Garbers, 23 Jahre jung und erst wenige Tage zuvor aus den Vereinigten Staaten eingeflogen, auf einem Stuhl im VIP-Bereich der PSD Bank Arena Platz. Er entschuldigt sich als Erstes für seine Verspätung; die Abholung des Mietwagens habe länger gedauert, überhaupt der Verkehr, aber dann ist er schnell bei der Sache. Natürlich wisse er, dass sie in Frankfurt große Hoffnungen mit seiner Verpflichtung verbinden. Dass er, so sagt das sein Trainer, die Galaxy-Offensive in allen Bereichen besser, im besten Fall titeltauglich machen soll, auch wenn in der frisch gegründeten Liga noch niemand so richtig weiß, was Letzteres genau heißt. Garbers wirkt nicht arrogant, als er über die Erwartungen spricht, eher wirkt er abgeklärt, professionell. Großen Druck und große Verantwortung, sagt er, kenne er aus seiner Zeit in Los Angeles mindestens genauso gut wie den zähflüssigen Verkehr. „Umgebungsgeräusche“ nennt er das. Kopfzerbrechen jedenfalls bereite ihm die Rolle, die ihm bei Frankfurt Galaxy zukommt, nicht. Vorfreude, sagt er, spüre er dafür umso mehr. Im vergangenen Jahr testeten die Carolina Panthers aus der weltweit dominierenden National Football League (NFL) seine Fähigkeiten. Davor trug er das Trikot der University of California in Los Angeles (UCLA), eine große Adresse im amerikanischen Collegefootball. Dort hatte ihn sein damaliger Headcoach Chip Kelly, ein großer Name selbst in der Profiliga NFL, zwischenzeitlich sogar zum Startspieler gemacht. Zwar war dieser „Traum“, der da „in Erfüllung ging“, schnell ausgeträumt – nicht weil Garbers nicht gut gespielt hätte, sondern weil ein Mitspieler schlicht noch besser spielte – und Garbers zurück in der zweiten Reihe war. Doch bei den UCLA Bruins sammelte der Kalifornier, den Trainer-Ikone Kelly als „wirklich sehr guten Quarterback“ bezeichnete, in insgesamt vier Jahren dennoch derart viel Erfahrung auf höchstem Niveau, dass er, zumindest in der Theorie, auch andere Optionen hätte wählen können. Garbers will „endlich“ beweisen, was er kann Meist zieht es Quarterbacks mit einem derartigen Renommee – Garbers stand in 40 Spielen für die UCLA auf dem Feld, 18 davon als Starter – eher in die nach der NFL zweitklassigen Ligen Nordamerikas. Auch er habe darüber nachgedacht, erzählt Garbers, zum Beispiel über die Canadian Football League (CFL). Warum er sich dennoch in ein Flugzeug nach Frankfurt gesetzt hat? „Ich will endlich richtig spielen“, sagt Garbers. Die Zeit in der zweiten Reihe an der UCLA, als er sich hinter noch stärkeren Spielmachern anstellen musste, ist nicht spurlos an ihm vorübergezogen, auch wenn er sich Mühe gibt, es anders aussehen zu lassen. Auch in Kanada oder den anderen US-Ligen hätte es erst einmal keine Startplatzgarantie für ihn gegeben. Doch Garbers, das wird deutlich in diesem Gespräch, will „endlich“ beweisen, was er kann. Eigentlich hätte ihn ein Flugzeug, das gehört auch zur Geschichte der vergangenen Monate, nach Madrid und nicht an den Main bringen sollen. Denn eigentlich hatte Garbers einen Vertrag beim EFA-Team Madrid Bravos unterschrieben. Doch dann stellten die Bravos plötzlich den Betrieb ein. An der Premierensaison der neuen Liga werden die Spanier nicht teilnehmen, ihre Zukunft ist unklar. Garbers also war plötzlich wieder zu haben. Und weil die Frankfurter ihrerseits ihren Wunsch-Quarterback Jameson Wang, der am Ende der vergangenen Saison durch herausragende Leistungen im Galaxy-Trikot beinahe noch die Play-off-Teilnahme realisiert hätte, nicht bekamen (Wang nahm ein gut dotiertes Angebot der Panthers Wroclaw aus Polen an), schlugen Headcoach Kösling und Co. zu. In Frankfurt wird Garbers neben dem Mietwagen auch eine Wohnung gestellt, dazu kommt ein Gehalt im höheren vierstelligen Bereich – für die gesamte Saison bis Anfang September. Vor allem aber ist er bei der Galaxy eines: die unumstrittene Nummer eins. Als Kopf der Mannschaft soll er durch seine Qualitäten insbesondere in puncto Passpräzision und Entscheidungsgeschwindigkeit die gesamte Offensive besser machen und auch den Abgang von Stützen wie Sandro Platzgummer ein Stück weit kompensieren. „Ich werde schon auch ein Playmaker sein, einer, der das Spiel vorantreibt und nicht nur verwaltet“, sagt Garbers, dessen großes Idol die NFL-Ikone Tom Brady ist. „Wir werden eine explosive Offensive haben, da bin ich mir sicher. Ich kann es wirklich kaum erwarten, bis es richtig losgeht.“ Kösling jedenfalls ist schon mal angetan. In den bisherigen Trainingseinheiten, so viel ist der Chef bereit zu verraten, habe Garbers bereits gezeigt, was in ihm steckt. Frankfurt Galaxy hofft auf Konstanz Natürlich dürften diese und andere Vorschusslorbeeren auch damit zu tun haben, dass Galaxy und die EFA insbesondere im Ringen um Fans und Sponsoren, generell um Aufmerksamkeit, derzeit einen gewissen (Zweck-)Optimismus noch gut gebrauchen können. Die ebenfalls aus dem Zusammenbruch der European League of Football (ELF) hervorgegangene Konkurrenzliga American Football League Europe (AFLE) will eine Woche nach der EFA ihren Spielbetrieb aufnehmen. Kösling und Frankfurt Galaxy hoffen aber vor allem, mit Garbers tatsächlich jemanden gefunden zu haben, der nicht nur beim schweren Auftakt gegen Paris die beste Wahl sein wird, sondern der auch in der Lage ist, das Team mittelfristig wieder dahin zu bringen, wo es sich selbst sieht. Seit der ELF-Meisterschaft im Jahr 2021 blieb Galaxy immer wieder hinter den eigenen Erwartungen zurück, weitere Titel gewann Frankfurt keine. Zumindest wieder konstant erfolgreich zu spielen, den Fans etwas zu bieten, heißt es aus der Mannschaft, sei das klare Ziel. „Die Quarterback-Position ist die wichtigste im Football. Und da waren wir in den vergangenen Jahren nicht immer so aufgestellt, wie wir das gerne gehabt hätten“, sagt Kösling durchaus selbstkritisch mit Blick auf die zurückliegenden Personalentscheidungen, die auch über seinen Tisch gegangen waren. Die Quarterbacks Luke Zahradka oder Matthew McKay etwa konnten die in sie gesteckten Erwartungen nie – oder kaum – erfüllen. Mit Garbers aber, glaubt Kösling, hat er einen Fang gemacht. Und der, das sagt der junge Spielmacher noch, bevor er aufsteht und sich verabschiedet in Richtung Mietwagen und Frankfurter Feierabendverkehr, glaubt das auch.
